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© Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“

Unbändige Gartenfreude

Von ANDREAS PLATTHAUS

18.07.2016 · Er gründete eine Universität für Bäume: Die Bundeskunsthalle zeigt in der Ausstellung „Parkomanie“ die Kulturlandschaften des Fürsten Pückler-Muskau.

Vor der Bonner Bundeskunsthalle steht ein Kutschanhänger. Darauf liegt ein mächtiger Baum, dessen Wurzelstock in einem schützenden Erdballen steckt. Das ist der Nachbau eines Gefährts, mit dem ein gewisser Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau, besser bekannt als Fürst Pückler, seine Baumverpflanzungen vornahm.

© Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ Wer schnell einen vorzeigbaren Park haben möchte, der braucht so etwas: Eine „Maschine zum Versetzen großer Bäume“, aus dem „Planter’s Guide, or A practical essay on the best method of giving immediate effect to wood by the removal of large trees and underwood” aus dem Jahr 1828.

Denn er hatte nicht vor, darauf zu warten, dass Eichen, Buchen, Platanen oder Silberpappeln sich aus Setzlingen zu landschaftsprägenden Solitären entwickelten. Er wollte den ideal gewachsenen Baum am dafür vorgesehenen Ort, und zwar bitte plötzlich. Teile seiner Parkanlagen nutzte er für die vorausschauende Anpflanzung von Bäumen, die später als ausgewachsene Exemplare mittels dieser „Baum-Maschine“ versetzt werden konnten. Die anspruchsvolle Bezeichnung für die Aufzuchtareale lautet nach dem lateinischen Wort für „Baum“ Arboretum, wir Normalsterblichen sprechen von Baumschulen. Fürst Pückler dagegen nannte sie Baumuniversität. Denn deren Absolventen stellten die Elite der Natur dar.

Pücklers Parkplanungen passen perfekt in den Machbarkeitswahn des neunzehnten Jahrhunderts. Er nutzte alle Mittel, die Industrie und Wissenschaft ihm boten, für das, was man seine „Parkomanie“ genannt hat - harmloser gesprochen: Er begeisterte sich für Gartenanlagen. Das tun viele. Da Pückler jedoch ererbten Großgrundbesitz besaß, hatte er die Möglichkeit, sich seinen Traumpark auch zu schaffen. Am 1. Mai 1815 plakatierte er in dem Lausitz-Dörfchen Muskau einen Aushang, auf dem er zur Arrondierung seines dortigen Schlossparks die Nachbarn zum Grundstücksverkauf an ihn aufforderte - mit gewisser Vehemenz: „Im Fall aber binnen einem Jahre von dato der Ankauf dieser Grundstücke nicht zu Stande gekommen ist, gebe ich hiermit den Einwohnern Muskaus Mein Wort, daß ich unabänderlich entschlossen bin, dann Muskau, weil es Meinen guten Willen nicht hat annehmen noch erkennen wollen, auf immer zu verlassen.“ Die Sache scheint geklappt zu haben; der Fürst blieb bis 1845 hier wohnen.

  • © Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ Gartenankauf mit einer gewissen Vehemenz: Hermann Fürst von Pückler-Muskau in preußischer Uniform, gemalt 1864 von Franz Krüger.
  • © Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ Die Gattin Lucie Gräfin von Pappenheim, genannt „Schnucke“: Ihre Mitgift war ein fest einkalkulierter Posten. Das Portrait von Johann Heinrich Schröder entstand um 1800.

1815 war er dreißig Jahre alt, gerade aus den Befreiungskriegen gegen Frankreich zurückgekehrt und frischgebackener Preuße, denn die bis dahin sächsische Lausitz zählte zur preußischen Kriegsbeute. Das passte gut, denn der franzosenfeindliche Reichsgraf - gefürstet wurde er erst 1822 - war als Offizier in die russische Armee eingetreten, um gegen Napoleon kämpfen zu können, und 1814 zum preußischen Oberleutnant geworden. Seine Verlobte war die Tochter des Staatskanzlers Hardenberg und deren Mitgift ein fest einkalkulierter Posten im Finanzplan für die Parkgestaltung. Die neun Jahre ältere verwitwete Lucie teilte seine Parkomanie.

Blendende Voraussetzungen also für den jungen Pückler. Und so passt es auch, dass am Beginn des Ausstellungsparcours in der Bonner Bundeskunsthalle, der seinen Gartenlandschaften gewidmet ist, jener Aufruf vom 1. Mai 1815 steht - und ein aus Muskau herbeigeschafftes Gartentor. Wie überhaupt so manches aus Sachsen (zu dem Muskau seit 1990 wieder gehört) und Brandenburg, wo sich mit Branitz und Babelsberg die beiden weiteren Parklandschaften, die Pückler gestaltet hat, befinden, nach Bonn gekommen ist. Das meiste allerdings stammt aus den Jahren nach dem Tod des 1871 gestorbenen Fürsten, denn Gärten sind nicht beständig, und ihre Accessoires genauso wenig.

Deshalb der Nachbau der Baum-Maschine aus Branitz, deshalb das Muskauer Tor, das erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts geschmiedet wurde, deshalb Installationen aus Babelsberg, die aus jener Zeit stammen, als der Hausherr, Kaiser Wilhelm I., der als Kronprinz den Auftrag zur Parkgestaltung seines Domizils an Pückler erteilt hatte, die Anlage modernisieren ließ - als Kaiser hatte man ja das nötige Geld. Auch die sechsjährige Pücklersche Planungstätigkeit für Babelsberg (1843 bis 1849) war ja erst erfolgt, als Wilhelm nach der Thronbesteigung seines Bruders die höhere Kronprinzenappanage genoss.

Aber erstaunlicherweise schaden diese postumen Objekte der Ausstellung gar nicht. Im Gegenteil: Sie dokumentieren die bis heute währende Arbeit am Pücklerschen Erbe. Schloss und Park in Muskau hatte er 1845 verkauft, weil er nie das nötige Geld für seine Traumgestaltung zusammenbrachte. Ein dreijähriger England-Aufenthalt, der eigentlich dazu dienen sollte, eine reiche Gattin zu finden - von Lucie hatte er sich zum Schein scheiden lassen -, wirkte deshalb finanziell verderblich auf Pückler, weil angesichts der dortigen Anlagen seine Parkomanie erst richtig entbrannte, er aber keine Braut fand. Aber eine anonym herausgegebene Ausgabe seiner Briefe aus England an Lucie wurden europaweit zum Bestseller, und die resultierenden Einnahmen retteten das Muskauer Projekt für ein paar weitere Jahre. 1834 veröffentlichte Pückler seine programmatischen „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“, in denen er mittels aufwendig gedruckter Klapptafeln die Verwandlung des alten Muskauer Parks in ein Gartenkunststück vorführte. Nur blieben die meisten dieser Ideen auf dem Papier.

  • © Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ Traum mit Teppichbeet: Diese Vision sollte nie verwirklicht werden.
  • © Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ Zentrale Sichtachse, schwanengerahmt: Der Zustand in Muskau im Jahr 1834.
  • © Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ Der „Pleasureground“ in Muskau, eine Illustration aus Pücklers Theoriewerk „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei, 1834.

Zudem war der Fürst im selben Jahr schon wieder weg, diesmal auf gleich sechsjährige Orientreise, die neuen Stoff für weitere Reisebeschreibungen liefern sollte, um dringend nötiges frisches Geld zu verdienen. Daheim kümmerten sich Lucie von Pückler und der Parkinspektor Jacob Heinrich Rehder um den Gartenausbau. Die heutige Gestalt des Muskauer Parks, immerhin Unesco-Weltkulturerbe, ist vor allem ihr Werk. Der neue Eigentümer seit 1845, der sehr reiche Prinz Friedrich der Niederlande, setzte dann den Parkausbau in Pücklers Sinne mit Rehders Hilfe fort. Der Fürst bedachte seinen wichtigsten Helfer bei der Nachricht von dessen Ableben 1852 mit der Bezeichnung „mauvais coquin“ (übler Schelm). Er selbst wirkte da schon rund ums ihm verbliebene Schloss Branitz bei Cottbus, dem ursprünglichen Stammsitz seiner Familie.

  • © Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ Der „Blumengärten“ in Muskau, eine Illustration aus Pücklers Theoriewerk „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei, 1834. aus Pücklers Theoriewerk „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei, 1834.
  • © Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ Auch innen gern grün: Pücklers Zimmer im Schloss Muskau, 1832.
  • © Stiftung Fürst Pückler Park Von oben sieht man gut die Anordnung der Bäume um die Blickachse: Luftaufnahme vom Schlossturm in Muskau.
  • © Picture-Alliance Die zweite wichtige Parkschöpfung Pücklers entstand rund um Schloss Branitz.
  • © Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ In Branitz ließ Pückler sich auch begraben: „Der Tumulus in Cottbus“ im Stahlstich von Julius Gottheil.
  • © Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ Die Branitzer Seepyramide, im Jahr 2015 vollständig reastauriert. Sie ist mit Wein bepflanzt, der sich im Herbst leuchtend rot färbt.
  • © Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ Ein Leben für den Garten, und dafür ist er bekannt: Fürst-Pückler-Eis, aus Karl Scharrer, Süße Speisen und Eis, 1910.

Von dort hatte Pückler früher Bäume nach Muskau schaffen lassen, also herrschte im Branitzer Park Tabula rasa. Bis zum Tod fand Pückler hier sein intensivstes Betätigungsfeld, zumal er Reisen fortan unterließ und seine Frau Lucie 1854 starb. Bis ins Detail plante er Blickachsen und Anpflanzungen, und die Bonner Ausstellung hatte die sehr schöne Idee, auf dem für die Besucher zugänglichen Dach der Bundeskunsthalle einen temporären Garten zu errichten, bestückt mit Pflanzen, die Pückler in seinen Parks verwendet hatte, teilweise gar mit noch kleinen Klonen von noch zu seiner Zeit gepflanzten Bäumen, die in Muskau und Branitz vorgehalten werden, um die prächtigen alten Baumriesen eines Tages zu ersetzen.

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© Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ Film zur Ausstellung und zum Garten

So erweist sich die Arbeit am Pücklerschen Gartenwunderwerk selbst als kleines gegenwärtiges Wunder, das in Bonn multimedial (mittels Luftaufnahmen, 3D-Simulationen und Filmen) vor Augen geführt wird. Der Fürst hätte es geliebt, mit welchem Aufwand seine Träume heute an den alten Wirkungsstätten fortgeträumt werden. Und nun für einen Sommer im Museum.

Parkomanie. Die Gartenlandschaften des Fürsten Pückler in Muskau, Babelsberg und Branitz. In der Bundeskunsthalle, Bonn; bis zum 18. September. Der zauberhafte Katalog (Prestel) kostet 35 Euro.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 16.07.2016 14:01 Uhr