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Fluch oder Segen? : Wie Bayern mit Instagram-Pilgern umgeht

  • Aktualisiert am

Gerold: Eine Frau fotografiert sich selbst vor dem Karwendel-Gebirge. Bild: dpa

Mit Bildern und Videos von schönen Flecken auf der Welt zählt Instagram zu den beliebtesten sozialen Netzwerken. Manche Orte profitieren von der Aufmerksamkeit – andere leiden und wollen die Reißleine ziehen. Nur wie?

          Es ist das Naturpanorama mit Bergen und Wäldern. Dieser ganz besondere Lichteinfall am Morgen. Oder eine ungewöhnliche Architektur. Manche Orte haben das gewisse Etwas, sind ein Blickfang – und sollen auf Fotos festgehalten werden. Aber nicht nur als persönliche Erinnerung. Versehen mit einem Hashtag, einer Art Schlagwort, gepostet im sozialen Netzwerk Instagram, das von Bildern und Videos lebt, sollen möglichst viele darauf aufmerksam werden.

          In der Folge sind einige Innenstädte und Seen zu regelrechten Social-Media-Wallfahrtsorten geworden. Welche Orte in Bayern sind als Motiv besonders beliebt – und wie gehen die Einheimischen mit dem Foto-Tourismus um? Vier Beispiele:

          1. Rothenburg ob der Tauber

          Mit seiner mittelalterlichen Altstadt und dem Ruf als Weihnachts-Metropole ist das mittelfränkische Rothenburg ob der Tauber weltweit bekannt – und das schon seit vielen Jahren. Mit einer großen Zahl an Besuchern ist die Stadt daher vertraut. Instagram habe das nicht merklich verstärkt, sagt Stadtsprecher Robert Nehr. Vielmehr sei das soziale Netzwerk eine Möglichkeit, „eine Seite von Rothenburg darzustellen, die man sonst so nicht kennt“.

          So sei auf vielen Bildern stets das Plönlein zu sehen, jener kleine Platz im Herzen der Altstadt. „In der Gegend kann man aber auch toll wandern“, betont Nehr. Dies könne die Stadt über den eigenen Instagram-Kanal transportieren, dem etwa 6000 Nutzer folgen. Es gebe auch Anfragen von sogenannten Influencern (frei übersetzt „Einflussnehmer“), also Leuten, die vor allem in sozialen Netzwerken viel Aufmerksamkeit bekommen und ihre Präsenz unter anderem für Werbung nutzen. Die führe er dann in der Stadt herum, sagt Nehr.

          2. Neues Museum Nürnberg

          Glasfassaden, viel Stahl – und eine gewundene schwarz-weiße Treppe, die an ein modernes Schneckenhaus erinnert: Das Neue Museum in der Frankenmetropole Nürnberg haben viele Instagram-Nutzer als Motiv für sich entdeckt. „Wir nehmen schon wahr, dass wir mit unserer Treppe, aber auch mit der großen gewölbten Glasfassade ein Ort sind, an dem bei Instagram viele Fotos gemacht werden“, sagt Museumssprecherin Eva Martin. Auch viele Selfies, also Selbstporträts, entstünden dort. Das falle seit etwa eineinhalb Jahren verstärkt auf.

          Für Ärger sorge das aber nicht. Es gebe keine Trauben von Menschen, die den Museumsbetrieb einschränkten oder störten. Im Gegenteil: „Wir freuen uns darüber, denn die Architektur ist für unser Haus einer der Image-Faktoren“, betont Martin. Zum anderen sei das Museum selbst aktiv bei Instagram. Wichtig sei ihr aber, dass das Museum nicht nur als Kulisse wahrgenommen werde, sondern als ein Haus mit Inhalten.

          3. Bad Wörishofen

          Auch im Kneippkurort Bad Wörishofen im Unterallgäu ist Instagram ein wichtiges Thema. Von fotohungrigen Menschenmassen sei man dort aber noch weit entfernt, sagt Cathrin Herd, die das Marketing für den Ort verantwortet. Auch wenn der Kurpark mit Rosengarten und Barfußweg schon jetzt ein beliebtes Motiv sei. Sie will Instagram nutzen, um vom Image als Alte-Leute-Ort wegzukommen und langfristig mehr Aufmerksamkeit nach außen zu schaffen. Rund 900 Menschen haben den Kanal derzeit abonniert. „Momentan ist es eher so, dass uns Leute aus dem Ort folgen oder Besucher, die hier gewesen sind.“

          Dabei soll auch eine Influencerin helfen. „Die kommt uns im Sommer besuchen“, sagt Herd. An Influencern komme man heute nicht mehr vorbei. „Die wissen genau, was der Markt will.“

          4. Barmsee und Geroldsee

          Für den Barmsee und den Geroldsee, beide idyllisch gelegen vor Wetterstein und Karwendel im Voralpenland, ist die Aufmerksamkeit in den sozialen Medien dagegen mehr Fluch denn Segen. „Wir machen keine Werbung mehr dafür, das läuft allein über neue Medien - und die Seen werden überlaufen“, klagt der Bürgermeister der Gemeinde Krün, Thomas Schwarzenberger (CSU). „Es ist so, dass sich in den letzten Jahren da eine Szene entwickelt hat, die Bilder macht von schönen Landschaften, die sie irgendwoher kennen, und dann online stellen.“ Dabei seien Trampelpfade quer durch die Wiesen entstanden.

          Das Problem: Der große Zulauf an Menschen, die am Seeufer Fotos machen wollen, sei nicht zu kontrollieren. Schilder sollen ab Frühjahr das Bewusstsein der Instagram-Touristen schärfen, Details dazu sind noch offen. Zäune seien keine Option. Denn die müssten erhalten werden und das koste Geld. Eine weitere Überlegung seien Schranken. Allerdings müssten die Besitzer der Grundstücke diese auch weiterhin erreichen können. Bürgermeister Schwarzenberger hofft auf die Vernunft der Menschen, die sich zwar als naturbewusst ausgäben. Aber: „Wir nehmen da eine Art von Egoismus wahr.“

          Das sagt der Experte

          Dass vor allem Instagram neue Möglichkeiten bietet, aber auch Herausforderungen darstellt, weiß auch Armin Brysch. Er forscht an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Kempten unter anderem zu den Themen Marketing und Tourismus in der Digitalisierung.

          „Die negativen Folgen für eine Destination oder einen Ort sind nicht durch soziale Medien ausgelöst worden, sondern haben durch das unbegrenzte Teilen und Verbreiten von einzelnen Motiven eine Entwicklung verstärkt und sichtbarer gemacht“, erklärt Brysch. Damit meint er das Phänomen „Overtourism“, also den Konflikt zwischen Einheimischen und Besuchern an stark besuchten touristischen Zielen. Klassiker seien Venedig, Dubrovnik oder Barcelona.

          Die Destinationen müssten sich die Frage stellen, was sie mit einer Kombination aus Fotos und Hashtags aktiv tun wollen, um den klassischen Bildern entgegenzuwirken. Denn häufig würden stets die gleichen Motive kommuniziert. Als positives Beispiel nennt Brysch den Instagram-Auftritt von Bad Wörishofen: „Mit kurzen Kneipp-Zitaten posten sie einen Gedankenanstoß im Alltag. Diese Text/Bild-Stimuli finde ich aus Marketing-Gesichtspunkten sehr gelungen.“

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