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Ferienhäuser : Urlaub vom Reihenmittelhaus

Ferien im Wunderland: Grayson Perrys House for Essex. Bild: Jack Hobhouse

Künftig sollte besser nicht mehr nach dem Urlaubsziel, sondern nach dem Urlaubsort gefragt werden: über den Wipfeln, unter der Erde oder in der Zukunft. Manches Ferienhaus ist ein echtes Wohnlabor.

          5 Min.

          Die meisten Deutschen stellen sich mindestens einmal im Jahr die Frage: „Wo wollen wir Urlaub machen?“ Dabei kann man sich genauso gut fragen: „Worin wollen wir Urlaub machen?“ Denn die Auszeit vom Alltag ist nicht nur eine Möglichkeit, neue Länder, Landschaften und Kulturen zu entdecken, sondern auch die Chance, einmal ganz anders zu wohnen: Wie fühlt es sich an, hoch oben in den Baumwipfeln zu übernachten oder halb unter der Erde? Wie lebte es sich in den zwanziger oder fünfziger Jahren? Kindheitsträume lassen sich ebenso erleben wie Architektur-Utopien.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Ferienhäuser sind das Labor des Wohnungsbaus. Dort werden Sachen ausprobiert, die man sich sonst nicht traut“, sagt Jan Hamer, Architekt und Gründer von Urlaubsarchitektur.de. Die Plattform stellt Häuser, Wohnungen und Hotels vor, die gestalterisch herausragen. Immer mehr Menschen würden ihre Ferien nicht nur nach dem Ort, sondern nach dem Haus aussuchen, glaubt Hamer - mit gutem Grund, wie er findet: „Das Wohnumfeld ist wichtig dafür, ob sich Menschen im Urlaub wohl fühlen.“ Schimmel im Badezimmer, Möbel von der Resterampe und eine schlecht ausgestattete Küche können umgekehrt die Ferien vermiesen. Hamer hat auch eine Idee, warum das so ist: „Die Menschen haben immer weniger Zeit in der Familie, deshalb werden viele Erwartungen auf den Urlaub projiziert. Da muss dann einfach alles stimmen - gerade auch das Wohnumfeld.“

          Er hat beobachtet, dass die Gäste in den Ferien ein Stück weit das Gleiche suchen wie zu Hause, nur etwas experimenteller. Wer im Alltag modern lebt, wird auch am Strand und in den Bergen nach moderner Architektur suchen und sich in Rokoko-Möbeln fremd fühlen.

          Wer nicht nur ein bisschen experimenteller, sondern einmal radikal avantgardistisch wohnen möchte, für den ist Living Architecture die richtige Adresse. Die britische Stiftung hat sich nicht weniger vorgenommen, als die Menschen zu einer moderneren - und nach ihrem Verständnis besseren - Architektur zu erziehen. Initiator von Living Architecture ist der Philosoph Alain de Botton, Autor von Büchern wie „Glück und Architektur. Von der Kunst, daheim zu Hause zu sein.“ Botton ist überzeugt, dass gute Architektur Grundlage für ein besseres Leben ist. Dieses zu vermitteln ist seine Mission, die er mit Hilfe von Ferienhäusern zu erfüllen sucht.

          Living Architecture hat bekannte Architekten beauftragt, Häuser zu entwerfen und zu bauen, die an den Wohngewohnheiten der Menschen rütteln sollen. Botton will ermöglichen, moderne Architektur nicht nur auf Flughäfen und in Museen zu erleben, sondern auch einmal darin zu übernachten. Günstig ist diese Erfahrung nicht: Eine Woche in der „Balancing Barn“, einem silbrig glänzenden Gebäude des niederländischen Architekturbüros MVRDV, das über dem Abgrund zu schweben scheint, kostet im Sommer fast 4500 Euro je Woche. Bottons neueste Errungenschaft ist „A House for Essex“, das der britische Künstler Grayson Perry entworfen hat. Es sieht aus wie eine Mischung aus russisch-orthodoxer Kapelle und Märchenfilmkulisse, von innen genauso bunt und schrill wie von außen. Kein Wunder, Perry hat es auch für eine Phantasiegestalt namens Julie entworfen. Ob es sich auch spektakulär darin wohnen lässt, zeigt sich jedoch erst, wenn die ersten echten Menschen dort zu Gast waren.

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