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Inneneinrichtung : Sehnsucht nach Tuchfühlung

„Punktuell eingesetzt“

In den kommenden Saisons seien zudem Stoffe mit dreidimensionalen Strukturen en vogue: Bunte geometrische Muster, angelehnt an die konkrete Kunst der sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. „Das ist in der Mode gerade ein großes Thema. Eineinhalb Jahre später zeigen sich diese Trends dann auch in der Einrichtung“, sagt Rieß.

Kaum ein Stoff steht so sehr für den Haptiktrend wie Samt - der Streichelstoff ist nicht nur auf Kissen, Sesseln und Sofas in die Räume zurückgekehrt, sondern auch als Vorhangstoff. Wer jetzt an einen schottischen Adelssitz im 19. Jahrhundert oder einen Bühnenvorhang denkt, liegt jedoch falsch: „Anstatt die ganze Wohnung mit Samt auszustaffieren, wird es nur punktuell eingesetzt, als Blickfang.“ Die Farben sind leuchtend und modern - der matte burgunderrote Theatersamt von früher bleibt im Requisitenkoffer.

Polsterei ist Handwerk mit Tastsinn.
Polsterei ist Handwerk mit Tastsinn. : Bild: Gerd Brunner

Abgesehen von Kleidung kommt kaum ein Textil so nah an die eigene Haut wie Bettwäsche. Und bei kaum einem Stoff zeigt sich auch, wie unterschiedlich die individuellen Vorlieben sind. Während der eine nachts die haptische Kühle von Satin und Seide schätzt, kuschelt sich der andere am liebsten in Flanell. „An die individuell richtige Bettwäsche kann man sich nur herantasten - im wahrsten Sinne des Wortes“, rät Michael Fischbacher, Geschäftsführer des Schweizer Heimtextilienherstellers Christian Fischbacher.

Eine vollkommen andere Atmosphäre

Auch bei Tapeten, die nach langen Jahren der Missachtung durch das trendbewusste Publikum nun selbst ein Revival erleben, kommt es zunehmend auf die Haptik an. Nach Ansicht von Dieter Langer, Chefdesigner der Marburger Tapetenfabrik, ist sie jedoch vor allem Folge der visuellen Gestaltung: „Durch das Design entstehen weiche und harte, glatte und rauhe Strukturen, die in der haptischen Wahrnehmung auch als warm oder kalt empfunden werden können“, sagt Langer.

Naturmaterialien wie Kork, Leder oder Jute an der Wand geben dem Raum eine vollkommen andere Atmosphäre als Strass-Applikationen. Wer eine Leinentapete gegen eine spiegelglatte glänzende Oberfläche tauscht, kühlt die gefühlte Raumtemperatur automatisch um mindestens drei Grad hinunter.

Haptisch aufrüsten

Wer sein Zuhause haptisch aufrüsten möchte, dem rät Raumausstatter Pongratz mit einem zentralen Teil zu beginnen und sich dann langsam voran zu tasten: „Erst einmal den Lesesessel in der Ecke mit Samt beziehen und dann schauen, wie sich das anfühlt“, sagt Pongratz.

Gut sei es auch, zu „splitten“, den Korpus des Sofas mit einem Kuschelstoff zu beziehen und die Kissen mit einer ganz anderen Oberflächenstruktur, zum Beispiel Leinen. Auch große Fenster würde er nicht komplett mit Samt oder großgemusterten Stoffen verhängen, sondern nur einen Teil.

Denn über eine gelungene Haptik im Raum bestimmt vor allem das richtige Maß an Streicheltextilien: Zu wenige sind ernüchternd, zu viele erdrückend.

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