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U-Bahn-Pläne für Belgrad : Mit der Metro in die Osmanenzeit

Ausgerechnet der serbische Gewaltherrscher Slobodan Milošević machte dann den Anfang, wenn auch einen überschaubaren: Im Juli 1995, mitten in den jugoslawischen Zerfallskriegen, eröffnete er im Belgrader Zentrum eine Untergrundstation namens „Vuks Denkmal“, die noch heute wie der Teil des weit verzweigten Metrosystems einer modernen Großstadt wirkt. Tatsächlich handelt es sich aber nur um eine einzige Station von Vorortbahnen, die an dieser Stelle unterirdisch verlaufen. Die Station blieb ein Solitär. Im Jahr 2002 kündigte der damalige Belgrader Bürgermeister Nenad Bogdanović zwar an, dass nun wirklich bald eine Metro gebaut werden solle, doch nichts geschah. Neun Jahre später versprach Dragan Djilas, einer von Bogdanovićs Nachfolgern, ebenfalls eine Metro, die man rasch fertigstellen werde. Bogdanović ist inzwischen gestorben, Djilas in der Opposition, eine U-Bahn hat Belgrad immer noch nicht.

Nun soll es ernst werden, doch der Architekt Milan Dimitrijević und der Aktivist Miloš Vučković von der Initiative „Bewege die Metro“ erheben schwere Einwände gegen die Pläne. Beide haben nichts gegen den Bau einer Metro an sich, im Gegenteil: Die Balkanmetropole brauche eine U-Bahn, bestätigen sie. Nur kritisieren sie die Art, wie Serbiens Regierung und Belgrads Stadtführung – beide unter Kontrolle der „Serbischen Fortschrittspartei“ von Staatspräsident Aleksandar Vučić – das Projekt verfolgen: Ohne wirkliche Einbindung der Bevölkerung und ohne Rücksicht auf grundlegende stadtplanerische Notwendigkeiten. Die Bevölkerung dürfe vielleicht über die Farben der Sitzpolster in den Waggons oder architektonische Details der einzelnen Stationen abstimmen, aber das sei nur „kosmetische Mitbestimmung“, sagt Vučković. Viel wichtiger sei die Trassenführung, die ohne öffentliche Debatte festgelegt worden sei.

Große Pläne: Ein Werbeplakat kündigt im Zentrum der  Hauptstadt den Bau der Belgrader U-Bahn an.
Große Pläne: Ein Werbeplakat kündigt im Zentrum der Hauptstadt den Bau der Belgrader U-Bahn an. : Bild: Frank Röth

Keine Stationen am Hauptbahnhof und am Krankenhaus

Dabei wurde sogar das Kunststück fertiggebracht, den Belgrader Hauptbahnhof zu umgehen. Obwohl der, wenn erst die Schnellstrecke nach Budapest eröffnet ist und einige weitere Zubringer fertig gebaut sind, mehr als 14,5 Millionen Passagiere im Jahr bedienen soll. „Wie kann es sein, dass Belgrad eine Metro haben soll, aber der wichtigste Bahnhof des Landes soll nicht daran angebunden sein?“, fragt Vučković. Darüber müsse es eine öffentliche Debatte geben. Auch das Belgrader Klinikzentrum, das mit Abstand größte Krankenhaus des Landes, in dem eine Million Untersuchungen und Eingriffe pro Jahr durchgeführt werden, soll keine eigene Station bekommen.

Die Begründung der Stadt, unter dem Krankenhaus könne man keine U-Bahn-Station bauen, da die Vibrationen der Züge medizinische Messgeräte beeinträchtigten, sei vorgeschoben, so Milan Dimitrijević. Beispiele aus anderen Städten, wo es Metrostationen unter oder nahe bei Krankenhäusern gebe, zeigten das. Mit Beteuerungen, eine dritte Linie könne eines Tages auch den Hauptbahnhof und das Klinikzentrum einschließen, will man sich bei „Bewege die Metro“ nicht zufrieden geben. Denn ob die dritte Linie je gebaut werde, wisse schließlich niemand.

Die Initiative sammelt Unterschriften für die Forderung nach einer stärkeren Einbindung der Bevölkerung in die Metroplanung, doch bisher haben nur einige tausend Menschen unterschrieben. „Die meisten Leute glauben einfach nicht, dass die U-Bahn tatsächlich gebaut wird. Wir müssen ihnen erst einmal klar machen, dass es diesmal ernst ist und dass ihre Interessen betroffen sind“, sagt Vučković. Ein Verdacht der Leute von „Bewege die Metro“ lautet, der Bahnhof und das Klinikum seien zugunsten des mit arabischem Geld finanzierten Bauprojekts „Belgrad am Wasser“ ignoriert worden. Dieses Projekt umfasst Einkaufszentren, Hotels und Wohntürme mit Luxusapartments.

Was auch immer die Gründe sein mögen: Vielleicht wird Belgrad in einigen Jahren nicht nur das jüngste, sondern auch eines der seltsamsten Metrosysteme des Kontinents haben: Ein U-Bahn-Netz ohne Anbindung an den Hauptbahnhof der Stadt. Auch das wäre etwas Besonderes.

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