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Zwischen Moderne und Tradition : Iran ganz anders

  • -Aktualisiert am

Gerade die Jugend in Iran geht ihre eigenen Wege. Bild: Dietmar Denger/laif

Iran ist moderner, als viele denken: Unser Blick auf das Land wird verzerrt von der Tagespolitik. Dabei ist der historische und kulturelle Reichtum einzigartig. Eine Liebeserklärung.

          7 Min.

          Hafis könnte sich kaum eine angenehmere Ruhestätte ausgesucht haben. Zierliche Mandarinenbäume umgeben das achtsäulige Grabmal des Dichters in der südiranischen Stadt Schiras. Eine Nachtigall zwitschert dem Abendhimmel entgegen. Im Wasser der Bassins spiegelt sich die funkelnde Mosaikdecke des Bauwerks, während seichte Lautenklänge aus Lautsprechern die warme Luft erfüllen.

          Vor dem weißen Marmorsarkophag besetzen Fans des Nationalpoeten die Treppenstufen: Gruppen von Studenten, ein verträumtes Liebespaar, Familien mit Mädchen in Jeans und Großmüttern im schwarzen Tschador. Jemand hat dunkelrote Rosenblätter auf der kalligraphisch geschwungenen Grabinschrift verstreut.

          Es ist eine Atmosphäre, als wäre Hafis' Poesie Wirklichkeit geworden. Die meisten Pilger tragen eine Ausgabe seines „Diwan“ in der Tasche, jener berühmten Sammlung von Hunderten Gedichten, die 1812 zum ersten Mal in der Übersetzung des österreichischen Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall in deutscher Sprache erschien.

          Drohungen aus Washington

          Seit mehr als 600 Jahren sind Hafis' Verse ein Zufluchtsort für Iraner. Ein Orakel, um schwere Fragen zu beantworten, ein chiffrierter Ratgeber, ein vertrautes Zuhause in unruhigen Zeiten. Hafis bekamen die meisten Iraner schon auf dem Schoß ihrer Großeltern vorgelesen. Er gilt als Meister der Metapher und Hüter aller Geheimnisse – kaum ein Iraner, der nicht in seiner poetischen Bilderwelt aufgewachsen ist.

          Feier des Lebens: Mit dem „Diwan“ des Dichters Hafis, hier eine Miniaturmalerei dazu aus dem 17. Jahrhundert, sind viele Iraner aufgewachsen.
          Feier des Lebens: Mit dem „Diwan“ des Dichters Hafis, hier eine Miniaturmalerei dazu aus dem 17. Jahrhundert, sind viele Iraner aufgewachsen. : Bild: Picture-Alliance

          Mein erster Iranbesuch vor fast zehn Jahren hinterließ einen bleibenden Eindruck. Begeistert von den herzlichen Begegnungen mit Iranern und ihrer Kultur entwickelte ich die fast messianische Gewohnheit, Freunden in Deutschland zu erklären, dass Iran überhaupt nicht so sei, wie sie immer dachten. Was heute unter Iran-Reisenden und Youtubern schon fast plattitüdenhaft wirkt, war damals noch eine überraschende Erkenntnis.

          Besonders die Stimmung im Hafis-Garten in Schiras war so ziemlich das Gegenteil von den Eindrücken faustschwingender Eiferer, Flaggenverbrenner und keifender Potentaten, die uns aus Iran im Fernsehen serviert wurden. „Wisst ihr, dass sich jeden Tag scharenweise junge Iraner in Hafis' Mausoleum Gedichte vorlesen?“, pflegte ich meine Gegenüber zu fragen. Dann folgte ein Vergleich, den ich mir eigens für die Pointe erdacht hatte. „Das ist, als strömten deutsche Jugendliche nach Weimar an Goethes Grabmal, um einander aus dem 'Faust' vorzulesen.“

          Schon vor der Corona-Pandemie begann das Jahr für Iran nicht gut. Im Januar mussten die Iraner einen Tweet lesen, der nicht nur ihnen selbst übel aufstieß. Im Schlagabtausch zwischen Amerika und Iran drohte Präsident Donald Trump für den Fall, dass amerikanische Soldaten bei iranischen Angriffen zu Schaden kämen, mit der Zerstörung von 52 persischen Kulturstätten.

          Die Unesco protestierte. Auch ich konnte es kaum fassen. Zwar kennt man inzwischen Trumps Tiraden, doch in der Hitze der Ereignisse schien selbst so eine Wahnsinnstat einen Moment lang möglich. Was, wenn der amerikanische Präsident seine Drohung wahrmachen würde? Wenn Hafis' friedlicher Garten in Schutt und Asche gebombt würde?

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