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Baufreudige Senioren : Durchstarten ins neue Leben

Genussverzicht im Alter? Ach was! Bild: Ilubi Images / unlike by STOCK4B

„Am besten bleibt alles, wie es ist“ war gestern. Vielen Menschen im fortgeschrittenen Alter steht der Sinn nach räumlicher Veränderung.

          Seniorenwohnheime gelten bisher nicht gerade als Spielwiese der Innenarchitekten und Einrichter. Bis vor kurzem noch hätte sich Gisbert Pöppler, hierzulande einer der Topprotagonisten seiner Zunft, einen solchen Einsatz in vier Wänden jedenfalls nur schwer vorstellen können. Doch dann kam der Auftrag eines betagten Ehepaars. Sie: hoch in den Achtzigern. Er: Anfang neunzig. Und plötzlich war das Team des Interior Designers über Monate in einer Berliner Seniorenanlage am Werk, um für die Herrschaften zwei Einheiten in eine 150 Quadratmeter-Wohnung mit zwei Schlafzimmern zu verwandeln und den nüchternen Räumen ihren Altenheimcharme so weit wie möglich auszutreiben.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Innenarchitekten entwarfen Bücherregale am laufenden Meter sowie maßgeschneiderte Einbauten für Küche und Bad. Bei der Wandgestaltung gingen sie farblich in die Vollen, allerdings so planvoll, dass die Wände nun den perfekten Hintergrund für die Auswahl edler Teppiche und Kunstwerke liefern, mit denen die Bewohner aus ihrer 400 Quadratmeter großen Villa im Westen Deutschlands in das Berliner Seniorenheim umgezogen sind.

          Dort reichte ihnen die Beleuchtung nicht aus, weshalb eigens Spezialisten anrückten, um der Wohnung ein ausgetüfteltes Lichtsystem zu verpassen. Ganz reibungslos verliefen die Bauarbeiten nicht. In einer Wohnanlage für Senioren kann man nicht den ganzen Tag lang hämmern und werkeln. Pöpplers Leute komplementierten das Ganze dann noch mit der entsprechenden Einrichtung. Die Kommunikation mit den beiden sei schon etwas intensiver gewesen als mit jüngeren Kunden, erzählt der Planer. Das will insofern etwas heißen, als seine Klientel für gewöhnlich keinen Aufwand scheut. „Aber dass die zwei in ihrem Alter noch mal einen solchen Schritt gewagt und sich auf ein solches Abenteuer eingelassen haben, ist wirklich beeindruckend“, findet er.

          Wenn die Kinder aus dem Haus sind

          Zugegeben, die Bewohner eines Seniorenheims, die sich ihre Wohnung von einem Interior Designer umkrempeln lassen, sind ein Einzelfall. Doch zeigt die Anekdote zugespitzt, was Makler, Projektentwickler und auch Architekten zunehmend erleben: Bei vielen Menschen fortgeschrittenen Alters bleibt räumlich keineswegs alles beim Alten. Belastbare Daten dazu fehlen zwar, aber sowohl als Kapitalanleger als auch als Eigennutzer mische die Gruppe der Alten am Wohnimmobilienmarkt kräftig mit, heißt es beim Marktbeobachter Bulwiengesa. Und Björn Dahler, Chef des Hamburger Maklerhauses Dahler & Company, kommt zu dem Schluss: „Da hat sich etwas deutlich verändert. Leute sind heute mobiler, auch im Alter. Viele haben richtig Lust, noch mal etwas Neues anzufangen, das gilt auch für das Wohnen.“

          Mit Farbe und Designerchic: Die von Gisbert Pöppler ausgebaute Wohnung in einer Seniorenwohnanlage.

          Die Gruppe der Alten beginnt angesichts der gestiegenen Lebenserwartung bei einer eigentlich noch recht jungen Altersgruppe - die der Mittfünfzigjährigen. Beruflich voll aktiv und körperlich noch ziemlich fit, überdenkt diese Gruppe häufig ihre Wohnsituation neu, sobald die Kinder aus dem Haus sind. Plötzlich ist Zeit, das Leben anders zu gestalten. Viele entscheiden sich an diesem Wendepunkt für eine räumliche Veränderung. Sie tauschen das Haus, in vielen Fällen einst eigens angeschafft, damit die Kinder mit reichlich Platz und Garten aufwachsen können, gegen eine Stadtwohnung.

          Diese Gruppe sei oft willens, sich noch mehr zu leisten als bisher, auch wenn man sich räumlich mit dem Rückzug in die Stadt meist verkleinere, sagen die Makler. Hat diese Klientel vorher ihre Wohnentscheidung mit Blick auf die Familie getroffen, stehen nun die Vorstellungen des zurückgebliebenen Elternpaars im Mittelpunkt, das sich plötzlich wieder als Individuen wahrnimmt.

          „Für unsere Kunden kann man klar sagen, die Ansprüche an Komfort und Ausstattung steigen“, berichtet Dahler, dessen Unternehmen auf ein gehobenes Angebot spezialisiert ist. Das bestätigt auch sein Berliner Kollege Nikolaus Ziegert. Diese Gruppe kaufe mit dem Wissen, dass man künftig mehr Zeit zu Hause verbringen werde, schon weil der Ruhestand absehbar ist. Insofern wollten sie so wenig Kompromisse wie möglich eingehen. Zudem spielt Statusdenken eine Rolle. Die „eigene Lebensleistung soll auch in der Wohnung sichtbar werden“, meint Ziegert.

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