https://www.faz.net/-hrx-8lbyz

Jugend in der Einkaufspassage : Im Zentrum

Kulisse für coole Selfies: Die Spiegelwand kommt den Kusinen gerade recht. Das Zentrum ist für sie Chill-Ort und Hobby in einem. Bild: Julia Schaaf

Shopping Malls sind für Jugendliche ein zweites Zuhause. Was machen die da eigentlich?

          In der Rossmann-Tüte über Josis Handgelenk baumeln: eine Haarbürste, ein Kamm, Eyeliner. Fast zwei Stunden waren Josi und ihre Freundin für diesen Einkauf unterwegs. Erst bei Claire's, Modeschmuck und Accessoires. Weiter zum Drogeriemarkt dm. Dann bei Deichmann, „kurz gucken, was es für Schuhe gibt“. Schließlich Rossmann. Josi lächelt zufrieden, die Brackets auf ihren Zähnen blitzen. „Wir brauchen immer mega lange“, sagt die Vierzehnjährige.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Einkaufszentrum irgendwo in Deutschland: Wie ein Kreuzfahrtschiff im Hafen liegt der bullige Bau neben dem S-Bahnhof. Shoppen auf drei Etagen, eine Mischung aus Kunst- und Tageslicht, glattpolierter Marmor. Die beiden Mädchen sind vor einem Wäschegeschäft im Erdgeschoss stehengeblieben. Bikinis im Sale, aus den Lautsprechern singt Jennifer Lopez. Von einem Aktionsstand einige Meter weiter (“über 500 Düfte je 15 Euro“) zieht ein süßlicher Duft herüber. Nach der Schule haben die Freundinnen nur ihre Taschen zu Hause abgeworfen; Elain hat sich die Haare hochgesteckt. Dann ein paar Stationen mit der S-Bahn. „Wir wissen zwar, was wir wollen“, erklärt Josi. „Aber auf einmal sehen wir in einem anderen Laden was Schöneres.“ Daraufhin gucken die Freundinnen, was das Schönere kostet. Überlegen, welche Ware sie lieber haben wollen. Checken das Produkt, das sie ursprünglich im Sinn hatten. Manchmal wechseln sie mehrfach zwischen Geschäften hin und her. Wenn der Nachmittag dann immer noch nicht vorüber ist, setzen sie sich aufeine Bank oder essen etwas, am liebsten Kartoffelecken vom Fish-und-Chips-Laden. „Aber manchmal“, sagt Elain, „ist man einfach nur hier, um nach süßen Jungs zu gucken.“

          Mutter unterstützt Zeitvertreib in der Mall

          „Wir sind oft hier, um unsere Freizeit zu verbringen“, sagt ein Mädchen. „Einfach mit Freunden zusammen abhängen und dem Stress zu Hause entgehen.“ Manchmal gehen sie in den Buchladen, um in den Manga-Comics zu blättern. Manchmal probieren sie bei Saturn Handys aus.

          Ein zierliches Mädchen, das mit seiner XXL-Freundin Selfies macht, erzählt, dass ihre Mutter es gut finde, wenn sich die Tochter im Center die Zeit vertreibe. Die Zierliche hat fuchsiarote Fingernägel und Hennaherzen auf dem Handrücken. „Spielplatz ist nicht so gut“, sagt sie. „Da sind so viele Männer.“

          Zwei Zwölfjährige sitzen vor dem Eingang auf einer Treppe und beschäftigen sich mit ihren Handys. „Wir snappen immer“, sagen sie. Die Hübsche mit Kopftuch hat von der Langhaarigen gerade zwei kleine Filmchen gemacht, einmal Burgeressen im Zeitraffer, einmal Mähneschütteln, jeweils mit Mickymaus-Stimme unterlegt.

          Warum Jugendliche sich den Raum erobern

          Ganz gleich ob sie „Arkaden“ oder „Galerie“, „Center“, „Mall“ oder „Boulevard“ heißen: Einkaufszentren gehören heute zu den bevorzugten Orten, an denen Jugendliche ihre Freizeit verbringen. Dabei spielt es keine Rolle, dass solche Kreuzungen aus Kaufhaus und Fußgängerzone private Betreiber haben; Jugendliche nutzen sie, als handele es sich um öffentlichen Raum.

          Die Shopping Mall ist größer als jedes Zuhause und weniger wetterabhängig als der Park oder das Freibad. Konsum? Spielt nur bedingt eine Rolle. „Die Malls haben für Jugendliche eine hohe Aufenthaltsqualität, weil sie da einen so ein bisschen geschützten Raum haben“, sagt Ulrich Deinet, Professor an der Hochschule Düsseldorf. Wer sich nicht an die Regeln halte, fliege zwar raus. Zugleich vermittele die Anwesenheit von Security-Personal ein gewisses Gefühl von Sicherheit. „Und pädagogenfrei ist es da auch.“

          Der Professor und sein Team von der Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung haben 2015 die bisher einzige deutsche Studie zum Thema vorgelegt und 370 Jungen und Mädchen im Alter von elf bis 21 Jahren in Shopping Malls in Düsseldorf, Oberhausen und Leonberg befragt. Fast vier von fünf Jugendlichen stimmten der Aussage zu, im Center könne man sich in Ruhe mit Freunden verabreden. Drei Vierteln gefiel es, ohne ihre Eltern unterwegs zu sein. 40 Prozent der Jugendlichen gaben an, sich zwei bis vier Stunden im Einkaufszentrum aufzuhalten. Fast 25 Prozent blieben länger. Deinet sagt: „Ohne, dass es groß auffällt, machen sie die Mall zu ihrem Raum.“

          „Seit meiner Kindheit bin ich hier“

          Auf den Massagesesseln im ersten Stock sitzt Siso. Dort, wo man eigentlich Geld einwerfen soll, um sich im Shoppingstress den Rücken durchrütteln zu lassen, hat er eine Rolle Pringles abgestellt. Trainingsanzug, Silberkettchen zum Rippshirt, Mandelaugen und schöne Zähne: Siso ist 19 Jahre alt. „Hier gibt's schöne Mädchen“, sagt er und grinst. Blondinen oder solche mit blasser Haut nimmt er gar nicht wahr. Wenn ihm jedoch ein südländisches Mädchen mit langen schwarzen Haaren gefällt, versucht er, an ihre Nummer zu kommen.

          Erstmal rüberlächeln. Vielleicht lächelt sie zurück. Dann ansprechen. Siso weiß: bloß keinen Druck machen. Erst Namen austauschen. Fragen, wo sie herkommt. Was sie gerade so macht. „Dann kann man vielleicht ein Eis essen gehen“, sagt Siso und grinst noch breiter. „Hat sich auch schon mal ein One-Night-Stand ergeben“, verrät er. Gleich darauf schimpft er über „die junge Generation“. Eben noch in einem Alter, da man mit Puppen spiele - jetzt schon bauchfrei und mit Nabelpiercing unterwegs. Shoppen? Siso lacht laut. „Nicht so, wie die Mädels einkaufen“, sagt er. „Wenn wir Schuhe brauchen, kaufen wir halt Schuhe.“

          Vor dem Eisladen im Erdgeschoss sitzen drei Kusinen auf einer Bank: zerrissene Jeans, die Mähnen glänzen, Wimperntusche, dick und fransig wie Spinnenbeine. Sie saugen Slush, gefrorene Wasserkristalle in Rot-Blau. In diesem Frühjahr haben sie Abitur gemacht. „Seit meiner Kindheit bin ich immer hier“, sagt Rabia. Erst mit ihrer Mutter und den Geschwistern. Später mit Freundinnen. Sie liebt die Weihnachtsbeleuchtung und findet es schlimm, dass es nach dem Schlussverkauf bei H&M so aussieht, als wären die Heuschrecken dagewesen. „Das ist mein Chill-Ort“, sagt Rabia, und ihre Kusine Pinar übersetzt: „Aufenthaltsort“.

          „Hier kennt jeder jeden“

          „Das ist mein Hobby geworden“, sagt Rabia, und Pinar ergänzt: „Dein zweites Zuhause.“

          „Hier traue ich mich sogar alleine hin“, sagt Rabia. „Und sogar ungeschminkt“, bekräftigt Pinar. Ungeschminkt, erklärt Rabia, gehe sie normalerweise überhaupt nicht aus dem Haus. „Aber hier kenne ich alles.“

          Die Spiegelwand in der dritten Etage schätzen die Kusinen als Kulisse für coole Selfies. Auf dem Parkdeck mit dem spektakulären Blick haben sie Pommes gegessen, als sie 15 waren. An manchen Tagen, sagt Rabia, klappere sie drei Einkaufszentren nacheinander ab, auch die High-Heels in der Tüte zu ihren Füßen stammen anderswo her. Aber: „Am Ende lande ich immer hier.“ Das Einkaufszentrum als zweites Zuhause.

          Auch die Mädchen gucken. Nicht so demonstrativ wie Siso, der breitbeinig auf seinem Massagesessel thront. Sich mit Jungs zu zeigen sei riskant, sagt Pinar: „Hier kennt jeder jeden.“ Man könnte ja der Freundin der Schwester der eigenen Mutter über den Weg laufen. Aber die Rituale einer Center-Jugend kennen Abhilfe. Rabia nennt es so: „Man macht die Runde.“

          McDonald's als „bestbesuchte Jugendeinrichtung“

          Einmal längs durchs Erdgeschoss. Vor Real abdrehen, runter ins Tiefgeschoss zu McDonald's, dann wieder die gesamte Längsbahn entlang, gefühlte 200 Meter, die Rolltreppen hoch in den ersten Stock. „Wenn man den Jungen sieht, auf den man steht, folge ich dem so ein bisschen“, sagt Rabia. „Ich tue auf uninteressiert. Er muss mich ja beachten. Ich renne niemals einem Jungen nach. Sag' ich jedenfalls.“ Ihr Lachen klingt sehr selbstbewusst. „Ich sorge dafür, dass es wie Schicksal aussieht.“

          Die Welt, in der Kinder und Jugendliche aufwachsen, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert: Wo schickt man heute noch Kinder zum Spielen auf die Straße, so, wie die Großelterngeneration es gerne in der Erinnerung verklärt? Die Sozialforschung spricht von „Verhäuslichung“: Der Umfang an institutioneller Betreuung hat zugenommen, der öffentliche Raum ist gefährlicher geworden und vom Straßenverkehr geprägt, Eltern und Kinder unternehmen mehr gemeinsam als früher. Aber, wie Praxisforscher Ulrich Deinet sagt: „Jugendliche suchen sich in dieser veränderten Lebenswelt trotzdem ihre Freiräume.“

          Nun sprechen Sozialpädagogen gern angesäuert von „Konsumtempeln“, wenn es darum geht, dass pubertierende Mädchen und Jungen ihre Nachmittage womöglich lieber in Malls verbringen, die von kommerziellen Interessen geprägt sind, als im örtlichen Jugendclub. Deinet hingegen, der McDonald's als „größte und am besten besuchte Jugendeinrichtung Deutschlands“ bezeichnet, legt Wert auf die Perspektive der Mädchen und Jungen. „Diese Glitzerwelt spricht die Jugendlichen sehr an.“ Mode, Styling und Musik seien schließlich stilbildende Elemente, mit denen Jugendliche ihre Persönlichkeit und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ausdrückten.

          Die Jungs von der Raucherecke

          Und dann ist da noch die Raucherecke. Strenggenommen handelt es sich gar nicht um eine Ecke, sondern um einen langen Gang, draußen, zwischen der Steuerbordseite des Centers, wo sich die Lieferanteneingänge befinden, und dem Mäuerchen, hinter dem es zu den S-Bahn-Gleisen hinunter geht. Aber die Raucherecke heißt Raucherecke, weil damit klar ist, wem die Raucherecke gewissermaßen gehört. „Jeder, der Center-Jugendlicher ist, kennt uns“, sagt ein langer Lulatsch mit Lockenschopf und markanter Nase.

          Jeden Tag seien sie hier von nachmittags um drei oder vier Uhr bis abends um neun, vielleicht auch länger. Mal zu dritt, dann wieder in der Gruppe, bis zu 15 junge Männer, die sich Brüder nennen, ohne es zu sein. Die einen haben arabische, andere bosnische Wurzeln, manche gehen noch zur Schule, andere machen eine Ausbildung. Oder sie stecken in einer „Maßnahme“, wie der Lulatsch sagt, was wohl bedeutet, dass auch ohne Schulabschluss noch etwas aus ihnen werden soll.

          Und was passiert so in der Raucherecke? Dem Lulatsch wird das Gespräch unheimlich. Er dreht sich in den Gang hinein und brüllt einen arabischen Namen. Aus dem Schatten des Mäuerchens löst sich eine drahtige Gestalt mit dünnem Bart und großer Klappe. Verstärkung. Statt einer Begrüßung spuckt der junge Mann auf den Boden. Seine Bomberjacke ist von Zara, das Umhängetäschchen von Nike, der Drahtige zieht den Saum seiner Unterhose unter der Polo-Jeans hervor: Calvin Klein. Er spuckt noch einmal auf den Boden und grinst breit: „Denkst du, ohne Mode kannst du Mädchen klären?“

          „Man sitzt da, chillt draußen, raucht“, sagt der lange Lulatsch jetzt und zieht eine Elektrozigarette aus der Tasche. „Und wenn man Langeweile hat, geht man ins Center. Wir laufen rum, gehen Real, holen was zu trinken, holen ein Eis, gönnen uns kostenloses W-Lan.“

          Die Coolsten im Center

          „Wir hören Musik, chatten halt, reden mit Mädchen, reden mit Jungs“, sagt der Drahtige. „Sogar die Securitys wissen, wer wir sind. Die grüßen uns. Die wissen, dass wir keinen Streit machen. Wir sind mehr so die chilligen Menschen. Wir machen keinen Stress.“

          Dann sagt er noch, „walla, wir gucken halt Mädchen“, und wenn man wissen will, was das heißt, folgt eine Art Verbalerotikshow, irgendwo zwischen Realität, Provokation und Wunschtraum. Jedes Mädchen, das auch nur zurücklächelt, wird demzufolge mitgenommen den Gang hinab bis zu der Stelle, wo sich die Centerwand zu einer Art Höhle öffnet, weil dort Müllsäcke gelagert werden und eine breite Rampe zur Warenanlieferung hinabführt. Hier ist man vor den Blicken der anderen geschützt.

          Der Drahtige sagt: „Dann fängst du an, sie zu knutschen. Sie bückt sich. Dann zieht sie deinen Gürtel langsam auf. Und dann passiert die Sache.“ Selbstgefälliges Grinsen und ein prüfender Blick, ob das Gegenüber beeindruckt ist. Die anderen lachen. Sie zeigen auf einen Zigarettenstummel, der unter einem Gitterrost am Beginn der Rampe liegt: Am Filter klebt roter Lippenstift. Der Drahtige guckt triumphierend. „Die Mädchen wissen schon, dass wir die größten Arschlöcher sind“, sagt er und spuckt auf den Boden. „Die wissen das, und die wollen das so.“

          Drei Grazien schlendern den Gang entlang: lange Haare, enge Hosen, die Augen geschminkt. Eine Siebzehnjährige lässt sich herbeiwinken, der Drahtige zieht sie am T-Shirt und behauptet, mit der sei er auch schon in der Höhle gewesen. „Bist du bescheuert oder so“, schimpft die Siebzehnjährige, „soll ich dir eine geben?“ Dann kickt sie nach ihm mit Turnschuh und langgestrecktem Bein.

          Als er wegläuft, rennt sie ihm nach. Sie wirkt nicht wirklich erbost. „Du bist kein Arsch“, sagt sie zu dem Drahtigen. „Du bist ein Junge, der nicht weiß, wie man mit Mädchen umgeht.“ Irgendwer spuckt auf den Boden, die Sonne steht tief. Die drei Grazien lassen sich auf dem Mäuerchen nieder. Denn die Coolsten im Center, sagt die Siebzehnjährige, seien die Jungs aus der Raucherecke schon.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Proteste vor IAA : Blockade mit drei farbigen Fingern

          Hunderte Demonstranten der Aktion „Sand im Getriebe“ haben zwei der fünf Eingänge der Messe blockiert. Ihr Protest richte sich nur gegen die Konzerne, sagen sie. Das empfinden viele Besucher anders.
          Zu häufiges Nutzen des Smartphones kann krank machen. Aber ganz darauf verzichten geht heutzutage auch nicht.

          Data Detox : Wie man mit wenigen Schritten seine Datenflut eindämmt

          Unsere Datenflut kommt Konzernen wie Facebook und Google zugute, wobei alles andere als klar ist, was genau mit den Informationen geschieht. Mit einigen Tipps kann man sein Handy vor Zugriffen schützen.

          Bayerns zwei Gesichter : „Keine Feuer legen, bitte“

          War es ein Taktik-Sieg von Julian Nagelsmann gegen Niko Kovac? Die Bayern haben offenbar nicht schnell genug auf Veränderungen des Gegners reagiert – und rutschten in der Tabelle ab. In München will man aber Ruhe bewahren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.