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Inneneinrichtung : Sehnsucht nach Tuchfühlung

„Im Moment können Textilien gar nicht kuschelig genug sein. Soft reicht nicht aus, es muss supersoft sein“, sagt Lisa White, die beim Trendforschungsinstitut WGSN in New York für Inneneinrichtung verantwortlich ist. Einrichtung soll nicht nur schön sein, sondern auch Geborgenheit vermitteln. „Die Menschen wollen sich ihr Zuhause als den Ort schaffen, an dem sie sich absolut sicher fühlen“, sagt White.

Diese Beobachtung kann Helmut Pongratz, Raumausstatter und Inhaber der Bogenhausener Werkstätten in München, aus seiner täglichen Praxis bestätigen: „Die Menschen fühlen sich draußen zunehmend unsicher und sind wieder mehr daheim“, sagt Pongratz. Das spiegele auch die Art, wie sie sich einrichten, wider. Im Schlafzimmer wird nicht mehr nur genächtigt, sondern gelebt - ein gemütlicher Lesesessel wertet den Zweckraum zum Wohnraum auf. Selbst in die Badezimmer seiner Kunden stellt Pongratz immer öfter eine Recamiere.

„Sehnsucht nach Berührung“

Für Monika Kritzmöller ist die Hinwendung zu qualitativ hochwertigen, natürlichen Stoffen das Ergebnis einer „taktilen Mangelernährung“: An die Stelle der Hände sind immer mehr die Augen getreten. Die Arbeit am Computer hat die Arbeit auf dem Feld ersetzt. Früher wurden Obst und Gemüse beim Kauf mit den Händen gewogen und abgetastet, heute liegen sie abgepackt im Regal.

Der Kuchenteig wird nicht mehr selbst geknetet, sondern kommt als Fertigprodukt. Und selbst wenn Konsumenten einen Stoff in die Hand nehmen, um ihn auf seine Qualität zu prüfen, können sie mit dem, was sie fühlen, häufig nicht mehr viel anfangen, weil ihnen die Erfahrung fehlt. Der Tastsinn sei verkümmert. „Dabei haben wir eine Sehnsucht nach Berührung“, sagt die Wohnsoziologin.

Weich wie ein Schal: Vorhangstoff Pashmina
Weich wie ein Schal: Vorhangstoff Pashmina : Bild: Sahco Hesslein

Kritzmöller vergleicht den modernen Umgang mit Textilien mit Fastfood. „Billige Dekostoffe sind wie ein Hamburger. Sie verdrängen kurzfristig den Hunger, machen aber nicht wirklich satt.“ Anstatt sich immer wieder mit neuen minderwertigen Textilien zu umgeben, sollte man lieber in Qualität investieren: In natürliche Materialien wie Leinen, Seide oder veredelte Baumwollstoffe, die man nicht nur lange anschauen, sondern auch immer wieder berühren möchte.

Weniger Glanz und Bling-Bling

Raumausstatter Pongratz weiß, dass er mit bestimmten Stoffen erst punkten kann, wenn er seine Kunden anfassen lässt. „Manche Stoffe sehen auf den Fotos total langweilig aus, wirken in der Realität aber ganz anders, weil sich dann erst ihre Haptik vermittelt.“

Bilder können nur schwer begreiflich machen, wie sich etwas anfühlt. Deswegen gehen Raumausstatter wie Pongratz mit ihren großen Stoffmustern auch zu den Kunden nach Hause. Denn erst, wenn der Velours einmal auf das eigene Sofa gelegt und das leichte Musselin einmal vor die eigenen Fenster gehängt wird, kann der Kunde auch beurteilen, ob er sich mit dem Material wohl fühlt.

Samtig wie ein Pfirsich: Bezugsstoff „Infinity Plus“
Samtig wie ein Pfirsich: Bezugsstoff „Infinity Plus“ : Bild: Zimmer und Rohde

Die Industrie hat auf den Trend zum Anfassbaren reagiert. „Unsere Kunden bevorzugen Naturstoffe, weniger Chemiefasern“, sagt Holger Rieß von Sahco Hesslein, einem Hersteller von hochwertigen Stoffen aus Nürnberg. Im Gegensatz zu früher sei weniger Glanz und Bling-Bling gefragt, sondern unifarbene Stoffe mit feinen Dessins und einer schönen Haptik.

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