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Monstera deliciosa : Schaut auf dieses Blatt!

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Denn im ausklingenden Biedermeier galt die schlitzblättrige Monstera als gärtnerischer Triumph. Zwar erreichten zu dieser Zeit Zehntausende Pflanzen das europäische Festland, aber keine sah so majestätisch aus wie sie. Als die Fenster größer wurden und die Räume heller und wärmer, holten sich die betuchten Bürger mit Volieren und tropischen Pflanzen ein Stück Exotik in den Großstadtdschungel. Die Monstera war „keineswegs in der Kultur so empfindlich und schwierig wie viele andere Bewohner der Urwälder“, vermerkte Koch voller Bewunderung. Als das Exemplar in den preußischen Gärten so groß wurde, dass es von Sanssouci in Schinkels Palmenhaus auf der Pfaueninsel umziehen musste, hatten Ableger der Pflanze längst Einzug in die Ankleidezimmer der Damen gefunden, wo sie „allenthalben Wohlgefallen fanden“. Der königliche Hofgärtner gab gern Stecklinge ab, Lithografien besonders schöner Blätter wurden über Buchhandlungen in ganz Deutschland vertrieben.

Der Botaniker Michael Madison hat die Gattung Monstera bisher am umfassendsten erforscht. Achtzehn Monate verbrachte er dafür in Zentral- und Südamerika, aber auch das ist schon fast 40 Jahre her. Erst von Europa aus, sagt er, hat sich die Monstera bis in die vorletzten Winkel der Erde ausgebreitet, bis nach Hawaii und auf die Seychellen, wo sie sich schwertun, der fast parasitären Spezies Herr zu werden.

Die rasende Verbreitung fußt vor allem auf der hohen Schädlingsresistenz und den geringen Ansprüchen des Fensterblatts (so der deutsche Name). Es verzeiht selbst schlechte Böden und zu viel Licht und überdauert kurzzeitig auch Temperaturen nahe des Gefrierpunkts. Die Monstera ist eine Halbschattenpflanze, und gerade im Haus gibt sie eine imposante Erscheinung ab. „Die Monstera deliciosa sieht ungewöhnlich aus, ist anspruchslos und leicht zu vermehren. Das hat sie mit den heute üblichen Zimmerpflanzen gemein“, sagt der Botaniker Tom Croat, der viele tausend Aronstabgewächse beschrieben hat. „Sie ist die resistenteste Art ihrer Gattung. Nicht unbedingt die schönste.“

Weil Schönheit nun aber im Auge des Betrachters liegt und Widerstandskraft eher nicht, würden Architekten diese Aussage vielleicht so nicht unterschreiben. In den Vereinigten Staaten entwickelte sich die Monstera zu einer Ikone des im vergangenen Jahrhunderts aufkeimenden Mid-Century-Modern-Stils, der der Pflanze einen architektonischen Überbau angedeihen ließ. Die Natur fand ihren Weg in den Raum. Nicht in Form bunter Blütenpracht, sondern als Blattgrün: Ficus, Grünlilie und Schwertfarn waren die Pflanzen der Stunde.

Die Monstera fiel durch die Struktur ihrer Blätter auf, die ihrem Auftreten eine architektonische Komponente gaben. Im Case-Study-Haus von Charles und Ray Eames im kalifornischen Pacific Palisades dominierte eine riesige Monstera deliciosa den Raum und brach die Linien der funktionalen Architektur. Das Grün war den Eames so wichtig wie das Glas, das Holz und die Kunst, und es hält die Wohnung auch nach dem Tod der Designer lebendig, bis heute.

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