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Hotelbadezimmer : Der gläserne Gast

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Bad und Bett: Im Hotel Q in Berlin verschmelzen nicht nur Räume, sondern gleich die Möbelstücke. Aber keine Angst, eine separate Dusche ist trotzdem noch im Zimmer untergebracht. Bild: Hotel Q

Kein Beton, keine Trennwände, bestenfalls Glas: Wo sind in den Hotels bloß die Badezimmer abgeblieben? Bei einem Betriebsausflug etwa kann das leicht peinlich werden.

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          Angenommen, man würde morgen mit seiner Chefin auf Dienstreise gehen. Vielleicht ist an diesem Ort gerade Messe, und es gibt so kurzfristig nur noch ein einziges Hotelzimmer. Oder es ist im Unternehmen gang und gäbe, dass sich Kollegen, wenn sie unterwegs sind, Zimmer teilen. Spätestens wenn alle zusammen auf Betriebsausflug fahren, kommen Konzerne auf solche Ideen.

          Dann steht man jedenfalls mit seiner Chefin oder einer Kollegin in einem schuhkastengroßen Zimmer, mit Doppelbett, zwei Nachttischen, einem kleinen Schreibtisch und Sessel, Einbauschrank sowie Waschbecken, Handtuchhalter und Dusche. Trennwände? Zumindest die Toilette ist meist noch in einer separaten Kammer untergebracht.

          Im Konflikt mit veränderten Reisegewohnheiten

          Ansonsten aber ist es cool, seit, sagen wir, dem Beginn des neuen Jahrtausends, das Badezimmer in Hotelzimmern wegzulassen. Es gibt zwar noch ein Bad, aber eben kein separates Zimmer. Zwischen Bad- und Schlafbereich baumeln vielleicht dünne Vorhänge. Oder, wenn man Glück hat, sind da zwei Wände - und eine aus Glas, jene, die zum Doppelbett zeigt. Wie verhält man sich da, wenn man selbst noch im Bett liegen bleiben muss, weil die Chefin gerade am Waschbecken gurgelt? Umdrehen und aus dem Fenster schauen?

          Warum haben immer mehr Hotelzimmer kein separates Badezimmer? Gerade jetzt, in Zeiten, da Unternehmen im Vergleich zu früher oft weniger als mehr Reisebudget haben; da sich Eltern und ihre erwachsenen Kinder so nahe stehen wie selten zuvor, somit auch wieder öfter gemeinsam in den Urlaub fahren, dort ohne weiteres ein Zimmer teilen, aber sich nicht eine Woche oder länger morgens und abends nackt sehen wollen; in Zeiten, da es an Gelegenheiten kaum fehlt, um mit den nicht unbedingt allerbesten Freunden übers Wochenende wegzufahren, zum Junggesellenabschied, als Geschenk zum Vierzigsten, aus Tradition, immer kurz vor Weihnachten.

          Träume hervorbringen, die man zu Hause nicht ausleben kann

          Nur so viel: Mit Feng Shui hat diese Verschmelzung von Schlafen und Baden nichts zu tun. Im Gegenteil, die Harmonielehre folgt den Gesetzen der Geborgenheit. Nach Feng Shui klingt das Rauschen der Hoteldusche rechts des Bettes wie eine Bedrohung. Vielmehr wollen die Hotels wohl mit der Transparenz ein idealtypisches Profil ihrer Klientel zeichnen. Wer hätte nicht gern Gäste, die superlocker, superoffen sind? Die ein so supergutes Verhältnis zu ihren Mitreisenden pflegen, dass sie die Transparenz im Badezimmer in Kauf nehmen. Schließlich folgen Funktion und Hygiene dem Design, und es sieht ja schon cool aus, wie die Natur von draußen über die großen Fenster scheinbar bis unmittelbar vor die Dusche rückt.

          Becken und Bett: Vom Waschtisch bis unter die Daunendecke ist es im Berliner 25hours Hotel nicht weit.
          Becken und Bett: Vom Waschtisch bis unter die Daunendecke ist es im Berliner 25hours Hotel nicht weit. : Bild: 25 hours Berlin

          Die Raum-in-Raum-Lösung mit all ihren Widrigkeiten ist übrigens nicht zu verwechseln mit der Badewanne, die loftartig mitten im Zimmer steht oder gleich mit dem Bett verbunden ist, wie im Berliner Hotel Q. Wolfram Putz, einer der Gründer des Architekturbüros Graft, ist für die gewagte Konstruktion im Q verantwortlich. Ihm ging es damals darum, mit einem Möbelstück Träume hervorzubringen, die man zu Hause nicht ausleben kann. Schön und gut, irgendwo ist schließlich auch eine separate Dusche untergebracht. An der Wanne kann man sich erfreuen, wenn man mit seinem Partner eincheckt, oder man ignoriert sie. „Uns interessiert es, Grenzen aufzulösen, die das Wohnen ausmachen“, sagt Putz. „Es gab damals Untersuchungen, dass die Menschen in Hotels öfter baden als zu Hause. Das Thema mussten wir bedienen.“

          Zwänge, die mit Coolness überschminkt werden

          Bäder werden in Hotels zu transparenten Orten im Schlafzimmer: Man kennt das Phänomen aus der heimischen Küche. Sie ist heute wie selbstverständlich Teil des Wohnzimmers. „Warum müssen Küchen überhaupt noch aussehen wie Küchen?“, fragt Putz. „Kann man die Spüle nicht verstecken?“

          Nur lässt sich die Zimmertemperatur dort von vornherein besser angleichen, als es zwischen Bad (23 Grad) und Schlafzimmer (18 Grad) möglich wäre. Trotzdem: Könnte das Badezimmer in Wohnhäusern auch langfristig ins Schlafzimmer gesetzt werden? „Das Badezimmer ist ein Intimbereich. Die Schamgrenze wird bleiben“, sagt Wolfram Putz. Mit anderen Worten: Auf Dauer hält es keiner aus, gläserner Gast zu sein.

          Wenn also Hotels auf Badezimmer verzichten, dann handelt es sich vor allem um Zwänge, die mit Coolness überschminkt werden. Der Platz ist knapp, die Zahl der Betten wird später Gold wert sein. Und dann wirken die Räume mit Bädern in den Schlafzimmern auch noch größer und heller, es fehlen die Brüche. Nur die Gäste treten sich gegenseitig auf die Füße. Wenn man schon auf Privatsphäre verzichten muss: Wie wäre es dann mit mehr Platz, mit Gemeinschaftsduschen, wie früher in der Jugendherberge? Dann aber mit besserer Bodylotion!

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