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Schauspieler Moritz Vierboom : Durch die Biene

Die Bienen als Gegenüber, fast wie ein Publikum: Moritz Vierboom beobachtet seine Arbeiterinnen bei der Heimkehr. Bild: Julia Zimmermann

Von Bienen kann man viel lernen, findet der Schauspieler Moritz Vierboom. Ruhe, Gemeinsinn, Vertrauen in den Moment. Dass ausgerechnet die äußert robuste Honigbiene inzwischen bedroht ist, erkennt er als dramatisches Zeichen.

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          „Das ist doch beruhigend, oder?“ Moritz Vierboom löst seinen Blick für einen Moment von dem Summen und Schwirren vor dem Bienenstock. „Wenn ich hier bin, vergesse ich die Welt.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die verwilderte hintere Ecke des Gemeinschaftsgartens am St.-Elisabeth-Friedhof in Berlin-Mitte ist alles andere als ein lauschiger Ort. Wenige Dutzend Meter entfernt rauschen auf der Bernauer Straße die Autos, auf dem ehemaligen Mauerstreifen machen Familien und Pärchen ihren Sonntagsspaziergang. Überall Brennnesseln und anderes Unkraut.

          Es ist das erste sonnenwarme Wochenende im März, und weil weder die gewaltige Linde noch der Hagebuttenstrauch direkt hinter dem Zaun schon Blätter haben, die die angrenzende Bebauung verdecken würden, wirkt diese fragwürdige Oase vor allem: urban.

          Nie nähme er ihnen den gesamten Honig weg

          Vierboom jedoch zeigt auf seine Bienen, die mit prall gefüllten Pollenhöschen von ihrem ersten Frühlingsflug zurückkehren, und redet von einer besseren Welt. Von einer Demokratie, in der alle zusammen die bestmögliche Entscheidung treffen. Von einer Wirtschaft, die natürliche Ressourcen in einem geringeren Maße nutzt als aufbaut. Von einem Organismus, in dem sich jeder am Gemeinwohl orientiert. „Das soziale Wesen der Bienen fasziniert mich“, sagt er. Die Begeisterung ist ihm anzumerken, wie er da gestikuliert und erklärt und dabei den Bogen spannt vom kleinsten Detail zum philosophischen Ganzen. Kein Wunder, dass dieser Mann sich nicht als Imker versteht: „Ich würde sagen, ich bin Bienenhüter.“

          Begeisterung für filigranen Wabenbau: Schauspieler Moritz Vierboom ist auch Imker.
          Begeisterung für filigranen Wabenbau: Schauspieler Moritz Vierboom ist auch Imker. : Bild: Julia Zimmermann

          Eigentlich hat der 37 Jahre alte Kölner einen ganz anderen Beruf. Vierboom, Sohn einer Niederländerin und eines Portugiesen, der sich deshalb „so eine richtige europäische diverse Menschenmischung“ nennt, ist Schauspieler. Er hat nach dem Abitur in Köln seine Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien gemacht und sechs Jahre dem Ensemble des Burgtheaters angehört. Seit 2013 lebt er in Berlin und arbeitet frei für verschiedene Theater-, Film- und Fernsehproduktionen. Derzeit ist er als niederländischer Botschaftsmitarbeiter in der Comedy-Serie des Bayerischen Rundfunks „Das Institut – Oase des Scheiterns“ zu sehen. Das aber, was er als seine „School of Life“ bezeichnet, weil weder „Hobby“, noch „Leidenschaft“ oder „Berufung“ treffend klingen für ihn, ist die wesensgemäße Bienenhaltung.

          Ein konventioneller Imker kann aus einem Volk Bienen, wenn es gut läuft, 100 Kilogramm Honig im Jahr erwirtschaften. Vierboom kam im vergangenen Jahr auf zwölf. Das ist der Preis dafür, dass er seine Bienen im Wesentlichen in Ruhe das tun lässt, was Bienen eben tun. Nie nähme er ihnen im Herbst ihren gesamten Honig weg, um die Tiere mit Zucker durch den Winter zu bringen. Die künstliche Königinnen-Zucht, die Begattung der Königin durch Menschenhand, empfindet er als so brachial und anmaßend, dass er angewidert das Gesicht verzieht.

          Dann hält Vierboom eine Wabe aus dem vergangenen Jahr ins Gegenlicht: ein filigranes Gebilde, das gleichzeitig perfekt geometrisch und an der Schwerkraft ausgerichtet ist. Die wesensgemäße Bienenhaltung, die sich in ihren Anfängen vor rund 40 Jahren unter anderem an der Philosophie Rudolf Steiners orientierte, betrachtet die Wabe analog zum Skelett des Menschen als „Rückgrat des kollektiven Bienen-Organismus“. Anders als der herkömmliche Imker zieht Vierboom deshalb keine Mittelwände aus Wachsplatten in den Bienenstock ein, die den Waben-bau beschleunigen und standardisieren würden.

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