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© Ben Baker/Redux/laif

Trumps Protz-Penthouse

Von LAURA SODANO

03.11.2016 · Gold, so weit das Auge reicht: Der amerikanische Geldadel liebt den opulenten Einrichtungsstil. Muss man so einen wirklich wählen?

Donald Trump ist ein Fan des Repräsentativen. Das zeigt sich immer wieder bei den Wahlkampfveranstaltungen der Republikaner. Der Präsidentschaftskandidat lässt sich tagelang von Familie, Freunden und Anhängern bejubeln, reckt den Daumen in die Höhe und lächelt alle Einwände weg. Er will Amerika wieder groß machen und allen Widersachern die Show stehlen.

Schon lange vor seiner Kandidatur fiel der Milliardär durch seinen Hang zum Exzentrischen auf. Das betrifft die äußere Erscheinung ebenso wie den Lebensstil. Beim Anblick des Trump Towers, in dessen rund 100 Millionen Dollar teurem Penthouse er es sich mit seiner Frau Melania und mit dem gemeinsamen Sohn Barron auf gleich mehreren Stockwerken bequem macht, entsteht schnell der Eindruck, hier hätte man es mit einem echten Herrscher zu tun. Trump setzt ganz auf barocken Prunk und Protz, wie einst der Sonnenkönig von Paris.

Gold, so weit das Auge reicht, natürlich in 24 Karat, dazwischen edler Marmor in Rose, mit Kristallen besetzte Türen, viele Spiegelflächen, antike Möbel und Kunst von Renoir. Ja, selbst der Himmel öffnet dem Tycoon in einem beeindruckenden Trompe-l'oil seine Pforten, um ihn mit Pauken und Trompeten zu empfangen. Angesichts des monumentalen Deckenfreskos hätte es wohl selbst Michelangelo die Sprache verschlagen.

© Getty Treppengeländer wie in der Oper: Auch an dieser Trump-Inszenierung fällt die Übertreibung auf.

Das Beste scheint gerade gut genug. Besuchern zeigt sich das schon beim Betreten des Turms. In der Mitte des sechsstöckigen Atriums fließen gleich mehrere Wasserfälle hinab, der höchste über ganze drei Stockwerke. Wie unbedeutend scheint da doch die eigene Existenz. Selbst seinem Besitzer kommt der Wolkenkratzer größer vor, als er ist: Donald Trump gab im Wahlkampf damit an, das Hochhaus direkt neben Tiffany's sei 68 Stockwerke hoch. Offiziell sind es aber nur 58 Stockwerke.

Mit seiner Leidenschaft fürs Opulente steht Donald Trump nicht alleine da. Das Phänomen scheint so amerikanisch wie der Traum vom Glück selbst. Schon die Vander-bilts, die bekannteste Familie des amerikanischen Geldadels neben den Astors, schufen sich im Jahr 1895 für Millionen Dollar eine Sommerresidenz der Superlative. Die Summe glich damals fast einem Skandal. „The Breakers“, wie sie den in Newport gelegenen Prunkbau nennen, bietet mehr als 70 Räume - und die einzige Platintapete der Welt.

Seit den späten neunziger Jahren ist der Siegeszug des pompösen Stils nicht mehr aufzuhalten. Fernsehformate wie „MTV Cribs“ verführen Prominente in allen Bundesstaaten dazu, mit ihrer Einrichtung nicht zu kleckern, sondern zu klotzen. Es funkelt, blitzt, glänzt und schillert überall. Sitzmöbel changieren zwischen cremefarbenem Plüsch und braun-schwarzem Leder. Bei Schränken, Anrichten und Kommoden geben Edelhölzer wie Teak, Mahagoni oder Ahorn den Ton an. Fußböden und Arbeitsplatten sind in teurem Marmor gehalten. Gold veredelt vom Kerzenhalter bis zum Wasserhahn praktisch alles.

Vor allem auch die Geländer kunstvoll geschwungener Wendeltreppen. Sie garantierten schon zu Zeiten des großen Hollywood-Kinos einen imposanten Auftritt. Das Monumental-Drama „Gone with the Wind“ („Vom Winde verweht“) hat das ebenso symbolträchtig in Szene gesetzt wie der Liebes-Blockbuster „Titanic“.

© Getty Das ist wohl der Unterschied zur Park Avenue: Dort sind die Foyers nur groß, an der Fifth Avenue auch großtuerisch.

Da mag der skandinavische Stil überall Erfolg haben - bis zum Geldadel reicht das Streben nach minimalistischer Zurückhaltung offenbar nicht. Vom schlagzeilenträchtigen Kardashian-Jenner-Clan hat man nichts anderes erwartet. Auch nicht von klischeebeladenen Rappern wie Snoop Dogg oder stimmgewaltigen Diven wie Mariah Carey. Aber jüngst gewährte das gar nicht so naive Popsternchen Taylor Swift der amerikanischen „Vogue“ eine Audienz in ihrem ganz privaten Reich, und siehe da: Sogar das vermeintliche girl next door wohnt wahrhaft königlich inmitten von Stehlampen aus chinesischem Porzellan, Brokattapeten und einem perfekt im Raum plazierten Flügel.

Woher aber der Drang zu Prunk und Protz? Angela Merkel zum Beispiel mag man sich schwer in einem MiniNeuschwanstein vorstellen. Auch die britische Premierministerin Theresa May überlässt den dekorativen Klimbim lieber dem Königshaus. Ähnlich sieht es bei anderen europäischen Regierungschefs aus. Nicht einmal Frankreich wird noch von Versailles aus regiert, sondern vom recht bescheidenen Elysee-Palast mitten in der Stadt.

In Europa hatten Architektur und Stil über viele Epochen hinweg Zeit, sich unter der Hand von Herrschern, Adeligen und Bürokraten zu entwickeln und zu wandeln. Diesseits des Atlantiks befreite sich das Bürgertum einst gewaltsam aus der Repression der Aristokratie und schrieb sich statt Gold und Reichtum vor allem Bildung und Vernunft auf die Fahnen. Georg Büchner hat es in dem Slogan „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ bündig zusammengefasst. Heute jagt in Europa kein Königshaus mehr seinen Untertanen Angst und Schrecken ein. Das Image der Aristokratie ist brav bis bieder, und niemand wünscht sich wirklich, Teil dieser so strikt geordneten Welt zu sein. Die jungen Royals selbst versuchen, den Strukturen zu entfliehen. Herzogin Kate und Prinz William leben bewusst bürgerlich. Und geheiratet wird von Norwegen über Schweden und Dänemark bis nach Spanien nicht mehr nur noch blaublütig.

In der verhältnismäßig kurzen Geschichte der Vereinigten Staaten hat es nie ein Königshaus gegeben. Hier haben die Märchen von all den Prinzen und Prinzessinnen einen ganz anderen Klang. Es sind Schauspieler und andere Prominente, die zu royalen Ikonen erhoben werden und sich am Ende womöglich wirklich so fühlen. In der Neuen Welt kommt es zudem nicht nur auf die Gene an: Jeder kann vom Tellerwäscher zum Millionär werden - und sich damit selbst in den Geldadelsstand erheben.

Der „American Dream“ nötigt seine Bewohner also gewissermaßen, zu Kreuzzüglern der eigenen Ideen zu werden. Da muss die Kulisse stimmen. Kein Wunder also, dass auch den repräsentativen Funktionen der heimischen vier Wände eine ungemeine Bedeutung zugemessen wird. Man fährt auf, was Tausende Jahre Stilgeschichte hergeben. Je eindringlicher, desto besser.

Der Sonnenkönig Ludwig XIV. hatte das einst bis zur Perfektion gesteigert. Er verstand schnell, wie eng Leben und Regieren miteinander verknüpft sind. Nicht nur aus Prestigegründen versammelte er den Adel am Hof. Er hielt ihn dadurch auch unter Kontrolle. Prunkvolle Feste und ein strenges Hofprotokoll verhinderten die Einmischung in politische Entscheidungen und machten es praktisch unmöglich, die königliche Autorität infrage zu stellen.

© Getty Über Bergdorf Goodman und das Plaza-Hotel hinweg: Der Blick in Richtung Central Park ist Gold wert.

Die Idee der absolutistischen Macht war geboren. War es der Archetyp des amerikanischen Traums? Jedenfalls wird die symbolstarke Inszenierung auch heute noch von Politikern und Herrschern genutzt. Der Kulturhistoriker Peter Burke geht sogar so weit, „Louis le Grand“ als den Inbegriff gelungener PR zu bezeichnen. Propaganda mag ein gleichermaßen passendes Wort sein. In seinem Buch „Ludwig XIV: Die Inszenierung des Sonnenkönigs“ lobt er weniger die Siege des Regenten, als vielmehr das Geschick, mit dem Kunst, Kultur und Alltag unter seiner Herrschaft zu einem untrennbaren Netz verwoben wurden. Die Förderung von Malern, Schriftstellern und Poeten war ein gutes Instrument, die heroische Macht des Königs bis in die hintersten Winkel Frankreichs zu verbreiten. Vergleiche mit den Eroberern Alexander und Konstantin schienen ebenso legitim wie mit der griechischen Gottheit Apoll.

Kaschiert wurde das nüchterne Machtkalkül durch Maßlosigkeit im Design. Versailles wurde zum Sehnsuchtsort und zur Repressalie zugleich. Wo Plüsch und Gold im Überfluss die Sinne benebeln, scheinen die Sorgen fern. Schließlich lebt der Barock, wie keine andere Epoche, von der Verzerrung des Realen, der Täuschung sowie der gegenreformatorischen Überwältigung der Vernunft. Da scheint schnell vergessen, dass hier schon vom Ursprung des Wortes her etwas in Schieflage ist. Der Begriff „Barock“ stammt aus dem Portugiesischen, wo unregelmäßig geformte Perlen als barroco bezeichnet werden - übersetzt heißt das so viel wie „schief“ oder „ungleichmäßig“.

Wenn Donald Trump die Öffentlichkeit heute also in seine prunkvollen Gemächer einlädt, kommt er dem Sonnenkönig nahe. Die Botschaft ist eindeutig: Er hat es verdient, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Andere zu führen liegt in seiner Natur. Das nötige Kleingeld bringt er auch mit. Selbst die Götter sind auf seiner Seite, wie das imposante Trompe-l'oil und die korinthischen Säulen suggerieren, die schon in der Antike als Statuszeichen galten, bestachen sie doch durch ihre detailverliebte Ausarbeitung an Tempeln und Regierungsgebäuden.

Die Inszenierung erschlägt den Betrachter und macht ihn mundtot. Gleichzeitig entlarvt das bunte Sammelsurium europäischer Stilgeschichte Donald Trump als durch und durch amerikanisch, mit plüschüberladenem Sofa und popkulturellen Anleihen. Allein: Der malerische Blick aus dem verglasten Arbeitszimmer auf den Central Park bürgt noch nicht für Weitsicht.

Oft wird durch Nachahmung Neues geschaffen. Aber was, wenn das Wahre, Schöne und Gute dabei unter die Räder des schlechten Geschmacks kommt? Am Ende bleibt oft bloße Repräsentation, eine Art Attrappe der Macht. Und der Mann im Zentrum des Goldenen Zeitalters - er ist die Karikatur des absolutistischen Herrschers.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 03.11.2016 11:13 Uhr