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Restaurierte Gutshäuser : Herrenhaus als Lebensform

Die meisten Herrenhausbesitzer von heute kamen aus dem Westen nach Mecklenburg-Vorpommern. Und längst nicht alle haben mecklenburgische Wurzeln. Die Reimanns aus Hamburg etwa haben das Gut Streu auf Rügen gekauft, nahe Schaprode gelegen, wo die Fähre nach Hiddensee übersetzt. Eigentlich träumten Gisa und Hans-Peter Reimann von einem reetgedeckten Bauernhaus, typisch für die Gegend. Nahe am Wasser sollte es liegen. Nach Rügen waren sie gekommen, weil der Familie in Binz zwei Häuser an der Strandpromenade rückübertragen wurden. Eines verkauften sie, das andere vermieten sie an Feriengäste. Die Hamburger - er früher im Hafengeschäft, sie Lehrerin und Schulbuchautorin - suchten eine Bleibe in der Nähe von Binz, ohne deswegen ihr Haus in Hamburg aufgeben zu wollen. Dann sahen sie das Gutshaus Streu, es stand kurz vor dem Verfall und zum Verkauf. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Aber die Reimanns hätten sich auf das Wagnis nicht eingelassen, wenn nicht die gesamte Familie dorthin gezogen wäre. Ihre Tochter Wiebke und ihr Mann, beide Tierärzte, erkannten für sich eine große Chance auf Rügen. Ihre Tierarztpraxis ist mit 16 Angestellten inzwischen der größte Arbeitgeber in der Gemeinde. Das Gutshaus mit seinen 20 Räumen hätten die beiden älteren Reimanns auch nicht allein bewohnen können. So hat sich alles gut gefügt. Und Hans-Peter Reimann hielt sich bei der Wiederherstellung des Guts, das abgesehen von ein paar Schafen kein Landwirtschaftsbetrieb mehr ist, an das, was seit alters her über der Eingangstür steht: "Man reißt das Haus nicht ein, das Väter fest gebaut, doch richtet man sich's ein, wie man's am liebsten schaut." Längst ist das Hamburger Haus verkauft. "Streu hat für uns eine hohe Lebensqualität", sagt Reimann. "Vor allem durch das Leben in der Großfamilie mit unseren vier Enkeltöchtern."

Manchen Herrenhausbesitzer haben Kindheitserinnerungen geleitet, ohne dass es um alten Familienbesitz gegangen wäre. Für den Sänger Jan Träbing etwa war das Fachwerkherrenhaus in seinem Heimatdorf bei Lübeck der Ort seiner Kindheit. Dort trafen sich die Kinder des Orts, dort wurde gespielt. Das Haus mit seinen Treppen, Fluren und Zimmern war eine herrliche Kulisse. Inzwischen ist es abgerissen. Träbing fühlte den Verlust. Dann fand er ein ähnliches Haus in Ganzow, einem Dorf zwischen Ratzeburg und Schwerin. Ein Barockbau, der heruntergekommen war, aber voller Zauber.

Träbing packte mit eigenen Händen an und restauriert nach und nach das Gebäude mit 850 Quadratmeter Wohnfläche. Seit 2008 geht das nun so. Er richtet sich nach alten Inventarlisten, verwendet alte Bautechniken. Er kann lange über Lehm und Lehmbewurf sprechen, über Kachelöfen, handgeschmiedete Nägel und eine Mischung aus Kuhmist und Kalk, die eine versottete Decke rettet. Der herrliche Saal im Haus, der, ungewöhnlich genug, nicht in der Mitte präsidiert, sondern einen der Flügel ausfüllt, wird vermietet. Manchmal aber singt Träbing dort auch selbst - und dann reichen die 100 Plätze nicht aus für seine Freunde und Fans. Die Arbeit sei für ihn Meditation, sagt er. Und Lebensglück sowieso. Zumal er, als er schon Gutsbesitzer war, seinen jetzigen Lebenspartner Sönke Borgwardt kennenlernte, der 2012 aus Lübeck mit nach Ganzow zog. Praktischerweise ist Borgwardt Architekt.

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