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Wandern im Alltag : „Eine Wanderung kann auch an der eigenen Haustür beginnen“

Auch in der Großstadt möglich: Spaziergänger im Berliner Tiergarten. Bild: dpa

Bertram Weisshaar ist Spaziergangsforscher und hat ein Buch über das Wandern geschrieben. Im Interview erzählt er, wie er es schafft, Wanderungen in seinen Alltag einzubauen und warum die Sehnsucht nach unberührten Landschaften in Zeiten des Klimawandels unrealistisch ist.

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          Herr Weisshaar, Sie sind Spaziergangsforscher. Wann sind Sie denn das letzte Mal selbst spazieren gegangen?

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Gestern, da habe in Leipzig einen Stadtspaziergang gemacht. Oft sind meine Spaziergänge Recherche, zuletzt war ich viel für mein Buch unterwegs. Da bin ich dann zwischen 15 und 20 Kilometer pro Tag gelaufen. Aber an Tagen, an denen die Arbeit am Schreibtisch überwiegt, versuche ich mindestens zwischen 8000 und 10.000 Schritte zu machen.

          Jeder, der einen Bürojob hat, weiß, wie schwer das mitunter ist. Wie schaffen Sie das?

          Das geht schon, man muss es einfach einrichten. Aber ich habe auch Tage, an denen ich nur auf 2000 Schritte komme. Die dürfen dann in der Woche nur nicht überwiegen. Und man sollte nicht meinen, zum Wandern muss man erst weit hinaus fahren. Auch in unmittelbarer Nähe zu den Metropolen kann man viel entdecken. Es hat etwas besonders, wenn man an der eigenen Haustür die Wanderung startet. Das ist ein Gewinn, obwohl man die ersten Stunden durch Areale läuft, die man schon kennt. In letzter Zeit liest man immer wieder von Mikroabenteuern, also kleinen Alltagsfluchten, bei denen jemand abends mit dem Fahrrad irgendwohin fährt, zwei Stunden wandert, mit dem Schlafsack draußen übernachtet und morgens wieder zur Arbeit geht.

          Alltagsfluchten: Drei „Mikro-Abenteurer“ im Wald bei Trier

          Sie haben darüber auch ein Buch geschrieben. Es heißt: „Einfach losgehen. Vom Spazieren, Streunen, Wandern und vom Denkengehen.“ Was genau ist denn „Denkengehen“?

          Das ist ein alter Topos in der Philosophie, schon die alten Griechen haben im Gehen philosophiert, auch Friedrich Nietzsche und Søren Kierkegaard. Es gibt also viele, die sagen: Im Gehen lässt sich besser denken als im Sitzen. Für manche ist es sogar notwendig, beim Denken zu gehen. Manchmal verhakt man sich ja, wenn man nur über einem Buch sitzt, am Schreibtisch oder in der Bibliothek bleibt. Dann muss man raus und ein, zwei Stunden spazieren. Das sortiert die Gedanken.

          Von den zuvor angesprochenen Mikroabenteurern abgesehen, ist das Wandern in den vergangenen Jahren ja fast schon spirituell aufgeladen. Wer wanderte, nahm sich gleich den Jakobsweg vor.

          Das stimmt, und dann sind auch neue Pilgerwege dazu gekommen. Im Lutherjahr etwa war der Lutherweg beliebt, obwohl Luther das Pilgern eigentlich verteufelt hat. Deshalb gibt es auch ökumenische Pilgerwege. Dieser Gedanke lag auch zugrunde, als ich den „Denkweg“ entworfen habe.

          Wo führt der lang?

          Der Weg führt von Aachen nach Zwickau. Ich bin ihn einmal selbst komplett abgegangen. Das sind 1200 Kilometer, ich habe neun Wochen gebraucht. Ihn komplett zu wandern, ist kaum zu leisten. Der Kerngedanke ist, dass sich jeder selbst seine Route aussuchen kann, man kann die Strecke also auch kürzer wählen. Mir ging es darum, einen guten Querschnitt vieler verschiedener Landschaften zu sehen. Landschaften, die repräsentativ für das Land sind. Man kommt also am Braunkohletagebau ebenso vorbei wie an der Gegend um Jülich, wo ein Atomzwischenlager gebaut wird, und kreuzt einige Naturparks und Fernwanderwege wie den Rennsteig. Ich finde es spannend, wie sich in der Landschaft die Ergebnisse unserer Lebensstile zeigen. Das regt zum Nachdenken an. Beim Wandern soll man sich also nicht betäuben, in dem man in Wanderparadiese geht. Es ist ein ergänzender Ansatz zu den spirituellen Wegen und zum in den letzten Jahren mehr und mehr verbreiteten Premiumwandern.

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