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Wohnen und Einrichten : Wir sind alle Skandinavier

Helle Töne, klare Linien, viel Holz und der Paimio-Sessel von Alvar Aalto: So lebt es sich in einer Villa an der schwedischen Küste. Bild: Ake E:son Lindman/DVA

Zumindest wenn es ums Einrichten geht. Denn die Deutschen orientieren sich vielerorts am skandinavischen Design. Doch was macht den nordischen Stil bloß so erfolgreich?

          Der Blick in ein Zimmer. Es ist hell, wirkt klar und aufgeräumt. Farblich dominieren Weiß und Grau, Holz liegt nicht nur auf dem Boden. In dem Raum stehen wenige Objekte, doch keines drängt sich in den Vordergrund. Ganz klar, wir sind in Skandinavien! Nicht unbedingt. Denn der nordische Einrichtungsstil ist mittlerweile so weltumspannend wie das größte Möbelhaus, das nicht zufällig aus Schweden stammt und seinen Beitrag zur Globalisierung dieses Lebensgefühls geleistet hat. Skandinavisch wohnt es sich nicht mehr nur im europäischen Norden: Hochglanzmagazine zeigen brasilianische Villen und australische Künstlerehepaare, die dem reduzierten Stil huldigen. Eines der profiliertesten Geschäfte für nordisches Design hat seinen Sitz in England, und der Einrichtungs-Blog Vosgesparis wird in Amsterdam geschrieben. Neuerdings sind wir alle Skandinavier. Zumindest, wenn es ums Wohnen geht.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der nordische Stil war in den vergangenen Jahrzehnten immer präsent, deutlich weniger dem launischen Geschmack der Möbelkäufer unterworfen als italienisches oder britisches Design. Doch seitdem das Internet jederzeit und überall virtuelle Rundgänge durch die Wohnungen fremder Menschen erlaubt, hat er sich in der westlichen Welt durchgesetzt wie kein anderer. Nicht immer in seiner Reinform, sondern häufig auch als Basis für einen Stilmix. Die bewusste Reduktion bildet einen Rahmen, in dem auch bunte marokkanische Teppiche und ausgesuchte Antiquitäten strahlen können.

          Warum ist die skandinavische Moderne immer noch so beliebt, obwohl viele der stilprägenden Objekte bald 100 Jahre alt werden? Paimio, der wohl bekannteste Sessel des finnischen Architekten und Designers Alvar Aalto, entstand im Jahr 1931. Die Pendelleuchte PH von Poul Henningsen, von der es heißt, dass sie in der Hälfte aller dänischen Häuser hängt, sogar schon im Jahr 1926. Und auch der Egg Chair, einer der beliebtesten Wohnklassiker überhaupt, wurde 1958 von Arne Jacobsen für das SAS-Hotel in Kopenhagen entworfen.

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          Chrystina Schmidt, Designerin mit finnischen Wurzeln und Autorin des Buches „Skandinavian Modern“ (Ryland Peters), ist überzeugt, dass die Gründe für den Erfolg des nordischen Stils in der Geschichte der Region zu finden sind. „So unterschiedlich die Länder auch sein mögen: Es sind alles agrarisch geprägte Gesellschaften. Die Vorliebe für pragmatische Lösungen liegt in ihrer DNA.“ Heute treffen diese Lösungen auf eine Sehnsucht nach Einfachheit in einer immer komplexer scheinenden Welt.

          PH von Poul Henningsen

          Bis ins 20. Jahrhundert war das Leben im Norden hart und das Geld knapp. Die Häuser waren einfach und funktional eingerichtet, für Dekoration waren weder Zeit noch Mittel vorhanden. Mehr noch als in anderen Weltgegenden, hatte modernes skandinavisches Design zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Anspruch, das Leben der Bevölkerung zu erleichtern. Die Designer waren überzeugt, dass einfache, gut gearbeitete Produkte das Leben besser machen können. Und diese Überzeugung wurde von der Bevölkerung geteilt - im Gegensatz zu vielen anderen Ländern Europas, wo die Vorstellung von gutem Design als Stütze im Alltag intellektuellen Kreisen vorbehalten blieb. In Skandinavien war die Verbindung zwischen Politik und Design von Anfang an sehr eng. Ab den dreißiger Jahren dominierten die Sozialdemokraten die politische Bühne und arbeiteten daran, Stadt und Land nach ihren Vorstellungen zu gestalten: Private und öffentliche Gebäude entstanden in kurzer Zeit und gaben Architekten und Designern den Raum, neue Ideen auszuprobieren. Die Idee des Funktionalismus als einem Gestaltungsprinzip, in dem die Funktion die Form bestimmt und nicht umgekehrt, setzte sich im Norden Europas nachhaltiger durch als in anderen Ländern. Vielleicht, weil die skandinavische Spielart weniger radikal war als etwa die Neue Sachlichkeit in Deutschland. Trotz seiner Zurückgenommenheit wirkt das nordische Design aus dieser Zeit keineswegs hart und abweisend, sondern stellt den Menschen mit seinem Bedürfnissen in den Vordergrund. Natürliche Materialien wie Holz und Leinen strahlen zudem mehr Wärme aus als Stahl und Beton.

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