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Dem Alltag entfliehen : Geht doch wandern!

  • -Aktualisiert am

Eine Frau wandert in den Schweizer Alpen. Bild: dpa

Raus aus dem Lärm der Großstadt, Schluss mit dem leeren Rauschen der digitalisierten Welt: Beim Wandern entkommen wir dem Wahn unserer Scheinwelt – vor allem, wenn es ins Nichts geht.

          Wer dem unendlichen Geräusch des Lebens entkommen will, sehnt sich nach einer Stille, wie sie heute nur noch fernab der Gesellschaft zu finden ist. Er sucht die Waldeinsamkeit. Und ist trotzdem nicht allein. Die Vögel sind seine steten Begleiter. So folgt er den Romantikern auf dem Fuß und geht allen anderen aus dem Weg. Nur den Eingeweihten, den Wanderfreund, duldet er neben sich. Weil er die Stille erträgt und respektiert.

          Sieben Jahre nach einer Apennin-Überquerung trafen wir uns wieder. Der Plan sah vor, die mentale und physische Befindlichkeit einem spontanen Leistungstest zu unterziehen. Zu Beginn jeder Wanderung – sei es in die Höhe der Gipfel oder in die Weite der Ebenen – stand wie stets die Überprüfung der passenden Ausrüstung. N. meinte, Stock und Hut sollten genügen, leichtes Marschgepäck gleichsam. B. hingegen setzte noch immer auf seine berüchtigten weißen Jil-Sander-Yachtschuhe, die bereits in der Vergangenheit bei zufälligen Begegnungen am Wegesrand von allen rot-weiß-karierten Wanderauthentikern verachtet wurden.

          Sie machten, wie wir beide sofort feststellten, auch Jahre später noch einen wahrlich blendenden Eindruck. Nur die aus allen Nähten platzende juchtenlederne Kniebundhose ließ sich nicht mehr am Gürtel schließen. Stattdessen wählte B. eine hechtgraue weite Hose aus Antilopenleder, darüber der zuverlässige Ohlsdorfer Wetterfleck aus derbem Lodenstoff. N. hatte sich, erdfarbener Kontrapunkt, für eine Kombination aus schlammgestärkten Jodhpurs mit einer sauber abgetragenen Konstablerjacke entschieden. Dazu vielfach neubesohlte argentinische Schnürstiefel aus Pferdeleder.

          Stille der Vögel willen

          Zur Eile zwang uns zum Glück keiner, weder Wandergruppe noch Verein. Allein die Vorstellung, den Gedanken des stillen und ehrfürchtigen Wanderns durch selbst in der Natur unentwegt lärmende Menschen zu zerstören, ließ uns schaudern. Denn Wandern, so waren wir überzeugt, musste elitär sein und bleiben. Unser Tempo war dementsprechend: das eines gemächlichen Ländlers. Eher gemessenes Schreiten oder: Gehen. Nur in dieser Geschwindigkeit, die Mahler einem Satz seiner Symphonie verordnet, ist ein Sehen möglich, das es verdient, Wahrnehmung genannt zu werden. Keinesfalls jene widersinnige übereilte Bewegung der Wanderhorden, die, über Berg und Tal sich einander anschließend, stets mehr zu werden scheinen und unbedingt zu meiden sind. Schließlich sollte unser erlesener Wanderstil in der allmählichen Beobachtung der hier zu erwandernden Region das Selbst in seinem Verhältnis zur begehbaren Naturwelt erforschen.

          Ein Waldspaziergang also weniger im Sinne Ernst Jüngers, denn jede politische Äußerung, so ahnten wir, führte doch nur ins Unterholz. Weil es den Kopf frei hält, war Wandern den Diktaturen stets verhasst wie alles, was das Individuum von der Masse abhebt und trennt. Als Flaneure des Waldes erinnerten wir uns beim Hämmern des Schwarzspechts lieber an die Gedanken der großen Wandermeister. „Im Holz sind Wege, die meist verwachsen jäh im Unbegangenen aufhören. Sie heißen Holzwege.“ So fühlten wir uns mit Heidegger im Marschgepäck als Waldhüter und Holzfäller, die jene Wege eben kannten, weil sie von ihnen selbst geebnet worden waren.

          Blick auf den Grimselpass: Weil es den Kopf frei hält, war Wandern den Diktaturen stets verhasst.

          Beste Voraussetzung also, nach lichten Höhen auf dem Apennin, nun auch den dunklen deutschen Tann zu erkunden. War es dort der edle, wilde Wolf der italienischen Abruzzen, den wir einmal silhouettenhaft am Horizont im Dämmerlicht zu erkennen glaubten, schlug hier der deutsche Buchfink seinen schlichten Ton. Das Schweigen, in der Gruppe unmöglich, wirkt im Wandern umso mehr, da es unabdingbar für das Erhören der Vogelwelt erscheint. Die Antennen der Sinnenwelt sind für alle Richtungen offen, und dennoch bleibt vieles unbestimmt.

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