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Wandern im Alltag : „Eine Wanderung kann auch an der eigenen Haustür beginnen“

Auch in der Großstadt möglich: Spaziergänger im Berliner Tiergarten. Bild: dpa

Bertram Weisshaar ist Spaziergangsforscher und hat ein Buch über das Wandern geschrieben. Im Interview erzählt er, wie er es schafft, Wanderungen in seinen Alltag einzubauen und warum die Sehnsucht nach unberührten Landschaften in Zeiten des Klimawandels unrealistisch ist.

          4 Min.

          Herr Weisshaar, Sie sind Spaziergangsforscher. Wann sind Sie denn das letzte Mal selbst spazieren gegangen?

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Gestern, da habe in Leipzig einen Stadtspaziergang gemacht. Oft sind meine Spaziergänge Recherche, zuletzt war ich viel für mein Buch unterwegs. Da bin ich dann zwischen 15 und 20 Kilometer pro Tag gelaufen. Aber an Tagen, an denen die Arbeit am Schreibtisch überwiegt, versuche ich mindestens zwischen 8000 und 10.000 Schritte zu machen.

          Jeder, der einen Bürojob hat, weiß, wie schwer das mitunter ist. Wie schaffen Sie das?

          Das geht schon, man muss es einfach einrichten. Aber ich habe auch Tage, an denen ich nur auf 2000 Schritte komme. Die dürfen dann in der Woche nur nicht überwiegen. Und man sollte nicht meinen, zum Wandern muss man erst weit hinaus fahren. Auch in unmittelbarer Nähe zu den Metropolen kann man viel entdecken. Es hat etwas besonders, wenn man an der eigenen Haustür die Wanderung startet. Das ist ein Gewinn, obwohl man die ersten Stunden durch Areale läuft, die man schon kennt. In letzter Zeit liest man immer wieder von Mikroabenteuern, also kleinen Alltagsfluchten, bei denen jemand abends mit dem Fahrrad irgendwohin fährt, zwei Stunden wandert, mit dem Schlafsack draußen übernachtet und morgens wieder zur Arbeit geht.

          Alltagsfluchten: Drei „Mikro-Abenteurer“ im Wald bei Trier

          Sie haben darüber auch ein Buch geschrieben. Es heißt: „Einfach losgehen. Vom Spazieren, Streunen, Wandern und vom Denkengehen.“ Was genau ist denn „Denkengehen“?

          Das ist ein alter Topos in der Philosophie, schon die alten Griechen haben im Gehen philosophiert, auch Friedrich Nietzsche und Søren Kierkegaard. Es gibt also viele, die sagen: Im Gehen lässt sich besser denken als im Sitzen. Für manche ist es sogar notwendig, beim Denken zu gehen. Manchmal verhakt man sich ja, wenn man nur über einem Buch sitzt, am Schreibtisch oder in der Bibliothek bleibt. Dann muss man raus und ein, zwei Stunden spazieren. Das sortiert die Gedanken.

          Von den zuvor angesprochenen Mikroabenteurern abgesehen, ist das Wandern in den vergangenen Jahren ja fast schon spirituell aufgeladen. Wer wanderte, nahm sich gleich den Jakobsweg vor.

          Das stimmt, und dann sind auch neue Pilgerwege dazu gekommen. Im Lutherjahr etwa war der Lutherweg beliebt, obwohl Luther das Pilgern eigentlich verteufelt hat. Deshalb gibt es auch ökumenische Pilgerwege. Dieser Gedanke lag auch zugrunde, als ich den „Denkweg“ entworfen habe.

          Wo führt der lang?

          Der Weg führt von Aachen nach Zwickau. Ich bin ihn einmal selbst komplett abgegangen. Das sind 1200 Kilometer, ich habe neun Wochen gebraucht. Ihn komplett zu wandern, ist kaum zu leisten. Der Kerngedanke ist, dass sich jeder selbst seine Route aussuchen kann, man kann die Strecke also auch kürzer wählen. Mir ging es darum, einen guten Querschnitt vieler verschiedener Landschaften zu sehen. Landschaften, die repräsentativ für das Land sind. Man kommt also am Braunkohletagebau ebenso vorbei wie an der Gegend um Jülich, wo ein Atomzwischenlager gebaut wird, und kreuzt einige Naturparks und Fernwanderwege wie den Rennsteig. Ich finde es spannend, wie sich in der Landschaft die Ergebnisse unserer Lebensstile zeigen. Das regt zum Nachdenken an. Beim Wandern soll man sich also nicht betäuben, in dem man in Wanderparadiese geht. Es ist ein ergänzender Ansatz zu den spirituellen Wegen und zum in den letzten Jahren mehr und mehr verbreiteten Premiumwandern.

          Was verstehen Sie darunter?

          Dass Wanderwege zertifiziert und gecheckt werden, ob sie vom Wanderverband vorgegebene Kriterien erfüllen: Ist es eine schöne Landschaft? Ist der Weg nicht asphaltiert? Ist er gut ausgeschildert? Einigen dieser Kriterien will ich mit meinem Denkweg entgegentreten. Da ist zum Beispiel die Annahme, dass man beim Wandern keine Ergebnisse der Zivilisation sieht, keine Hochspannungsmasten, keine Windräder, kein Gewerbegebiet. Ich gehe von der anderen Seite heran: Die Gesellschaft hat ein Problem mit dem Klimawandel und der Aufgabe, nachhaltige Lebensstile zu finden. Die Wanderer und Naturfreunde kann ich da zuallererst abholen, denn die haben noch eine emotionale Nähe zur Natur, anders als die, die nicht vom Fernseher wegkommen oder vom Computer oder nur mit Fahrzeugen unterwegs sind. Ich habe Mitte der neunziger Jahre Spaziergänge durch Braunkohletagebaue gemacht. In vier Jahren sind da mehrere tausend Menschen mitgekommen. Und das war ein Areal, das dem klassischen Wanderziel überhaupt nicht entsprach.

          Wie alles anfing: Bertram Weisshaar (Mitte) führt im April 1998 eine Besuchergruppe durch die Grube Golpa-Nord, einen ehemaligen Braunkohletagebau.

          Ihr Buch beginnt mit einer Wanderung in dieses ehemalige Tagebaugebiet, das sie nach 25 Jahren noch einmal besuchen. Was fasziniert sie so daran?

          Es war damals eine auf bizarre Art schöne Landschaft und gleichzeitig ein brutaler Eingriff in die Umwelt. Ich war unlängst bei Aachen in einer Ortschaft, die für den Tagebau Hambach abgerissen wird. Die Zerstörung ist omnipräsent, gleichzeitig gibt es ästhetische Erlebnisse. Und dieses Spannungsfeld ist zeitgenössisch und wird zunehmen. Wir wirken weiterhin auf unsere Umwelt ein, bauen Straßen, erweitern Städte. Das zeigt sich dann auch in der Landschaft. Damit müssen wir klarkommen und andere Bilder von „Landschaft“ entwickeln. Wenn wir immer nur an den Landschaftsbildern unserer Großeltern hängen bleiben, dann wird die Welt, in der wir noch unbedrückt schauen können, immer enger. Oder man dürfte überhaupt nichts mehr an der Umwelt verändern. Das ist ja auch nicht realistisch.

          Sie meinen mit Landschaftsbildern der Großeltern: ein Blick ins Grüne ohne Strommasten, Windkraftanlagen…

          Genau, wir wollen aber regenerative Energien. Das bedeutet: Maisfelder, Solaranlagen, Windräder. Jeder hat eine Meinung zu Windenergie. Da ist es hilfreich und spannend, wenn man diese Landschaften mal aufsucht. Und das ist der Kerngedanke des „Denkwegs“ und der „Akademie Landpartie“.

          Was machen Sie bei der „Landpartie“?

          Die Idee mit zehn bis zwölf Personen aus der Stadt und genauso vielen Personen aus der Gegend diese zu durchwandern. Eine Begegnung von Stadt und Land. Das wird immer brisanter, besonders wenn man sich die Wahlergebnisse der letzten Jahre ansieht. In den Städten wird grün gewählt, auf dem Land schwarz oder blau, also AfD. Darum muss man sich bemühen, eine Kommunikation zwischen Stadt- und Landbevölkerung zu initiieren.

          Sie sind studierter Spaziergangsforscher, wie sind Sie dazu gekommen?

          Ich habe Landschaftsplanung studiert und da gab es ein Seminar „Spaziergangswissenschaft“ von Lucius Burckhardt. Der hatte es kreiert. Das Besondere dabei war, dass man immer wieder bei dem Seminar die Hochschule verließ, in die Landschaft ging und das schriftgelehrte Wissen durch eigenes Überprüfen vor Ort ergänzte. Einmal waren wir mit Windschutzscheiben unterwegs, die wir vor uns trugen, um zu demonstrieren, wie eingeschränkt die Perspektive der Autofahrer im Vergleich zu der der Fußgänger ist. Und dann kam ich nach Dessau, wo der Braunkohletagebau war, der heute Ferropolis heißt. Ich fand das wunderschön. Da konnte ich dann die Spaziergangswissenschaft anwenden, die sagt: Landschaft existiert nur in unserem Kopf. Und indem wir die Bildvorstellung ändern, können wir Landschaft herstellen. Deshalb habe ich dort Spaziergänge organisiert und die Menschen, die mitkamen, haben eine völlig neue Landschaft entdeckt.

          Das Buch

          „Einfach losgehen: Vom Spazieren, Streunen, Wandern und vom Denkengehen“ von Bertram Weisshaar ist bei Eichborn erschienen. 288 Seiten, 20 Euro.

           

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