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© Hauke Dressler / LOOK-foto

Auf Wasser gebaut

Von JUDITH LEMBKE

14.07.2016 · Schwimmende Häuser sollen gegen Wohnungsmangel helfen, triste Quartiere beleben und Holländer vor Überflutung bewahren. Aber einfach ist das nicht.

Hamburg hat 2500 Brücken, aber nur eine bietet diesen Ausblick: Auf einen Kanal, gesäumt von hohen Laubbäumen, auf dem sich nicht nur Stehpaddler und Enten tummeln, sondern auch neun Häuser schwimmen. Immer wieder bleiben Passanten auf der Brücke stehen, die über den Eilbekkanal verläuft, um einen Blick auf die Szenerie zu werfen: Auf das alte DDR-Wohnschiff „Peißnitz“, an dessen Deck eine gutgelaunte Hochzeitsgesellschaft feiert. Auf das elegante Holzhaus „Traumfänger“ mit seinen abgerundeten Ecken und das futuristische Büroschiff zwei Liegeplätze weiter, dessen metallische Fassade sich silbrig im Wasser spiegelt. „Das ist schon schick“, sagt eine Radfahrerin, die extra abgestiegen ist und auf den „Traumfänger“ weist. Ihr Begleiter nickt: „Stimmt, aber das hat bestimmt eine Million gekostet“, mutmaßt er. „Außerdem kriegt man das Ding im Winter nicht warm und im Sommer stinkt der Kanal.“ Dann steigen die beiden wieder auf und radeln weiter.

„Ein schwimmendes Haus ist genauso gut gedämmt wie jeder andere Neubau, und einen unangenehmen Geruch habe ich im Sommer nie bemerkt“, sagt Jörg Niderehe. Der Architekt muss es wissen, denn er hat den „Traumfänger“ nicht nur gebaut, sondern auch jahrelang auf ihm gewohnt, bis seine Freundin und er sich vor ein paar Monaten trennten und er wieder an Land zog. Gekostet hat das Haus mit 450 000 Euro auch deutlich weniger als eine Million.

© Floating House Das Hausboot „Floating 100“ bietet knapp 100 Quadratmeter Wohnfläche.

Wenn Niderehe über das Wohnen auf dem Wasser spricht, räumt er erst einmal mit ein paar Vorurteilen auf: Zum Beispiel der Vorstellung, man könne mit einem Hausboot einfach überall anlegen, wo es einem gefällt. Oder damit, dass das Genehmigungsverfahren genauso schnell geht wie bei einem Einfamilienhaus im Neubaugebiet. Doch vor allem schwärmt er von dieser Art zu leben: „Ein riesiges Geschenk“ sei es gewesen, dass seine damalige Freundin und Büropartnerin Amelie Rost und er 2006 in einem Architekturwettbewerb einen von zehn Liegeplätzen auf dem Eilbekkanal gewonnen hatten und dann mit ihrem schwimmenden Zuhause dort andocken durften. „Wenn ich das Schiff betreten habe, war ich in einer anderen Welt“, erzählt der Planer. Auf dem Kanal lebe man in der Großstadt inmitten der Natur - mit Enten, die im Blumenkasten auf dem Oberdeck brüten, und Schwanenfamilien, die am Schlafzimmerfenster vorbeiziehen. Aber auch auf einem Untergrund, der niemals vollkommen ruhig ist. „Es ist immer etwas Bewegung auf einem Hausboot“, sagt Niderehe und zeigt an die Decke, wo ein paar Pendelleuchten kaum merklich, aber stetig wackeln.

Jetzt schläft Niderehe zwar nicht mehr auf dem Wasser, dafür arbeitet er dort. Seit ein paar Wochen ist er mit seinem Architekturbüro auf das Hausboot „Lore“ am Viktoriakai-Ufer gezogen. Ein knappes Dutzend Häuser schwimmen auch hier in Hammerbrook. Die Nachbarschaft ist jedoch weniger lieblich als am Eilbekkanal. Anstatt bürgerlicher Stadtvillen umgeben große Straßen und Gewerbebauten die Hausboote. Auf Wasserhöhe hört man von den Autos, die drei Meter über einem über die Brücke brausen, allerdings nicht viel. Und auch die Blesshühner lassen sich weder von den neuen Nachbarn noch vom Bürohund beim Tauchen stören.

© Frank Röth In Amsterdam gehören Hausboote längst zum Stadtbild.

Ein paar Dutzend Lieger, wie die bewohnten Schiffe offiziell in Hamburg heißen, gibt es mittlerweile auf den Wasserflächen der Hansestadt. Die Grenze zwischen Boot und schwimmendem Haus ist fließend. Von veritablen Villen bis zu abgetakelten Barkassen ist alles dabei - und nicht jede schwimmende Unterkunft ist legal. Das macht es schwierig, eine genaue Zahl zu ermitteln, doch gilt Hamburg in Deutschland als die Hausboot-Metropole. Hinter ihrem ehrgeizigen Plan, den der Senat vor zehn Jahren ausgegeben hat, liegt die Stadt jedoch weit zurück. Hunderte schwimmende Häuser schienen damals möglich, das Projekt sollte gleich mehrere Ziele auf einmal erreichen: die Wohnungsnot in der wachsenden Stadt lindern, deren Gebiet zu 8 Prozent aus Wasser besteht, und unattraktive Viertel wie das im Krieg fast völlig zerstörte Hammerbrook aufwerten. Und könnte Hamburg, die spröde Schöne, nicht etwas unkonventionellen Charme vertragen, wie ihn Amsterdam mit seinen 2500 Hausbooten besitzt?

Doch passiert ist wenig. An mangelnder Begeisterung für das Wohnen auf dem Wasser kann es nicht liegen. Überall auf der Welt sind Architekten und Stadtplaner dabei, Visionen von schwimmenden Siedlungen zu verwirklichen. In Asien oder dem Mittleren Osten sind schwimmende Luxusvillen der Extrakick für Superreiche. In Holland gelten Wassersiedlungen als mögliche Antwort auf den Klimawandel. Denn selbst wenn große Teile des Landes überflutet werden sollten, treiben die Hausboote auf, anstatt im Wasser zu versinken. Und in London, der Stadt mit den teuersten Hauspreisen in Europa, sind die Kanäle zu einem Überlauf für Bewohner geworden, die das Wohnen an Land nicht mehr bezahlen können: Wer sich keinen festen Grund leisten kann, zieht aufs Hausboot. Mehr als 10 000 schwimmende Behausungen gebe es, hieß es vor zwei Jahren in einem Bericht der London Assembly über das Phänomen. Mittlerweile dürften es deutlich mehr sein.

© AFP Am Regent’s Canal in London steigt die Zahl der Hausboote. Dort fühlen sich auch Vierbeiner wohl.

Dank neuer Technologien sind die schwimmenden Häuser von einer Spielerei für wenige Individualisten zu einer greifbaren Möglichkeit für viele geworden. Denn in ihnen wohnt es sich so komfortabel wie in einem Neubau an Land. Allein beim Bezirk Mitte, zu dem auch Hammerbrook gehört, gehen 40 telefonische Anfragen pro Woche ein, heißt es dort und dass „das Interesse an Hausbooten und schwimmenden Häusern sehr viel größer sei als die Möglichkeiten, sie zu plazieren“. Aber gebaut wird kaum.

Die große Diskrepanz zwischen Anfragen und Aufträgen kennt auch Niderehe. Für ihn war der Bau des „Traumfängers“ erst der Anfang, seitdem hat er sieben weitere Hausboot-Projekte umgesetzt, drei weitere sind in Planung. Doch woran liegt es dann, dass Hamburg nicht schon längst Amsterdam Konkurrenz macht? Und warum passiert in Bremen und Berlin so wenig, wo doch auch große Teile des Stadtgebiets aus Wasser bestehen?

„Viele unterschätzen, wie kompliziert es ist“, sagt Niderehe. Ein schwimmendes Haus benötigt nicht nur eine Baugenehmigung, auch die Schifffahrts- und Umweltbehörde muss zustimmen. „Es ist, als würde man sich auf einen Acker stellen und dort niederlassen wollen“, beschreibt der Architekt. Denn auch der Bauplatz auf dem Wasser muss erst erschlossen werden. Das Boot benötigt Anschlüsse für Strom, Wasser und Gas und einen Zugang über einen Steg. Die Kosten dafür können bis zu 100 000 Euro betragen, die der Bauherr selbst trägt. Hinzu kommt, dass nur wenige Gewässer als Standort wirklich geeignet sind. Im Hafengebiet etwa darf man nicht wohnen, da lässt die Hafenverwaltung nicht mit sich reden. Doch auch an den meisten anderen Stellen, die ungenutzt erscheinen, stehen den potentiellen Hausbootbewohnern die Interessen von Anwohnern, des Umweltschutzes oder Gewerbetreibenden entgegen.

© Floating House Für Hausboote dürfen Architekten ungewöhnliche Lösungen entwerfen.

„Man muss immer abwägen, ob man Wohnraum für wenige auf Kosten der Naherholung für viele schaffen will“, sagt Jörg Knieling, der Stadtplanung an der Hamburger Hafencity Universität lehrt. Von diesem Konflikt wissen auch die Bewohner des Eilbekkanals zu berichten. Nicht jeder Hamburger reagierte anfangs so begeistert auf die schwimmenden Häuser wie die Radfahrerin auf der Brücke. Zu Beginn gab es viel Kritik an der vermeintlichen Yuppisierung des Kanals, an einer unnötigen Privatisierung von öffentlichen Gewässern. Knieling selbst sieht das nicht so kritisch. Die Hausboote seien zwar keineswegs eine Wunderwaffe im Kampf gegen den Wohnungsmangel, sondern eher eine hochpreisige Nische für eine besondere Klientel. „Aber es gibt nicht die eine große Maßnahme, die Wohnraum schafft, sondern viele kleine“, sagt der Stadtplaner. Dazu gehörten auch die Hausboote. Er hält es für eine spannende Herausforderung, nicht nur luxuriöse Einfamilienhäuser aufs Wasser zu lassen, sondern auch mehrstöckige Wohnungsbauten wie in Holland, die dann auch noch bezahlbar sind. „Dann gäbe es auch stadtplanerisch mehr Rückendeckung dafür“, glaubt der Stadtplaner.

© Floating House So könnten Einfamilienhäuser auf dem Wasser aussehen.

Von Wassersiedlungen in Deutschland träumt auch Niderehe. Deshalb hat er sich mit drei anderen Hamburger Architekturbüros zur „Coop Water House“ zusammengeschlossen, um das Thema schwimmende Architektur in Deutschland voranzutreiben. Bislang sind es vor allem wasseraffine Individualisten mit genügend Eigenkapital, die sich ein Architekten-Hausboot bauen lassen. Zwar sind die von Niderehe veranschlagten Kosten mit 3500 Euro je Quadratmeter für Hamburger Verhältnisse gar nicht einmal besonders hoch. Aber Banken geben für das Vorhaben üblicherweise keinen Kredit, da einem Hausboot kein Grundstück zugeordnet werden kann, auf das sich eine Grundschuld eintragen ließe. Handwerkliches Geschick sollten die Bauherren auch mitbringen. „Auf einem Hausboot fällt öfter mal eine Reparatur an, und die Fenster muss man vom Kanu aus putzen“, sagt Niderehe. Und dann ist da noch die Sache mit den Liegestellen. Auf die Alster oder auf die Kanäle in Hamburgs Nobelvierteln wollen alle. Doch da gibt es keine Plätze. Die findet man eher in rauhen Gegenden wie Hammerbrook. Und 500 000 Euro für ein Haus im abgelegenen Gewerbegebiet - das ist nur etwas für echte Pioniere.

So kommt es zu der absurden Situation, dass die größeren Hausbootsiedlungen in Deutschland nicht dort gebaut werden, wo Wohnraum gebraucht wird, nämlich in den Großstädten. Dafür entstehen in großem Stil schwimmende Ferienhaussiedlungen in ländlichen Regionen: an der Goitzsche, einem künstlichen Seengebiet nahe Bitterfeld, oder an einem aufgelassenen Militärhafen an der Schlei in Schleswig-Holstein. Die Kommunen erhoffen sich von der schwimmenden Architektur einen touristischen Impuls, der Feriengäste anlockt und zahlungskräftige Zweitwohnungsbesitzer. „Die Kommunen kommen zu uns und bieten uns Wasserflächen an“, sagt Christian Sternke von Floating House, dem Marktführer für schwimmende Häuser in Deutschland.

Dessen größtes Projekt entsteht gerade an der Goitzsche, ein Steg mit 19 schwimmenden Häusern. Einen kleineren Haustyp mit 45 Quadratmetern gibt es ab 214 200 Euro, der größere mit 95 Quadratmetern kostet laut Katalog 333 500 Euro zuzüglich Sonderausstattungen. Dafür bekommt man ein Fertighaus mit Holzständerkonstruktion, das auf einem Stahlponton aufgesetzt wird. Gebaut nach neuestem Energiestandard, mit Fußbodenheizung und begehbarer Dusche, 365 Tage im Jahr bewohnbar. An Komfort mangelt es nicht. Nur mit der romantischen Vorstellung von einem freien Leben auf dem Wasser hat das nicht mehr viel zu tun. Doch danach suchen Sternkes Kunden auch gar nicht: „Viele unserer Käufer sind Kapitalanleger“, sagt er: vermögende Menschen kurz vor der Rente, die bar zahlen und das Haus dann direkt in die Ferienvermietung geben, die Floating House bei Bedarf auch gleich mitorganisiert. Die schwimmenden Häuser seien auch ein beliebtes Steuersparmodell, berichtet Sternke. Denn sie sind keine Immobilie, sondern gelten laut Einkommensteuergesetz als „bewegliches Wirtschaftsgut“, und da lassen sich 40 Prozent der Anschaffungskosten direkt als Verlust abziehen.

© dpa Ein Hausboot der Firma Stern in der Marina von Fehmarnsund.

Für diejenigen, denen zur Realisierung ihres Wasserwohntraums noch das nötige Kapital fehlt, hat der Ferienhausbauer Helma eine Lösung. Das Unternehmen hat jüngst vor Gericht erstritten, dass seine schwimmenden Häuser im „Ostseeresort Olpenitz“ als Immobilie im Grundbuch eingetragen werden können und damit voll finanzierbar sind. „Das liegt daran, dass alle 15 Häuser an einem Steg fest miteinander verbunden sind. Durch den Versuch, eines herauszutrennen und wegzuschleppen, würde man das Haus automatisch zerstören. Dadurch gilt es nicht als Mobilie, sondern als Immobilie“, erklärt Per Barlag Arnholm, geschäftsführender Gesellschafter von Helma. Das klingt juristisch plausibel. Nur nicht mehr nach Hausboot-Charme, sondern Reihenhaussiedlung.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 14.07.2016 13:42 Uhr