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Stadtbäume gegen Klimawandel : Eine Straße, viele Bäume

Die Bochumer Polizei unterstützt die Stadt bei der Bewässerung von Bäumen mit dem Einsatz eines Wasserwerfers. Die Linden können nicht tief genug wurzeln, da im Untergrund die U-Bahn verläuft. Bild: Imago

Städte pflanzen Bäume gegen den Klimawandel, diese brauchen jedoch Platz. Sie neben einer Straße zu pflanzen bringt wenig. Nur wohin eigentlich, wenn schon der Wohnraum knapp ist?

          Viele Städte machen auf grün, Heilbronn ist grüner. Nirgends sonst in Deutschland gibt es so viele Stadtbäume pro Bewohner, laut einer Statistik aus dem Jahr 2014. „Das war mir gar nicht bekannt“, sagt Hans-Peter Barz. Die 48.000 Bäume auf 125.000 Einwohner, so sagt der Leiter des Heilbronner Grünflächenamtes, seien der konsquenten Begrünung zu verdanken. Alle Einfallstraßen der Neckarstadt wurden in Alleen umgewandelt.

          Barz, der Heilbronns Grünflächenamt seit 30 Jahren vorsteht, sieht in vielen Bäumen nur Vorteile: „Stadtbäume produzieren Sauerstoff, binden Kohlendioxid, filtern Feinstaub und wirken kühlend – auch durch den Schatten, den sie spenden.“ Städte dürften nicht zu überhitzten Betonwüsten veröden. Sich in einen schattigen Biergarten setzen zu können sei Lebensqualität. Barz bezeichnet Bäume als „wohlfahrtswirksam“, denn sie wirkten auch beruhigend auf die Psyche der Menschen.

          Nur die Gemüter mancher Mitbürger beruhigen sie nicht. „Es gibt in Heilbronn immer noch Leute, die Bäume als Dreckschleudern bezeichnen“, sagt Barz. Sie stören sich am Laub im Herbst. „Aber die Städte müssen grüner werden“, sagt er. Stadtplanung müsse in Zeiten des Klimawandels neu gedacht werden. Es brauche Dachbegrünung, Fassadenbegrünung – und eben die Bäume. Als Vorbild nennt er Kopenhagen. Die dänische Hauptstadt habe bei Straßen eine Spur herausgenommen, auf den frei werdenen Flächen Bäume gepflanzt und dafür gesorgt, dass das Regenwasser gut abfließen kann.

          „Linden mögen kein Salz“

          Im Juli 2011 hatte Starkregen eine Spur der Verwüstung in Kopenhagen hinterlassen, denn das Wasser konnte wegen der großflächigen Versiegelung kaum versickern. Damals begann die Stadt, in großem Stil zu begrünen. „Man staunt, was für ein Umdenken in kurzer Zeit möglich ist“, sagt Susanne Böll. Die Biologin leitet das Projekt „Stadtgrün 2021“ des Freistaats Bayern. Sie sagt: „Stadtbäume brauchen Platz.“ Die Bäume direkt neben der Straße zu pflanzen bringe nichts. Die Wurzeln müssten sich ausbreiten können, das Wasser dürfe nicht sofort abfließen.

          Ansonsten trocknen die Bäume aus, und die Straßen laufen Gefahr, überflutet zu werden. Wichtig sind Böll auch die Pflanzstreifen, grüne Flächen neben den Bäumen. Vor allem Bienen seien auf Nistmöglichkeiten im Boden angewiesen, sagt die Biologin. Ihre Mitarbeiter haben in Würzburg solche Pflanzstreifen angebaut. Dabei haben sie auf 30 Bäumen 57 Arten von Wildbienen gefunden, das sind zehn Prozent aller Wildbienenarten in Deutschland.

          Böll untersucht in ihrem Projekt seit neun Jahren 30 Baumsorten, unter anderem in Würzburg, einer besonders heißen Stadt, und in Hof, berüchtigt für frostige Temperaturen. Nicht jede Baumart ist überall geeignet. Und: „Wegen der extremeren Wetterbedingungen gibt es für Bäume keine Erholungszeit mehr.“

          Ein Baum scheint diesen widrigen Umständen besonders gut zu trotzen: Die Silberlinde dreht die weiße Unterseite der Blätter gegen die Sonne. Daher ist sie laut Hans-Peter Barz „ein geeigneter Klimabaum“, robust und weitgehend resistent gegen Trockenheit. An vielbefahrenen Straßen aber sei sie ungeeignet: „Linden mögen kein Salz.“ Erfahrungen aus Würzburg zeigen, dass eingesickertes Streusalz den Bäumen auch im Sommer zu schaffen macht. In Heilbronn hat sich die Platane als untauglich erwiesen. Der beliebte Alleebaum sei besonders anfällig für die Pilzkrankheit Massaria, sagt Barz. Der Befall musste per Hubschrauber bekämpft werden. In der Neckarstadt werden bei Trockenheit manche Bäume von unten über eigens angelegte Leitungen bewässert.

          Die Lebenserwartung von Stadtbäumen war schon immer kürzer. Mit dem Klimawandel wird sie weiter sinken: „Wir müssen damit leben, dass ein Baum nur 30 Jahre lebt“, sagt Barz. Eine Linde im Wald lebe dagegen gut und gerne 500 Jahre, sagt Derk Ehlert von der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Die Hauptstadt sei insgesamt zwar grün, allerdings stünden die meisten Bäume im Wald. Die Stadtverwaltung setzt deshalb auf die emotionale Kampagne „Stadtbäume für Berlin“. Das Setzen und die Pflege eines neuen Baums sind teuer. Ein Bewohner, der sich mit mindestens 500 Euro beteiligt, kann seinen Namen auf einem Schild verewigen. In den vergangenen sieben Jahren aber nur etwa Zehntausend neue Straßenbäume angepflanzt.

          Denn Neupflanzungen haben ihre Grenzen. Susanne Böll spricht von einem „enormen Spannungsfeld“, das sich zwischen der Forderung nach mehr Platz für Bäume und der vielerorts geplanten baulichen Verdichtung ergibt. Wenn der Wohnraum knapp ist, haben es die Vorkämpfer für Begrünung nicht unbedingt leichter.

          Die Lösung, die man für dieses Problem in Prag fand, will auch nicht so recht überzeugen. Eine Million neue Bäume hatte der Oberbürgermeister der tschechischen Hauptstadt, Zdeněk Hřib von der Piratenpartei, versprochen. Er pilgerte im Wahlkampf nach Kopenhagen, um zu „lernen“. Laut Tschechischem Rundfunk werden die neuen Bäume jedoch vor allem am Stadtrand gepflanzt. Dort bringen sie den hitzegeplagten Bewohnern nicht viel. 

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