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Großstädter ziehen aufs Dorf : Die Sehnsucht nach dem guten Landleben

  • -Aktualisiert am

„Ich glaube, dass die Bewegung von der Stadt aufs Land jetzt erst so richtig losgeht“, sagt Lola Randl, die seit zehn Jahren in der Uckermark lebt. Bild: Matthias Lüdecke

Entschleunigtes Leben auf dem Dorf? Regisseurin Lola Randl ist von Berlin-Mitte in die Uckermark gezogen – und hat ein Hipster-Idyll in der Natur gegründet. Für viele Auswanderer bedeutet es eine Verheißung.

          Das Wichtigste vorweg: Es ist keine gute Idee, Gerswalde ein Hipsterdorf zu nennen. Da verdrehen in der Uckermark alle die Augen, die Alteingesessenen und die Zugezogenen aus Berlin. Man will nicht das nächste Neukölln sein, bloß „jwd“. Und sie haben ja recht. An einem Freitagvormittag sieht dieses Gerswalde aus wie ein ganz normales brandenburgisches Dorf: ziemlich menschenleer. Erstaunlich viele Lastwagen rumpeln auf der Landesstraße 24 durch den Ort, die A11 nach Berlin und Stettin ist nicht weit. Ansonsten herrscht Ruhe. Eine Dame schiebt ihren Rollator vorbei. Vor dem kleinen Supermarkt hält ein Auto.

          Im Gasthaus schrecken die Bedienungen aus dem Gespräch hoch. Einen Leberkäse mit Kartoffelpüree und gedünsteten Zwiebeln später ist alles gesagt. Auch darüber, wie schwierig es auf dem Land mit der Arbeit ist. Saisongastronomie, Altenpflege, Baugeschäft – viel mehr gibt es nicht. Auf dem Platz vor der Kirche radelt plötzlich ein Mann mit Wollmütze auf einem Fixie vorbei. In Neukölln fiele er nicht weiter auf. Aber hier?

          Ganz so einfach ist das mit den Hipstern nämlich nicht, wie es die Gerswalder gerne hätten. Wer schon einmal an einem Wochenende oder Feiertag zwischen Mai und Oktober in Gerswalde war, der weiß: Die Berliner Tageszeitungen und Instagram irren nicht, wenn sie die Leute hierher schicken. Dann parken auf den Straßen auffällig viele Autos mit dem dicken „B“. Häufiges Ziel: der große Garten.

          Wer durch das offene Tor der Gartenmauer an der Straße mit dem schönen Namen Dorfmitte tritt, landet direkt im Idyll. In einem Landidyll, wie es sich der gestresste Großstädter schöner nicht ausmalen könnte. Ein Hanggrundstück, stufenweise abfallend zu einem Wäldchen. Der Blick geht ins Offene. An der Hangkante stehen aufgereiht ein paar Gebäude in DDR-Putzgrau, ein Wohnhaus, Scheune, Schuppen, Gewächshaus. Auf den Terrassen Beete und Gras, Tomaten wachsen hier, Mangold, Kürbis, Kräuter, Blumen, einmal quer durch den Garten. Ein einnehmend schöner Ort – je nach Geschmack verwunschen, urwüchsig oder auch lässig.

          Im Garten: Marie Randl hilft ihrer Tochter bei der Verwirklichung ihres Traums.

          Und als reichte diese Schönheit nicht schon aus, verkauft Fischmann Micha vor dem Schuppen selbstgeräucherte Saiblinge. Nebenan, im Gewächshaus, servieren Japanerinnen Matcha-Käsekuchen und Curry mit Gemüse aus den Beeten. Samstagabends öffnet die Bar „Paradieschen“, dann mixt Olaf Drinks unter freiem Himmel. Fast zu gut, um wahr zu sein.

          Jetzt, im November, ist die Saison aber vorbei und der Garten geschlossen. Die Hipster überwintern in der Stadt, aber eine ist noch da, eigentlich immer da. Sie hat dieses neue Gerswalde überhaupt erfunden: Lola Randl. Die Filmemacherin, Netzwerkerin, Ideengeberin wohnt seit zehn Jahren im ersten Haus am Platz, gegenüber der Kirche. Sie lockt die Menschen in dieses gar nicht so hübsche Dorf zwischen Prenzlau und Templin und öffnet ihnen die Augen für die Möglichkeiten, die in den leeren Häusern und der weiten Landschaft wohnen.

          Der Traum der Großstadt-Hipster: die Uckermark. In der Ferne liegt Gerswalde.

          Wie sie das macht? Auf jeden Fall mit ziemlich viel Power. Beim Gespräch in ihrer Wohnküche regelt sie wie nebenbei die Familienlogistik. Die Achtunddreißigjährige hat mit ihrem Mann Philipp Pfeiffer zwei Söhne, acht und fünf, ihre Mutter Marie Randl wohnt auch im Haus. Das männliche Au-pair wird instruiert, Brote werden geschmiert und Telefonate geführt. Ihre Stimme klingt immer ein wenig atemlos, aber sie kann nicht anders.

          „Das Bestimmende für mich ist die Unruhe“, sagt sie. Ruhiger zu werden habe sie schon versucht, es aber nicht geschafft. „Immerhin habe ich herausgefunden, dass die Unruhe am friedlichsten ist, wenn ich ihr gehorche. Dann stellt sich fast eine Art Ruhe ein.“

          Alles wächst, aber in seinem eigenen Tempo

          Langeweile lässt Lola Randl jedenfalls nicht aufkommen. Als vor knapp vier Jahren die ehemalige Schlossgärtnerei der von Arnims zum Verkauf stand, schlug sie mit ihrer Familie sofort zu und schuf den großen Garten. Bei aller Schönheit ist das bis heute vor allem eine große Baustelle, zusätzlich zu der Dauerbaustelle, in der Randl selbst wohnt, und den anderen Baustellen im Ort, die ein Kreis aus Mitstreitern unterhält. Der Mann auf dem Fixie, Jan heißt er, gehört dazu.

          „Wir haben keinen Masterplan.“ Dafür fehle schlichtweg das Geld. Alles wächst, aber in seinem eigenen Tempo. In das Haus neben dem Garten ist gerade eine Hebamme mit Familie gezogen, sie will dort ein Geburtshaus eröffnen. „Ich glaube, dass die Bewegung von der Stadt auf das Land jetzt erst so richtig losgeht“, sagt Lola Randl. „Weil die Städte immer teurer und voller werden.“

          Randl hat ihr gar nicht mal so schönes Dorf Gerswalde zum Ziel sinnsuchender Stadtmenschen gemacht, auch den „großen Garten“.

          In Gerswalde gebe es mittlerweile etwa zehn Haushalte von Zugezogenen, Familien und Einzelpersonen. Manche arbeiten in Kreativberufen, die sie dank Internet überall ausüben können. Andere wenden sich dem Handwerk zu und werden schnell zu gefragten Helfern. Bereut hat Lola Randl den Umzug aus Berlin-Mitte aufs Land nie, auch wenn es verschiedene Stufen des „Was habe ich da eigentlich gemacht?“ gegeben habe, wie sie lachend erzählt. Ihre Kraft und Zuversicht wirken schon bei der ersten Begegnung ansteckend, womöglich einfach deshalb, weil sie sich so angstfrei durch das Leben bewegt. Eine Galerie? Ein Café? Den Imbissstand vorm Supermarkt wiederbeleben? Lola Randl probiert vieles aus, und sollte es mal nicht klappen, fällt ihr etwas Neues ein.

          Filme dreht die gebürtige Münchnerin ebenfalls, zuletzt vor allem in und über Gerswalde. Beispielsweise die zwölfteilige Serie „Landschwärmer“, für die sie Städter bei ihren manchmal komischen, manchmal verzweifelten Landleben-Versuchen begleitet hat. Gegengeschnitten hat sie Besuche bei Einheimischen, die den Alltag im Dorf so viel würdevoller meistern. Bei der Kartoffelernte, beim Schlachten von Hühnern, Hasen oder Schweinen. Während „Landschwärmer“ eine dokumentarische Haltung hat, ist die Sache bei ihrem neuen Langfilm „Von Bienen und Blumen“, der Anfang 2019 ins Kino kommt, komplizierter: Auch er spielt in Gerswalde, vor allem im großen Garten, und zeigt sinnsuchende Stadtmenschen im Wechsel der Jahreszeiten, mehr oder weniger amüsiert beobachtet von den Einheimischen. Doch in diese Szenerie hat Randl eine scheinbar autobiografische Geschichte gewoben, eine Dreiecksbeziehung zwischen ihr selbst, ihrem Mann und ihrem Liebhaber Bernd, der auch im Dorf wohnt. Zudem gibt es die Figur der Soziologin, die über das Verhalten des „postkapitalistischen Individuums“ schreibt und die Geschehnisse kommentiert. Vieles ist mehrdeutig, es bleibt unklar, wo die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verlaufen.

          Randl machte aus dem Dorfleben ein Projekt

          „Jedes Werk kommt aus der Wirklichkeit“, sagt Lola Randl, „woher soll es auch sonst kommen?“ Fiktion könne aber befreiend wirken, weil man Dinge damit einfacher sagen kann. Allerdings habe sie gemerkt, dass nicht jeder das Spiel verstehe und viele die Dreiecksgeschichte für die Realität nehmen. „Die Fiktion schlägt jetzt zurück“, sagt Randl. „Sie ist ebenso stark geworden wie ich.“ Mit dem neuen Film wird Lola Randl endgültig zur öffentlichen Figur. Auch Gerswalde dürfte noch ein bisschen bekannter werden in Neukölln und darüber hinaus.

          Wobei Lola Randl das Dorf gar nicht als erste als Schauplatz entdeckt hat – Jahre zuvor hatte schon Volker Koepp in der Gegend seinen Dokumentarfilm „Uckermark“ gedreht, später kam „Landstück“ dazu. Aber erst Randl und ihre Freunde machten aus dem Leben auf dem Dorf ein Projekt, das viele als Verheißung begreifen. „Jeder merkt, wie sehr unsere Welt im Argen liegt“, sagt sie. „Deshalb kommen die Leute hier raus und suchen wie verrückt nach etwas.“ Vielen reicht ein Apfelfoto für den Instagram-Account, manche machen es nicht unter einem neuen, besseren Leben.

          Falschparken kennt man auch auf dem Land

          Mittlerweile wird ihr diese Bewegung gelegentlich zu viel. „Früher hat uns der Winter zugesetzt, er kann sehr lang und einsam werden.“ Jetzt seien sie eigentlich ganz froh, wenn er kommt. Dann sind sie wieder allein mit Haus, Garten – und Einheimischen. Die spielen in Randls Filmen eine wichtige Rolle, sie erden mit ihrer Präsenz die unter Strom stehenden Städter. Der Zuschauer spürt die Zuneigung der Regisseurin.

          Im Alltag ist das Verhältnis komplizierter, da sind die Alteingesessenen schon mal genervt vom Treiben der „Buletten“, wie sie die Berliner nennen. Falschparken kennt man auch auf dem Land. Richtig Ärger gibt es natürlich ebenfalls: Wenn die Zugezogenen ländliche Ruhe einfordern, während die Einheimischen einen lauen Sommerabend feiern wollen. Lola Randl jedenfalls hat ein gutes Verhältnis zu den Alt-Gerswaldern, wie sie sagt. Allerdings: „Ich frage mich schon, ob das Dorf das Verschiedenartige einfach aushalten muss?“ Als Siedler fühle man sich immer auch schuldig, wenn man anders sei. Deswegen habe sie versucht, Gemeinsamkeiten zu finden – dabei sei das Filmen eine große Hilfe gewesen. Sonst wäre sie nicht mit so vielen Menschen in Kontakt gekommen. Im Übrigen glaubt sie, dass in den Köpfen der Berliner die Uckermark viel voller sei, als sie es tatsächlich ist.

          Eigentlich beginnt Lola Randl gerade erst so richtig, sich mit dem Dorf auseinanderzusetzen. Im März erscheint beim Berliner Verlag Matthes & Seitz ihr erstes Buch mit dem Titel „Der große Garten“. Zuerst als „leichtes, ironisches Gartenlexikon“ gedacht, entwickelte sich beim Schreiben daraus ein essayistisches Buch, das „verschiedene Zeitebenen übereinander legt“. Die Zeit der Adelsfamilie von Arnim, Krieg und Nachkriegszeit, die DDR – für den Band hat sie die Gerswalder Geschichte recherchiert. „Das Buch hat mich weit weggebracht von meinen sonstigen Verfahren. Es war nicht geplant, so tief einzutauchen.“ Ihre Arbeit als Regisseurin stellt sie derweil manchmal in Frage: „Ich habe gar nicht mehr das Bedürfnis, der Welt noch einen Film hinzuzufügen. Aber meine Unruhe wird das nicht zulassen.“

          Die nächste Baustelle gibt es auf jeden Fall schon: Sie möchte eine Akademie gründen, einen Ort, wo sich Menschen mit den Zukunftsfragen auseinandersetzen. Ist die Kleinfamilie noch eine gute Lösung? Was ist mit den Alten? Wie lernen die Kinder? Auch die Landwirtschaft ist ein Thema: Gibt es einen Mittelweg zwischen industrieller Produktion und autarker Kleinbauernwirtschaft? Sie habe gemerkt, dass der Umzug aufs Land auch eine Flucht gewesen sei. „Ich dachte, hier könnte ich den Problemen unserer Welt entkommen.“ Nur um zu merken: „Ein Schaf zu halten oder Kartoffeln anzubauen löst die Probleme nicht.“

          Das Konzept der Akademie nehme schon Formen an, sagt sie. Im Garten gibt es Platz genug, die Scheune soll zum Seminarraum umgebaut werden. Bleibt die noch ungelöste Frage, wie sie weiterhin Geld verdienen kann. Mit Gemüseanbau jedenfalls nicht, viel zu hart. In Berlin teure Naturkosmetik mit schicken Etiketten verkaufen, das wolle sie auch nicht. Vielleicht ist Lola Randl damit endgültig angekommen in der Uckermark – weil sie wie die Einheimischen erfährt, dass gute Arbeit zu finden hier eines der größten Probleme ist.

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