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Kiesgärten : Auf Sand gebaut

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Keine dröge Angelegenheit: Am richtigen Ort, mit den richtigen Pflanzen ist im Kiesgarten üppiges Wachstum kein Wunder. Bild: Jürgen Becker

Buchskugel, Zwergahorn und Buddha – Kiesgärten können ziemlich spießig aussehen. Dabei geht es ganz anders, wie ein Besuch bei Gartendesigner Peter Janke zeigt.

          Zurzeit herrscht Flut in Peter Jankes Kiesgarten. Spornblumen, Nachtkerzen, Euphorbien wogen in den Beeten. Schäume von Katzenminze branden heran, Stachelnüsschen schwappen auf den Kiesweg. Dazwischen, wie Wellenbrecher, stolze Königskerzen, Fingerhüte und Elfenbeindisteln. Die Ebbe wird in ein paar Wochen einsetzen, erst unmerklich, bis sie im Winter ihren Tiefstand erreicht.

          Erst werden Inseln aus Kies in den Beeten entstehen, immer größer werden, bis nur Flecken von Pflanzen übrig bleiben, Prielen gleich. „Das ist das Clevere am Kiesgarten“, sagt Peter Janke. Das Gestaltungsmittel Kies, bei Flut lediglich als Weg erkennbar, wird bei Ebbe auch in den Beeten sichtbar. Doch noch stehen die Pflanzen hoch. Fetthennen setzen Knospen an, die ersten Gräser blühen, Walzenwolfsmilch züngelt auf den Kies, Thymian bildet kleine Pools.

          Pflanzen stecken Wolkenbrüche gut weg

          Dieser Garten ist üppig, eine wunderbare Fülle an Pflanzen, die der Designer im natürlichen Stil zueinander gesetzt hat. Sie alle können Trockenheit vertragen, auch das macht den Kiesgarten so clever. Denn gegossen wird hier nicht. Was hier wächst, kommt mit dem zurecht, was vom Himmel fällt. Das sind im Rheinland für gewöhnlich 900 Millimeter Niederschlag pro Jahr, doch auch die endlosen Wolkenbrüche der vergangenen Wochen stecken diese Pflanzen gut weg. Das Geheimnis ist der Boden: Er ist locker und sehr durchlässig. Er ist auch der Grund, warum Peter Janke diesen Garten an dieser Stelle angelegt hat.

          Inspiriert durch seinen Aufenthalt bei der britischen Gärtnerin Beth Chatto, bei der er 2003 arbeitete, war er nach seiner Rückkehr hoch erfreut, auf seinem neuen Grundstück in Hilden ganz unterschiedliche Bedingungen vorzufinden – vom feuchten Waldgebiet bis zur offenen, trockenen Fläche – Möglichkeiten, ganz unterschiedliche Pflanzengesellschaften zu präsentieren. Beth Chatto hatte in den 1990er Jahren einen ehemaligen trockenen und heißen Parkplatz mit magerem Boden in einen Kiesgarten verwandelt. Ihre Pflanzen gedeihen prächtig auf diesem Grund, vor allem: ganz ohne Bewässerung, und das in Essex, einer der trockensten Gegenden Großbritanniens. Dort fallen mit 550 Millimeter Niederschlag deutlich weniger als im Rheinland.

          Dass dort dennoch so viel wächst, liegt an der geschickten Auswahl der Pflanzen. „In der Natur gießt ja auch keiner“, sagt Janke. Zum Beispiel in den nordamerikanischen Kurzgrasprärien, den Steppenrasen in Rumänien, den Tussock-Graslandschaften Neuseelands oder auch am Kiesstrand von Dungeness, Südengland. Janke leitet seine Ästhetik mit sich verwebenden Pflanzen von solchen Naturbildern ab, was allerdings eher reine Geschmacksfrage ist: „Stellen Sie sich die gleichen Gewächse in Mondrian-ähnlichen Farbfeldern vor, auch so könnte ein Kiesgarten aussehen.“

          Kies ist en vogue

          Entscheidend ist die Grundidee: „Wie bekomme ich es hin, einen kargen Ort durch die richtige Pflanzenauswahl zu begrünen?“ Einen Ort, der einen Boden hat, der zu nährstoffarm, sandig und trocken ist für klassische Gartenpflanzen wie Rittersporn und Edelrosen? Das ist eine ganz andere Herangehensweise als die Kiesaufschüttungen, die in vielen Vorgärten zu sehen sind. Bereits in den 1970er Jahren gab es so eine Modewelle, jetzt ist Kies aufs Neue en vogue: statt Pampasgras oder Araukarien werden heutzutage Buchskugeln und Zwergahorn gesetzt.

          Kiesgärten sind mehr als eine Frage der Ästhetik.

          Solche Anlagen sind, wenn die Kiesschicht dick genug ist, eine gewisse Zeit lang pflegeleicht. „Aber das ist kein schwelgerisches Gartenbild“, urteilt Janke. Für ihn steht eine solche Gestaltung eher für eine „tiefverwurzelte Spießigkeit“: „Was früher der Gartenzwerg, ist heute der Buddha.“ Vielleicht, sinniert der Gärtner, sind diese Anlagen aus Unwissenheit über die Möglichkeiten von Natur und Pflanzen so beliebt. Solche Anlagen sind leicht zu kontrollieren, verändern sich im Jahreslauf nur wenig.

          Sein Ansatz ist das nicht. Auch nicht, einen reichhaltigen Gartenboden abzumagern, um dort einen Kiesgarten anzulegen. „Wenn man in die Ästhetik verliebt ist, geht das auch auf einem fetten Boden mit anderen Pflanzen.“ Im Schatten würde Janke ebenfalls keinen solchen Garten anlegen – „im Wald gibt es auch keinen Kies“. Auch von der vielfach empfohlenen Bauweise mit Vlies oder Bändchenfolie hält der Gartendesigner nichts. „Das wird schnell kontraproduktiv.“

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