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Theater im Hotel : Wenn das Hotelzimmer zur Theaterbühne wird

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Theater intim: Das Hotelzimmer wird zur Bühne Bild: Andreas Pein

Die Besucher des Stücks „Menschen im Hotel“ tummeln sich nicht lange im Theatersaal. Bei der Inszenierung der Vaganten-Bühne von Vicki Baums Bestseller streifen sie mit den Darstellern durch das Berliner Hotel Savoy.

          Diese Hotelhalle ist wahrhaft eine Pracht: roter Samt, Gold, Mahagoni, dicke Teppiche, Marmorsäulen mit Gipsornamenten, Klubstühle, illuminierte Springbrunnen, Herren in Frack oder Smoking, Damen im Glitzerkleid, mit Schmuck und Pelz. Es riecht nach Kaffee, Zigaretten, Parfum, nach Blumen und Spargel im Speisesaal. So ist es in Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ nachzulesen, der im Jahr 1929 erschien und auch in dieser Zeit spielt. Die fiktive prunkvolle Luxusherberge stand in Berlin und wird als bestes und teuerstes Hotel der Stadt bezeichnet. Vicki Baum hätte sich eine Suite dort gut leisten können, sie war eine der erfolgreichsten Autorinnen der Weimarer Republik. Geboren 1888 in Wien, ließ sie sich zunächst zur Harfenistin ausbilden und kam mit ihrem zweiten Mann, dem Dirigenten Richard Lert, in den zwanziger Jahren in die deutsche Hauptstadt.

          Damals hatte sie schon zu schreiben begonnen und heuerte als Zeitungsredakteurin beim Ullstein-Verlag an. Sie traf den Ton der Zeit mit ihrem nüchternen, lakonischen Stil der Neuen Sachlichkeit, in den sich Großstadtromantik und Sozialkritik mischten. Der Roman „Menschen im Hotel“ wurde ein Bestseller und ihr berühmtestes Werk. Selbst in den Vereinigten Staaten wurde die Autorin bekannt, eine Adaption des Romans lief glänzend am Broadway. Das weckte die Aufmerksamkeit Hollywoods, ein Filmprojekt wurde geplant.

          Die Produktionsgesellschaft MGM lud Vicki Baum ein, am Drehbuch von „Grand Hotel“ unter der Regie von Edmund Goulding mitzuarbeiten. Sie sagte zu, wurde in Kalifornien heimisch und schließlich auch dort gefeiert – während man sie in Deutschland zu dieser Zeit als „jüdische Asphaltliteratin“ beschimpfte und ihre Bücher 1933 auf den Scheiterhaufen warf.

          Treppenszene: Die Schauspieler Katharina Behrens und Joachim Villegas spielen im Hotelflur.

          Der Film „Menschen im Hotel“ spielte, sensationell besetzt mit Greta Garbo, Joan Crawford und John Barrymore, Millionen ein und wurde 1932 als „Bester Film“ mit einem Oscar ausgezeichnet. Berlin erscheint in Film und Roman als kosmopolitischer, dekadenter Moloch und das Hotel als dessen magisches Zentrum, in dem sich die Wege verschiedener Personen für ein paar Tage kreuzen. „In den Gängen streifen sie aneinander, in der Halle grüßt man sich, manchmal kommt ein kurzes Gespräch zustande, aus den leeren Worten dieser Zeit kümmerlich zusammengebaut. Ein Blick, der auffliegt, gelangt nicht bis zu den Augen, er bleibt an den Kleidern hängen.“

          Der Charme einer Pariser Kellerbühne

          Dies war die Innensicht – und draußen? „Berlin brodelte sein Nachtleben durch die Straßen unter einem roten Himmel, der ganz ohne Sterne war, mitten in der klaren Frühlingsnacht.“ Es ist der literarisch gefasste Mythos vom wilden Berlin in der Dunkelheit, mit allen Verheißungen und Begehrlichkeiten der Anonymität in der turbulenten Metropole.

          Gäste oder Besucher? Die Theaterbesucher bleiben nur für einen dramatischen Abend im Savoy.

          Irgendwann hat man sich in einer Dramaturgie-Stube der vor 70 Jahren gegründeten Vaganten-Bühne gedacht, dass Vicki Baums psychologisch fein gezeichnetes und soziologisch waches Hauptstadtmosaik auch heute noch aktuell ist – und daher auf die Bühne gehört. Nicht weit vom Bahnhof Zoologischer Garten und vom Kurfürstendamm gelegen, schmiegt sich das kleine Theater in die Flanke des mächtigen Delphi-Filmpalasts. Dessen eine Seite wird vom Theater des Westens, die andere, über die Fasanenstraße hinweg, vom Hotel Savoy begrenzt. Bis heute hat sich das Theater den Charme einer Pariser Kellerbühne bewahrt. Der Spielplan ist zeitgenössisch und gesellschaftspolitisch orientiert, das Publikum eine urbane Mischung aus Jung und Alt.

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