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Ein Museum wird nachhaltig : „Wir mussten 276 Fenster erneuern“

  • -Aktualisiert am

Muss 276 Fenster renovieren lassen: Petra Hesse ist Direktorin des Museums für Angewandte Kunst Köln. Bild: Stefan Finger

Das Museum für angewandte Kunst in Köln steckt mitten in umfangreichen Modernisierungsmaßnahmen. Direktorin Petra Hesse spricht über den Spagat zwischen Nachhaltigkeit, Architektur und dem Schutz der Ausstellungsstücke.

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          Frau Hesse, das Museum für Angewandte Kunst Köln steckt mitten im Sanierungs- und Renovierungsprozess. Wird es ein grünes Museum?

          Wir heften uns nicht an, das Nachhaltigkeitsmuseum 2022 werden zu wollen. Das ist unser langfristiges Ziel, da ein Umbau unter den Maßgaben des Denkmalschutzes vielschichtig und facettenreich ist.

          Welche Anforderungen spielen neben dem Denkmalschutz bei der Museumssanierung außerdem eine Rolle, um den heutigen Standards zu genügen?

          Wir haben konservatorische Pflichten unserer Sammlung gegenüber. Das Museum besitzt Objekte, die im Mittelalter hergestellt wurden. Da kann man nicht jedes Material verwenden, das eventuell durch Ausdünstung Teile der Sammlung zerstören würde. Außerdem müssen wir den Arbeitsschutz für die Mitarbeiter und die Sicherheit der Besucher gewährleisten. Eine komplexe Aufgabenstellung, bei der es auch um Energie- und Ressourceneinsparung geht.

          Was war die größte Herausforderung bei der Planung?

          Wir sanieren schon lange, seit 2018 bei laufendem Betrieb, wenn man von der pandemiebedingten Schließung einmal absieht. Wir begannen sukzessiv, alle Fenster zu ersetzen, dieses Jahr werden wir damit fertig. Es sind 276! Außerdem haben wir in der großen Ausstellungshalle jeweils riesige Fensterflächen. Zum Teil bestehen ganze Fassadenteile komplett aus Glas. Wir ließen 2011 ein Gutachten erstellen, um die Energieersparnis bemessen zu können. Diese liegt voraussichtlich bei 20 Prozent. Unsere Zwei-Scheiben-Verglasung, die viel mehr isoliert, bietet auch mehr Sicherheit und UV-Schutz für unsere Objekte.

          Kein Mensch würde heute mehr ein städtisches Gebäude mit so viel transparenter Fläche bauen.

          Ursprünglich war hier das Wallraf-Richartz-Museum beheimatet, eine Gemäldegalerie, für die man damals so viel natürliches Licht wie möglich haben wollte. Die konservatorische Forschung war damals noch nicht so weit wie heute, und über Klimaschutz dachte kein Mensch nach. Wir haben ein Museum mit wegweisender Architektur, die wir gerade den Anforderungen des 21. Jahrhunderts anpassen. Ein ganz schöner Spagat, aber wir wollen ja in fünf Jahren nicht wieder von vorne anfangen, sondern die Standards für die kommenden Generationen erhalten.

          Was heißt das konkret?

          Dass wir eben nicht nur die Fenster erneuern, sondern auch die völlig überalterte Klimaanlage und unsere Beleuchtung. Moderne Anlagen lassen sich ganz anders steuern und brauchen dadurch viel weniger Energie. Da wir manche Lampen jedoch nicht nachrüsten konnten, wie etwa die schönen Pendelleuchten im Overstolzensaal, haben wir diese von einem tschechischen Handwerksbetrieb nach dem Original neu machen lassen. Für unsere Büros bekommen wir Schreibtischlampen, die auch nach oben leuchten–dadurch können wir uns die Deckenbeleuchtung sparen.

          Gibt es in einem Museum, in dem es um Gestaltung geht, mehr Verständnis für sinnvolle Erneuerung?

          Wir beschäftigen uns schon lange mit dem Thema Nachhaltigkeit. So wie viele Designer sich schon lange konsequent mit dem Thema auseinandersetzen, widmen wir Museumsleute uns in Form von Ausstellungen und Vorträgen dem Thema Upcycling, da geht es zum Beispiel um Kreislaufwirtschaft und Dialogische Prozesse. Wir haben die pandemiebedingte Schließung dafür genutzt, die Sanierung ohne Publikum voranzubringen, mit Fördergeldern unseren neuen Onlineauftritt vorzubereien und uns zu fragen, wie wir unseren Museumsalltag so ressourcenschonend wie möglich gestalten können. Das begann bei der Frage, ob wir Kataloge künftig noch drucken wollen, und hört auf bei der Wiederverwendung alter Ausstellungsarchitektur im Vitrinenbau.

          Sie selbst fahren in der Stadt Fahrrad, verzichten auf den Coffee-to-go, bringen Ihre Schuhe zum Schuster, statt sie ramponiert wegzuwerfen – und lassen für Ausstellungen Objekte rund um den Globus fliegen. Sind analoge Ausstellungen noch zeitgemäß?

          Gerade in Zeiten zunehmender Digitalisierung suchen die Menschen das Authentische, das haptisch Greifbare und das Auratische. Das alles liefern Museen. Hier können sich Menschen treffen, sich austauschen und an realer Kunst erfreuen.

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