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Silencer als neuer Trend : Anwalt der Stille

  • -Aktualisiert am

„Befreiend“: Daniel Richter hat vor seiner Bar jahrelang selbst für Ruhe gesorgt. Jetzt beschäftigt er Silencer. Bild: Finn Winkler

Die Menschen sind zurück in den Bars – und mit ihnen der Lärm. Das führt zu Konflikten mit Anwohnern. Wie lässt sich dieses Problem lösen? Ein Abend mit einem, der extra angestellt wird, um für Ruhe zu sorgen.

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          Es sind die vielen Menschen, die auch nach 22 Uhr noch die Freischankfläche – hier in München nennt man sie „Schanigärten“ – bevölkern. Es sind all die klirrenden Gläser und die Hände, die auf Tischoberflächen knallen. Es ist schön hier vor der kleinen Bar. Aber auch ganz schön laut. An anderen Tagen würde Marco Vogl vielleicht mitanstoßen. Heute steht er vor der Bar und lässt Sätze fallen wie: „Achtet ihr auf die Lautstärke, bitte“ oder „Macht’s ein bisschen leiser“. Er ist hier, um für Ruhe zu sorgen.

          Vogl ist „Silencer“. Das sind Menschen, die von Bars, manchmal auch von Restaurants, angestellt werden und darauf achten, dass die Gäste, die draußen trinken oder rauchen, leise sind. Zumindest leise genug, dass sich keine Nachbarn beschweren. Denn das kann zu Streit führen, im Zweifel zu Ärger mit dem Ordnungsamt und zu Gerichtsprozessen und im letzten Schritt vielleicht sogar zum Verlust der Konzession. Lautstärke vor der Tür kann – zugespitzt formuliert – eine Bar ruinieren.

          Damit genau das nicht passiert, gibt es Silencer wie Vogl. An einem warmen Freitagabend – in der Ferne braut sich ein Gewitter zusammen – steht er vor dem „Salon Irkutsk“, einer Bar in der Münchner Maxvorstadt mit umfangreicher Wodkakarte. Die beiden großen Unis der bayerischen Landeshauptstadt sind nicht weit. Aber der Salon liegt etwas abgelegen, an einer engen, von Linden gesäumten Straße. Dort also, wo nachts nicht mehr viel los ist.

          Keine Last, sondern eine Entlastung

          Vogl ist 33 Jahre alt und trägt ein blaues Hemd, auf das Flamingos gedruckt sind, eine Khaki-Shorts und graue Sneaker. Er sieht nicht streng und schon gar nicht gefährlich aus. Der Typ Türsteher – breite Arme, noch breiteres Kreuz – will er auch gar nicht sein. Das seien oft die Falschen. „Wenn du nur streng bist, wenn du jemand bist, der keinen Bock auf Menschen hat“, sagt Vogl, „dann ist dieser Job nicht der richtige für dich.“

          Daniel Richter betreibt den „Salon Irkutsk“. Er trägt Brille, Bart und begrüßt meistens mit einem in die Länge gezogenen „Salut!“. Richter wohnt nicht weit von der Bar entfernt, schon deshalb hat er kein Interesse daran, dass es zu Streit mit den Anwohnern kommt. Er sagt: „Uns gibt es seit elf Jahren, das ist eh schon mal nicht schlecht, dass wir mit dem Konzept der Bar – und auch mit den Nachbarn – so lange dabei sind.“

          Dass die Nachbarn der Bar es ruhig haben wollen, dafür hat Richter Verständnis. „Jeder hat seinen Anspruch und sein Recht auf Ruhe“, sagt Richter. „Es kann nicht sein, dass um 2 Uhr noch jemand Ollies mit seinem Skateboard vor deinem Fenster macht, wenn du am nächsten Tag in der Früh bei irgendeinem Siemens-Vorstand eine Powerpoint-Präsentation halten musst.“ Im Silencer sieht Richter daher auch keine Last, sondern eine Entlastung. Eine Art Versicherung, die ihm im besten Fall Beschwerden vom Hals hält. „Es lässt mich deutlich entspannter arbeiten. Es ist befreiend“, sagt er.

          Der Silencer ist kein Beruf, den man erlernt. Man braucht Menschenkenntnis, Durchsetzungsfähigkeit und eine gewisse Standhaftigkeit, das schon, aber letzten Endes macht man es dann einfach. Beim „Salon Irkutsk“ sind nur freitags und samstags eigens beauftragte Silencer da. Unter der Woche schaut das Barpersonal nach dem Lärmpegel.

          Silencer in allen deutschen Großstädten

          Ein Silencer wird in der Regel für jede Nacht bezahlt, die er im Einsatz ist. Manche kommen damit über die Runden, die stehen dann mehrmals die Woche vor Bars. Andere silencen nur nebenbei, so wie Marco Vogl. Unter der Woche fährt er Pakete mit einem Lastenrad aus.

          Silencer – oder Menschen, die diese Tätigkeit übernehmen, sich aber nicht so nennen – findet man in vielen deutschen Großstädten. Hamburg, Berlin, Frankfurt. Überall dort, wo beliebte Bars in ebenso beliebten Wohnvierteln liegen, die eine lärmempfindliche und wohlhabende Klientel anziehen, droht der Konflikt. Denn nach einem coronabedingten Ausnahmezustand im Nachtleben treffen zwei widersprüchliche Dinge aufeinander: die wiederentdeckte Feierfreude der Barbesucher. Und die Stille, an die sich die Anwohner nach zwei Jahren Pandemie gewöhnt haben.

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