https://www.faz.net/-hrx-8jnze

Inneneinrichtung : Sehnsucht nach Tuchfühlung

Haptik im Schlaf: Glatte Baumwolle kühlt den Körper Bild: Mike van den Toorn Photography / Christian Fischbacher

In einer visuellen Welt gerät ein Sinn in Vergessenheit: das Tasten. In der Inneneinrichtung hat das zu einem Comeback geführt.

          5 Min.

          Wahrscheinlich besitzt sie jeder, diese Hinterschränkler. Kleider, Pullover, Hosen, im Internet bestellt oder schnell noch beim Einkaufen mitgenommen, weil das Grün so schön war. Oder weil das Model auf dem Werbefoto in diesem Kleid so gestrahlt hat. Und dann steht man zu Hause, probiert genau dieses Kleid an und strahlt überhaupt nicht.

          Judith Lembke
          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Grün ist zwar immer noch schön, aber der Stoff kratzt. Und am Hals ist der Schnitt irgendwie auch zu eng, fast als würde man keine Luft bekommen. Das Aussehen stimmt, aber die Haptik nicht. Also ab in die letzte Ecke des Schranks damit, zu den anderen Hinterschränklern, die visuell überzeugt, aber taktil versagt haben.

          Die Erfahrung, sich nicht automatisch in allem wohl zu fühlen, was dem Auge gefällt, kann in Bezug auf Kleidung wohl jeder intuitiv nachvollziehen. Dasselbe gilt aber für die Einrichtung. Denn auch bei Polstern, Vorhangstoffen und selbst Tapeten spielt es nicht nur eine Rolle, wie sie aussehen, sondern auch, ob sie der Haut schmeicheln.

          „Wir leben in einer visuellen Welt und lassen uns häufig von der Optik täuschen. Der Tastsinn lässt sich hingegen nicht so leicht überlisten. Es entscheidet über unser Wohlbefinden, wie sich Dinge anfühlen“, sagt die Wohnsoziologin Monika Kritzmöller, die über die textile Haptik forscht. Als haptische Wahrnehmung bezeichnet man das tastende Begreifen von Dingen - meist geschieht es sehr viel unbewusster als die akustische oder visuelle Wahrnehmung.

          Be-greifen, er-fassen

          Kritzmöller beschreibt die Haptik deswegen auch als „vergessenen“ Sinn - omnipräsent, aber unbedacht. Wie sehr die Berührung jedoch unsere Wahrnehmung prägt, beweist unsere Sprache: Wer die Welt um sich herum verstehen will, muss sie be-greifen, er-fassen, oder ihr auch die verschleiernde Hülle rauben, sie ent-decken.

          Dabei entfaltet die Haptik nicht nur am eigenen Körper, sondern auch im Raum ihre Wirkung, ist Kritzmöller überzeugt. Ein Wohnzimmer wechselt seine Atmosphäre, je nachdem ob das Sofa mit glattem Leder, Samt oder Hightechgewebe überzogen ist. „Glatte, glänzende Materialien strahlen aus, dass sie nicht berührt werden wollen, sie halten den Betrachter auf Distanz“, sagt Kritzmöller. Weiche, natürliche Stoffe laden hingegen zur Berührung ein. „In einem Zimmer, in dem man die Gegenstände gerne berührt, verweilen die Menschen länger“, sagt Kritzmöller.

          Wer gut sitzt, verweilt länger: Sessel „Duke“ von Sahco Hesslein
          Wer gut sitzt, verweilt länger: Sessel „Duke“ von Sahco Hesslein : Bild: Sahco Hesslein

          Nachdem die Wohntrends der vergangenen 20 Jahre die große Kühle zelebriert haben, glatte Oberflächen in weiten Räumen dominierten, gibt es nun eine neue Sehnsucht nach Tuchfühlung. Sofas werden wieder mit Samt bezogen - ein Stoff, der lange als unmodern und plüschig galt.

          „Absolut sicher fühlen“

          Vorhangstoffe sind so weich, dass man sie sich am liebsten um den Hals binden würde - kein Wunder, dass der Stoffhersteller Sahco Hesslein seinen Vorhangstoff mit Cashmere-Anteil „Pashmina“ genannt hat. Wandbespannungen aus Stoff liegen im Trend. Und selbst die gute alte Tapete lädt mit textiler Oberfläche oder einer besonderen Struktur zur Berührung ein.

          „Im Moment können Textilien gar nicht kuschelig genug sein. Soft reicht nicht aus, es muss supersoft sein“, sagt Lisa White, die beim Trendforschungsinstitut WGSN in New York für Inneneinrichtung verantwortlich ist. Einrichtung soll nicht nur schön sein, sondern auch Geborgenheit vermitteln. „Die Menschen wollen sich ihr Zuhause als den Ort schaffen, an dem sie sich absolut sicher fühlen“, sagt White.

          Diese Beobachtung kann Helmut Pongratz, Raumausstatter und Inhaber der Bogenhausener Werkstätten in München, aus seiner täglichen Praxis bestätigen: „Die Menschen fühlen sich draußen zunehmend unsicher und sind wieder mehr daheim“, sagt Pongratz. Das spiegele auch die Art, wie sie sich einrichten, wider. Im Schlafzimmer wird nicht mehr nur genächtigt, sondern gelebt - ein gemütlicher Lesesessel wertet den Zweckraum zum Wohnraum auf. Selbst in die Badezimmer seiner Kunden stellt Pongratz immer öfter eine Recamiere.

          „Sehnsucht nach Berührung“

          Für Monika Kritzmöller ist die Hinwendung zu qualitativ hochwertigen, natürlichen Stoffen das Ergebnis einer „taktilen Mangelernährung“: An die Stelle der Hände sind immer mehr die Augen getreten. Die Arbeit am Computer hat die Arbeit auf dem Feld ersetzt. Früher wurden Obst und Gemüse beim Kauf mit den Händen gewogen und abgetastet, heute liegen sie abgepackt im Regal.

          Der Kuchenteig wird nicht mehr selbst geknetet, sondern kommt als Fertigprodukt. Und selbst wenn Konsumenten einen Stoff in die Hand nehmen, um ihn auf seine Qualität zu prüfen, können sie mit dem, was sie fühlen, häufig nicht mehr viel anfangen, weil ihnen die Erfahrung fehlt. Der Tastsinn sei verkümmert. „Dabei haben wir eine Sehnsucht nach Berührung“, sagt die Wohnsoziologin.

          Weich wie ein Schal: Vorhangstoff Pashmina
          Weich wie ein Schal: Vorhangstoff Pashmina : Bild: Sahco Hesslein

          Kritzmöller vergleicht den modernen Umgang mit Textilien mit Fastfood. „Billige Dekostoffe sind wie ein Hamburger. Sie verdrängen kurzfristig den Hunger, machen aber nicht wirklich satt.“ Anstatt sich immer wieder mit neuen minderwertigen Textilien zu umgeben, sollte man lieber in Qualität investieren: In natürliche Materialien wie Leinen, Seide oder veredelte Baumwollstoffe, die man nicht nur lange anschauen, sondern auch immer wieder berühren möchte.

          Weniger Glanz und Bling-Bling

          Raumausstatter Pongratz weiß, dass er mit bestimmten Stoffen erst punkten kann, wenn er seine Kunden anfassen lässt. „Manche Stoffe sehen auf den Fotos total langweilig aus, wirken in der Realität aber ganz anders, weil sich dann erst ihre Haptik vermittelt.“

          Bilder können nur schwer begreiflich machen, wie sich etwas anfühlt. Deswegen gehen Raumausstatter wie Pongratz mit ihren großen Stoffmustern auch zu den Kunden nach Hause. Denn erst, wenn der Velours einmal auf das eigene Sofa gelegt und das leichte Musselin einmal vor die eigenen Fenster gehängt wird, kann der Kunde auch beurteilen, ob er sich mit dem Material wohl fühlt.

          Samtig wie ein Pfirsich: Bezugsstoff „Infinity Plus“
          Samtig wie ein Pfirsich: Bezugsstoff „Infinity Plus“ : Bild: Zimmer und Rohde

          Die Industrie hat auf den Trend zum Anfassbaren reagiert. „Unsere Kunden bevorzugen Naturstoffe, weniger Chemiefasern“, sagt Holger Rieß von Sahco Hesslein, einem Hersteller von hochwertigen Stoffen aus Nürnberg. Im Gegensatz zu früher sei weniger Glanz und Bling-Bling gefragt, sondern unifarbene Stoffe mit feinen Dessins und einer schönen Haptik.

          „Punktuell eingesetzt“

          In den kommenden Saisons seien zudem Stoffe mit dreidimensionalen Strukturen en vogue: Bunte geometrische Muster, angelehnt an die konkrete Kunst der sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. „Das ist in der Mode gerade ein großes Thema. Eineinhalb Jahre später zeigen sich diese Trends dann auch in der Einrichtung“, sagt Rieß.

          Kaum ein Stoff steht so sehr für den Haptiktrend wie Samt - der Streichelstoff ist nicht nur auf Kissen, Sesseln und Sofas in die Räume zurückgekehrt, sondern auch als Vorhangstoff. Wer jetzt an einen schottischen Adelssitz im 19. Jahrhundert oder einen Bühnenvorhang denkt, liegt jedoch falsch: „Anstatt die ganze Wohnung mit Samt auszustaffieren, wird es nur punktuell eingesetzt, als Blickfang.“ Die Farben sind leuchtend und modern - der matte burgunderrote Theatersamt von früher bleibt im Requisitenkoffer.

          Polsterei ist Handwerk mit Tastsinn.
          Polsterei ist Handwerk mit Tastsinn. : Bild: Gerd Brunner

          Abgesehen von Kleidung kommt kaum ein Textil so nah an die eigene Haut wie Bettwäsche. Und bei kaum einem Stoff zeigt sich auch, wie unterschiedlich die individuellen Vorlieben sind. Während der eine nachts die haptische Kühle von Satin und Seide schätzt, kuschelt sich der andere am liebsten in Flanell. „An die individuell richtige Bettwäsche kann man sich nur herantasten - im wahrsten Sinne des Wortes“, rät Michael Fischbacher, Geschäftsführer des Schweizer Heimtextilienherstellers Christian Fischbacher.

          Eine vollkommen andere Atmosphäre

          Auch bei Tapeten, die nach langen Jahren der Missachtung durch das trendbewusste Publikum nun selbst ein Revival erleben, kommt es zunehmend auf die Haptik an. Nach Ansicht von Dieter Langer, Chefdesigner der Marburger Tapetenfabrik, ist sie jedoch vor allem Folge der visuellen Gestaltung: „Durch das Design entstehen weiche und harte, glatte und rauhe Strukturen, die in der haptischen Wahrnehmung auch als warm oder kalt empfunden werden können“, sagt Langer.

          Naturmaterialien wie Kork, Leder oder Jute an der Wand geben dem Raum eine vollkommen andere Atmosphäre als Strass-Applikationen. Wer eine Leinentapete gegen eine spiegelglatte glänzende Oberfläche tauscht, kühlt die gefühlte Raumtemperatur automatisch um mindestens drei Grad hinunter.

          Haptisch aufrüsten

          Wer sein Zuhause haptisch aufrüsten möchte, dem rät Raumausstatter Pongratz mit einem zentralen Teil zu beginnen und sich dann langsam voran zu tasten: „Erst einmal den Lesesessel in der Ecke mit Samt beziehen und dann schauen, wie sich das anfühlt“, sagt Pongratz.

          Gut sei es auch, zu „splitten“, den Korpus des Sofas mit einem Kuschelstoff zu beziehen und die Kissen mit einer ganz anderen Oberflächenstruktur, zum Beispiel Leinen. Auch große Fenster würde er nicht komplett mit Samt oder großgemusterten Stoffen verhängen, sondern nur einen Teil.

          Denn über eine gelungene Haptik im Raum bestimmt vor allem das richtige Maß an Streicheltextilien: Zu wenige sind ernüchternd, zu viele erdrückend.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Lars Klingbeil (links), Vorsitzender der SPD, und Saskia Esken, Vorsitzende der SPD, äußern sich am 20. Dezember 2021 bei einer Pressekonferenz nach der konstituierenden Sitzung des Parteivorstandes im Willy-Brandt-Haus in Berlin.

          Trotz Wahlerfolgs : Die SPD verliert weiter rasant Mitglieder

          Nach dem Wahlerfolg bei der Bundestagswahl traten der Partei im September zwar mehr Neumitglieder bei als in allen anderen Monaten des Jahres. Aber sie konnten den abermaligen Verlust von etwa fünf Prozent der Mitgliedschaft nicht ausgleichen.

          Novak Djokovics Ausweisung : Schluss mit dem Ego

          Nach dem Entzug des australischen Visums für den serbischen Tennis-Star bleibt zwar ein schaler Nachgeschmack, aber für den eigenen Schaden ist er, wohl auch entsetzlich schlecht beraten, selbst verantwortlich.
          Ein Militärangehöriger am 9. Dezember 2021 bei Sentianivka in der Ostukraine

          Ukraine-Krise : Plant Russland eine False-Flag-Operation?

          Washington erhebt detaillierte Vorwürfe gegen Moskau. Und der Kreml gibt erstmals offen zu, dass der jüngste Truppenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine dazu dient, Putins Forderungen nach „Sicherheitsgarantien“ durchzusetzen.