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Mit Fotograf Victor Palla : Wie kann man Lissabon am besten verstehen?

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Zwischen 1956 und 1958 hörten die beiden nahezu auf, in ihren eigentlichen Berufen zu arbeiten, wanderten Tag und Nacht durch die Stadt, fotografierten, aßen, tranken, sprachen mit Menschen auf den Straßen. Nach Hause gingen sie nur, um Negative zu entwickeln und zu vergrößern. So wurden sie Pioniere der zeitgenössischen Fotografie ihres Landes. Eine Auswahl von 200 Fotografien unter den 6000 Bildern, die bei den Wanderungen durch Lissabon entstanden, ging 1958 in eine Ausstellung ein. Darauf folgte im Jahr danach das Buch „Lisboa, cidade triste e alegre“, das heute als Reprint online zu kaufen ist.

Noch heute kann man in dem Band große Teile des aktuellen Lissabons wiedererkennen.
Noch heute kann man in dem Band große Teile des aktuellen Lissabons wiedererkennen. : Bild: Victor Palla

Für die Autoren war das Werk „das Porträt des menschlichen und lebendigen Lissabons durch seine Bewohner, bei Tag, bei Nacht, in ihren Vierteln, in der Baixa, am Tejo, eine manchmal glückliche, manchmal traurige Offenbarung, immer gefühlt vom Leben einer Stadt. Vielleicht wäre es deshalb angebrachter, es ein 'grafisches Gedicht' zu nennen.“ Ein Gedicht im Übrigen, für das man nicht unbedingt Portugiesisch können muss. Nach der wirtschaftlich erfolglosen Erstausgabe geriet das aufwendig produzierte Buch in Vergessenheit. Erst im 21. Jahrhundert erfuhr es die verdiente weltweite Anerkennung, zumindest in Fachkreisen.

Das Lissabon-Buch mit Costa Martins war nur ein Projekt unter vielen. Porträts und Versuche mit Figuren, Form, Licht ergeben eine bemerkenswerte Sammlung unwiederholbarer Aufnahmen. Die Calouste-Gulbenkian-Stiftung hat das mitunter rastlos wirkende Schaffen Pallas schon 1992, zu seinem 70. Geburtstag, präsentiert. Von der Grafik bis zur Malerei, von der Architektur bis zur Fotografie - das sprunghafte wie auch ehrliche Interesse trieb ihn zu allen möglichen Herausforderungen. Für kurze Zeit wurde Palla überdies Galerist und Keramiker. Seine Malerei und seine Fotoarbeiten sind in einigen der wichtigsten Sammlungen Portugals vertreten.

Eine einzigartige Theke

Victor Palla, der am 28. April 2006 starb, war Architekt, Fotograf, Grafikdesigner, Maler, Lektor, Übersetzer, Autor. Die Kunsthistorikerin Lígia Afonso schrieb über ihn: „Victor Palla, Protagonist einer der wichtigsten und vielseitigsten Reisen des portugiesischen 20. Jahrhunderts, verschwand (...), ohne dass die Dimension seines globalen Werks wirklich verstanden wurde.“ Er habe die verschiedenen Medien sukzessive neu erfunden und neu interpretiert, mit experimentellem Verlangen.

Immer lohnt es sich, die Details der Bilder in den Blick zu nehmen.
Immer lohnt es sich, die Details der Bilder in den Blick zu nehmen. : Bild: Victor Palla

Nachvollziehen kann man das etwa in der Snack-Bar „Galeto“. Die kurvige, umlaufende Theke, an der die Gäste nebeneinander und gegenüber sitzen, dürfte in Lissabon einzigartig sein. Die Farben der Decken und Wände erinnern an Pop-Art, andere Formen an die Romantik. Von frühen Vögeln am Morgen bis zu Nachtschwärmern - für alle ist das „Galeto“ seit bald 60 Jahren geöffnet. Die Idee der Snack-Bar als Ort gleichermaßen für Konsum und Kommunikation, für Genuss und Gesellschaft, wurde schnell populär.

Der rasche Erfolg des „Galeto“ spiegelte damals die Entwicklung der Stadt. Sie wurde moderner, man experimentierte mit neuen Formen der Gestaltung von Räumen, Gebäuden und öffentlichem Raum. Joaquim Bento d'Almeida und Victor Palla waren die Architekten, die diesen und ähnliche Räume entwarfen und so das Konzept der Snack-Bar in Lissabon einführten. Nicht alle von ihnen sind aber in der ursprünglichen Form erhalten.

Das ungewöhnliche Design der Theken des „Galeto“, das einer Art Labyrinth gleicht, hat seine ganz eigene Wirkung. Man sitzt dort womöglich einem anderem Gast gegenüber, was eine spezielle Atmosphäre des Alleinseins mit anderen kreiert. Oder man fühlt sich als Darsteller auf einer Bühne, dem alle anderen zusehen können. Oder man empfindet sich als Zuschauer des Spiels der anderen. Jedenfalls entsteht ein Gefühl, das sich in klassischen Lokalen mit Tischen in Reih und Glied so nie einstellt. Wer das sucht, also fremden Blicken lieber ausweichen will, der immerhin wird im Saal im Untergeschoss des „Galeto“ fündig.

Im „Galeto“ kann man immer noch – Tag und Nacht – auf hohen Hockern sitzend Stunden damit verbringen, seinen Gedanken oder Träumen nachzuhängen, verbunden womöglich mit einigen nicht ganz so produktiven Getränken dazu. Es ist ein unverändert moderner Ort, die Gestaltung wirkt wie aus einem Einkaufszentrum dieser Tage. Ein Ort, der effizient und zweckmäßig ist, der einem aber Zeit gibt, ohne Druck und ohne Ziel zu sinnieren. „Lisboa, cidade triste e alegre“: In dieser Snack-Bar ist sie zu finden – die leuchtende Erinnerung an Victor Palla und sein Werk.

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