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Umzüge : Vom Weggehen und Ankommen

Was diese Wände wohl schon alles gesehen haben? Zuvor hat ein anderer hier geliebt, gekocht, gestritten, geschlafen - ein merkwürdiger Gedanke. Bild: plainpicture/Laura Petermann

Das Leben in Kartons verpackt: Der Umzug in eine neue Wohnung ist anstrengend und bringt vieles in Unordnung. Aber er bietet auch die Chance, das eigene Leben zu sortieren.

          5 Min.

          Ein Blick zurück, ein Blick nach vorn. Die alte Wohnung: leergeräumt, nur ein paar Staubflusen wehen über das Parkett, das Leben findet in ein paar Kisten Platz. Die Umzugshelfer packen sie in einen Transporter. Übrig bleiben Erinnerungen, in den Wänden gespeichert. Die neue Wohnung: noch kein Zuhause, unbeschrieben, ohne Geschichte, in der sich ihr Bewohner gemütlich einrichten könnte.

          Anne-Christin Sievers
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Jeder zehnte deutsche Haushalt packt mindestens einmal jährlich die Umzugskisten. Die gesellschaftliche Mobilität wächst, Unternehmen erwarten immer mehr Flexibilität von den Angestellten - befristete Verträge und berufliche Versetzungen, auch ins Ausland, sorgen dafür, dass die Menschen heute häufiger umziehen als früher. Aber auch Beziehung, Trennung oder das Bedürfnis nach einem Neustart führen zum Wohnungswechsel. Dabei stehen die Deutschen einem Umzug positiv gegenüber: Glaubt man einer Umfrage des Internetportals Immobilien-Scout 24, denken neun von zehn Befragten über eine neue Bleibe nach. Etwa die Hälfte würde kurzfristig ausziehen - sofern die neue Wohnung mehr ihren Bedürfnissen entspricht.

          Wie leicht wir einen Umzug wegstecken, ob wir ihn herbeisehnen oder vor ihm zurückschrecken, hängt von vielem ab. Wird er ganz plötzlich notwendig, oder ist er von langer Hand geplant? Geschieht er freiwillig oder unfreiwillig? Verkleinern oder vergrößern wir uns? Wie viel müssen wir zurücklassen, was bleibt uns erhalten? Bewohner, derer Vermieter Eigenbedarf angemeldet hat, oder Hartz-IV-Empfänger, die zwangsweise umziehen müssen, weil ihre Wohnung zu groß oder teuer ist, sehen dem Wohnungswechsel anders entgegen als die Familie, die vor dem Umzug von der städtischen Drei-Zimmer-Wohnung in ihr eigenes Haus mit Garten steht.

          Hindernis Wohnungsmarkt

          Als Hindernis erweist sich die Situation am Wohnungsmarkt. In Hamburg, München und Frankfurt suchen Mieter zum Teil jahrelang nach einer passenden neuen Bleibe. Sie haben das Gefühl steckenzubleiben. In die alte Wohnung möchten sie nicht mehr investieren, denn innerlich haben sie sich von ihr schon verabschiedet. Doch die neue Wohnung, in die man die Energie lenken könnte, ist nicht in Sicht.

          Wer umzieht, der befindet sich in einer Art Zwischenraum. Das Leben an einem Ort ist zu Ende gegangen, aber das Neue hat noch nicht wirklich begonnen. Gaben zuvor die eigenen vier Wände, das vertraute Umfeld, die Freunde, Vereine oder der Arbeitsplatz am Wohnort Halt und Geborgenheit, fühlen sich viele Menschen in dieser Interimszeit verloren. Die Wohnung war ein Schutzraum, nun sind wir nackt. Der amerikanische Autor William Bridges, der zeit seines Lebens dazu geforscht hat, wie Menschen mit Veränderungen umgehen, nennt eine solche Übergangsphase „neutrale Zone“. Erst einmal fehlt die Orientierung - ein Zustand, den Menschen meist nicht mögen. Es muss erst wieder eine Struktur aufgebaut werden. Das ist manchmal ziemlich anstrengend.

          Das Kistenpacken zehrt deshalb nicht nur körperlich an den Kräften, es wird für viele auch psychisch zur Belastung. Psychologen sprechen sogar von einer Umzugsdepression, die in manchen Fällen vergleichbar sei mit dem Schmerz und der Trauer nach einer Trennung vom Partner oder dem Tod eines nahestehenden Menschen. Je nachdem, wie stark wir uns mit der eigenen Wohnung, einem bestimmten Stadtteil oder einer Stadt identifiziert haben, geht auch ein erheblicher Teil von uns selbst verloren.

          Männer sehen Umzug häufiger als Chance

          Persönlichkeiten, die in sich ruhen, nach vorne gewandt neue Dinge gerne gestalten und sich in Routinen schnell langweilen, haben in dieser Phase weniger Probleme. Wer gerne an Altem und Bewährtem festhält, sensibler und labiler ist und viel Struktur von außen braucht, passt sich an die neuen Begebenheiten schwerer an. Dabei empfinden Frauen den Umzug stärker als einen Verlust des sozialen Netzwerkes, während Männer häufiger die Chancen des Ortswechsels sehen - vor allem, wenn damit ein beruflicher Aufstieg verbunden ist.

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