https://www.faz.net/-hrx-8bdcr

Restaurierte Gutshäuser : Herrenhaus als Lebensform

Von den 2000 Herrenhäusern in Mecklenburg-Vorpommern gelten 100 als Einsturz gefährdet: Um sie zu erhalten, braucht es eine Nutzung. Bild: Daniel Pilar

Wo früher Adelige residierten, wohnen heute Feriengäste: Unerschütterliche haben überlegt, wie die Gutshäuser in Mecklenburg-Vorpommern neu genutzt werden können – und viele der 2000 Landsitze wiederaufgebaut.

          9 Min.

          Die Gauchos wohnen mitten in Mecklenburg. Auf der Weide grasen argentinische Rote-Angus-Rinder, auf der Koppel Criollos, südamerikanische Pferde. Im Restaurant gibt es argentinische Steaks aus Mecklenburg. Westernreiten ist eine der Attraktionen. Und das Grillen im Park nennen sie Asado. Heinrich Graf von Bassewitz hat Südamerika nach Dalwitz gebracht, in ein Dorf mit 100 Einwohnern. Dalwitz ist Bassewitzscher Besitz seit mehr als 600 Jahren, abgesehen von vier Jahrzehnten DDR. Aber so sehr Dalwitz südamerikanisch wirkt, es ist ein typisch mecklenburgisches Gut. Und es steht sinnbildlich für die Güter, die es einst in Ostelbien bis in das Baltikum überall gab - und die noch heute für eine eigene Welt stehen und eine eigene Lebensweise.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          An Dalwitz lässt sich die Geschichte eines Herrenhauses beispielhaft nachvollziehen. Zuerst stand hier eine Burg, deren Wassergräben noch zu sehen sind. Die Bassewitz kamen zu diesem Besitz, weil sie schon unter Heinrich dem Löwen dabei waren, als der in den Weiten östlich der Elbe die Slawen missionierte und "das Land nahm". Als die Herzöge ihre Ritter nicht mehr brauchten, waren auch die Dalwitz auf einen anderen Broterwerb angewiesen: das Raubrittertum. Und als sich das nicht mehr lohnte, machten sich die ostelbischen Ritter zu Landwirten und Rittergutsbesitzern. Zuerst wohnten sie noch in "festen Häusern", halb Burg, halb Herrenhaus. Der Dreißigjährige Krieg, der Mecklenburg und Pommern besonders verheerte, machte es den Gutsherren möglich, ihre Besitzungen einerseits durch wüst gefallene Höfe und andererseits durch das sogenannte Bauernlegen zu vergrößern. Sie waren typische Kriegsgewinnler.

          Die Herrenhäuser, die Mittelpunkte der Güter, sahen um 1760 noch alle gleich aus. Sie waren Symbole adliger Zugehörigkeit. Im 19. Jahrhundert übernahm das Bürgertum die kulturelle Führung, jeder Stil war fortan erlaubt - bürgerliche Villen sahen aus wie Herrenhäuser und umgekehrt. Bei Bassewitz in Dalwitz zeigt das Herrenhaus heute noch Reste von "Tudorgotik" aus dem 19. Jahrhundert, nachdem es ursprünglich barock gewesen war. Was die übrige weitläufige Gutsanlage anbelangt, einschließlich des eindrucksvollen Torhauses, so ist sie Heinrich Graf von Bassewitz aus dem 19. Jahrhundert zu verdanken, der aus dem heruntergekommenen Gut einen modernen Landwirtschaftsbetrieb machte - mit Zuckerrübenbahn und Beteiligung an einer Zuckerrübenfabrik. Sein Porträt in Öl schmückt noch heute das Herrenhaus.

          Landliebe: Garten des Gutshauses Dalwitz Bilderstrecke

          Am Ende der DDR eine Ruine, heute leuchtet es

          Und auch das war typisch für Mecklenburg: Ein anderer Heinrich, der Großvater des jetzigen Besitzers, wurde 1945 enteignet. Fortan im Westen lebend, erzählte er seinem Enkel mit leuchtenden Augen von den alten Zeiten in Dalwitz, den guten Zeiten. Der Enkel lebte gerade in Südamerika, als die DDR unterging. Er entschloss sich zur Rückkehr und kaufte das nach 1945 enteignete Gut Dalwitz zurück. Auch er ist ein Heinrich von Bassewitz, 61 Jahre alt, promovierter Landwirt. Dalwitz ist heute wieder wie früher ein Landwirtschaftsbetrieb mit 600 Hektar Ackerland, 300 Hektar Grünland und 700 Hektar Forst, 250 Rindern und 100 Pferden, jetzt freilich auf Öko-Basis. Hinzu kommen Ferienwohnungen. Der jetzige Besitzer brachte seine Ehefrau Lucy aus Südamerika mit, sie stammt aus Uruguay.

          Weitere Themen

          Ein Einblick in die Berliner Clubszene Video-Seite öffnen

          „Wie eine Droge“ : Ein Einblick in die Berliner Clubszene

          Freiraum und Kreativität sind Berlins Markenzeichen. Das zieht Künstler, Musiker und Clubpublikum aus der ganzen Welt an. Doch die Szene ist im Wandel. Der angesagte Club Griessmuehle und Techno-DJ DVS1 versuchen, die Clubkultur zu retten.

          Topmeldungen

          Der russische Präsident Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan treffen sich in Sotschi.

          Syrien-Konflikt : Putin und Erdogan beraten über nächste Schritte

          Knapp zwei Wochen nach dem Einmarsch türkischer Truppen im Norden Syriens trifft der russische Präsident Putin seinen türkischen Amtskollegen Erdogan zu Krisengesprächen. Reagieren die beiden auch auf einen Vorschlag aus Deutschland für eine international kontrollierte Sicherheitszone?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.