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Galerist Rüdiger Schöttle : Neugier statt Gemütlichkeit

  • -Aktualisiert am

1985: Rüdiger Schöttle, Thomas Struth und Thomas Ruff (von links) Bild: Galerie Schöttle

In seinem halben Jahrhundert als Galerist hat Rüdiger Schöttle viele Künstler entdeckt. Man sagt ihm gar einen ganz besonderen Spürsinn für neue Talente nach.

          Es trifft sich gut, dass Balu der Bär sein munteres Liedchen „Probier's mal mit Gemütlichkeit“ wegließ. Als Ständchen für Rüdiger Schöttle wäre der Vorschlag ohnehin sinnlos. Gemütlichkeit ist das Letzte, was man mit ihm assoziiert: Seit 50 Jahren ist der Galerist stets unterwegs. Der stumme Balu trat auf, als die Galerie jüngst David Claerbouts Auseinandersetzung mit Walt Disneys „Dschungelbuch“ zeigte, passend zum Jubiläum, denn auch der Zeichentrickfilm-Klassiker feiert seinen Fünfzigsten. Claerbout setzte zwölf Animationszeichner daran, Disneys Urwald-Story von Vermenschlichung zu bereinigen. Kein Mogli, keine Erzählung, keine Interaktion vertreiben die Zeit, deren Verrinnen die Videos des belgischen Künstlers Claerbout fühlbar machen.

          Wer L'art pour l'art will, der sollte diese Galerie auslassen. Denn hier sind Konzepte Voraussetzung. Nach ihnen sucht Schöttle vor allem unter jungen Talenten. Dabei könnte sich der Galerist zurücklehnen. Viele Künstler, die heute weltbekannt sind, hat er früh gefördert. Am Beginn der Karriere von Thomas Ruff etwa, der mit einer neuen cyanblauen Fotoserie um die Tanzlegende Nijinsky zu den Jubiläumsschauen beitrug, steht 1981 seine erste Einzelausstellung bei Schöttle. Ebenso lang zählt Jeff Wall zu den Weggefährten, Dan Graham sogar noch länger.

          „The pure necessity“: Balu, wie David Claerbout ihn sieht

          Abwendung von den Wiener Aktionisten

          Graham baute schon zweimal spiegelnde Glaspavillons auf die luftige Dachterrasse des Galeriebaus an der Münchner Amalienstraße. Wenn dort oben an warmen Sommerabenden Eröffnungen gefeiert werden, strahlt in grüner Leuchtschrift das Wort „Friends“ von der Brandmauer – eine Arbeit des Turner-Preisträgers Martin Creed, der 1968 geboren wurde, als Schöttle Galerist wurde.

          Wie war das mit den Anfängen dieser Institution, die dabei half, aus München einen Ort für zeitgenössische Kunst zu machen? Mit Mitte zwanzig kam Rüdiger Schöttle aus seiner Heimatstadt Stuttgart an die Isar. An der Prinzregentenstraße fand er Räume gegenüber der Villa Stuck, in der damals eine von Gunter Sachs unterstützte Privatinitiative versuchte, mit dem „Modern Art Museum München“ eine Lücke in der Stadt zu füllen. Am selben Strang zogen gerade mal drei oder vier Galerien, heute sind hier Dutzende.

          Schöttle startete mit Willi Baumeister, dem Nachkriegsklassiker. Weiter ging es mit den Wiener Aktionisten. Als ihm deren Expressivität zunehmend gegen den Strich ging, wendete er ins strenge Gegenteil, zur Konkreten Kunst um Raimer Jochims, der ihn auch zur Beschäftigung mit Kunsttheorie anregte. Das ebnete Wege ins Neuland der amerikanischen Konzeptkunst, die Schöttle, beginnend mit Lawrence Weiner und Douglas Huebler, einem vermutlich noch recht ratlosen Publikum vorsetzte. Schon früh konnte man hier Werke von On Kawara, James Coleman und Jenny Holzer erleben.

          Zufälle halfen

          Schöttle legte sich aber nicht fest, sondern blieb neugierig. So debütierten hier auch Katharina Fritschs poppige Plastiken, und als die Neuen Wilden die achtziger Jahre mit stürmischer Malgeste aufrührten, hielt er ruhig dagegen. Er gab Karin Kneffel – heute ein Stern am Malerhimmel, damals noch Meisterschülerin bei Gerhard Richter – erstmals ein Forum für ihre Bilder, hinter deren realistischer Darstellungsart das Nachdenken über Malerei als Oberfläche und Symbol steckt.

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