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Rebecca Solnits „Wanderlust“ : Gehen als Akt des Widerstands

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Wo Marina Abramovic und Ulay aufeinander zuwanderten: die Chinesische Mauer. Bild: dpa

Vom richtigen Spazieren: In einem ihrer ersten Bücher pries Rebecca Solnit das Wandern und Flanieren. Jetzt liegt es auf deutsch vor.

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          Als die amerikanische, in San Francisco lebende Aktivistin Rebecca Solnit vor fast zwanzig Jahren mit „Wanderlust“ eines ihrer ersten Bücher veröffentlichte, begann das menschliche Gehen gerade zu einem Lieblingsthema der kulturphilosophischen Essayistik zu werden. Wie bei den Texten, die in den folgenden Jahren zu diesem Thema erschienen, sollte man keinen fachhistorischen Zugang erwarten. Für Solnit kann die Geschichte des Gehens nur eine „Laiengeschichte“ sein, notgedrungen uferlos und assoziativ, die in ihrer Entgrenzung den Gegenstand selbst zu imitieren sucht. Nicht mehr als einen „subjektiven Ausschnitt“ möchte die Autorin anbieten, einen „von der einzelnen Wanderin“ durch alle möglichen Felder gemachten Streifzug.

          Dass dieser vor allem durch Kalifornien führt und die Ausflüge in die Vergangenheit angelsächsische und gelegentlich französische Traditionslinien bevorzugen, kontrastiert merkwürdig mit dem auch im Englischen gewählten deutschen Titel „Wanderlust“. So kommen die deutschen Aufklärer und Romantiker, die seit dem achtzehnten Jahrhundert beredt die Fußreise als ideale Form der Fortbewegung priesen und emphatisch der Fahrt in der Kutsche entgegensetzten, in dieser Geschichte des Gehens überhaupt nicht vor. Solnit wandelt dafür vielfach auf ausgetretenen Pfaden, wenn sie Rousseau, Wordsworth, Coleridge oder Thoreau als zentrale Vertreter einer Poetik des ungeregelten Spaziergangs und vertraute Figuren wie den Baudelaire’schen und Benjamin’schen Flaneur oder die Romane der Surrealisten Aragon und Breton aufruft.

          Das Laufband als Perversität

          Dabei geht es der Autorin nicht um eine Neuinterpretation dieser westlichen und weitgehend europäischen Tradition der Kultur des Gehens, sondern vielmehr um deren emphatische Beschwörung angesichts der tristen Realität des gegenwärtigen urbanen Lebens in den Vereinigten Staaten, das sie von der „Vergötterung des Automobils“ und von durchmechanisierten, auf Effizienz und Quantifizierbarkeit abgestellten Körpertechniken beherrscht sieht.

          Rebecca Solnit: „Wanderlust“. Eine Geschichte des Gehens. Aus dem Englischen von Daniel Fastner. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019. 384 S., geb., 30 Euro.

          Das Buch nimmt vor allem in seinem letzten Teil den Charakter eines zivilisationskritischen Pamphlets an, das besonders drastisch die Welt der Fitnessstudios anklagt. Das Laufband erscheint ihr dabei als „ das perverseste“ aller dort versammelten Geräte, da es den Raum zum Verschwinden bringt, in dem Gehen und Laufen als körperliche Arbeit und sinnliche Erfahrung sonst stattfinden: als eine „calvinistische Technologie“, die mit ihrer Messung von Geschwindigkeit, zurückgelegter Strecke und sogar der Herzfrequenz letztlich die Möglichkeit des Staunens über das Unkontrollierte und Zufällige eliminiere, das dem Wandern eigen ist. Denn jeder Spaziergänger sei „ein Wächter auf Patrouille zum Schutz des Unbeschreiblichen“. Was würde Solnit zu den heutigen Großstadtwanderern sagen, die sich auf ihren Erkundungen nur noch von ihrem Smartphone und Google Maps leiten lassen?

          Ihre Sympathien sind eindeutig auf der Seite von künstlerischen Sub- und Gegenkulturen, die das Gehen als einen solitären Akt des Widerstands gegen eine abgestumpfte Mehrheitsgesellschaft inszenieren. Am Ende ihres Buches zollt sie einer Performance der 1980er Jahre Tribut, bei der Marina Ambramović und ihr Partner Ulay neunzig Tage lang auf der Chinesischen Mauer aufeinander zugingen, um sich schließlich zu begegnen und auf diese Weise öffentlich voneinander zu trennen: „Ihre Texte und Bilder sprechen vom Wesen des Gehens, von der grundlegenden Einfachheit des Akts, die durch die uralte Leere der sie umgebenden Wüste noch verstärkt wurde.“

          Derartige Kommentare muten allerdings naiv und geradezu mystifizierend an, da sie nicht nur die politischen Schwierigkeiten um die Realisierung dieser Performance, sondern auch die Realität des Kunstbetriebs und die damit einhergehende Selbstdarstellung der Künstler übergehen. Das Ausblenden von sozialen und ökonomischen Konstellationen, in denen sich das Gehen als demonstrativer Akt auch im Bereich der Kunst vollzieht, befördert notgedrungen seine Idealisierung.

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