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Gärtnern : Das Paradies ist nebenan

Gärtnern macht gute Laune und hält außerdem fit. Bild: plainpicture/Johner

Die Tage werden wieder länger, langsam steigen die Temperaturen. Zeit, sich ins Freie zu wagen. Neun Gründe, warum ein Garten glücklich macht und die Vorfreude auf’s Frühjahr steigt.

          5 Min.

          Spannende Jahreszeiten

          Das Gartenjahr spiegelt den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Es lässt erahnen, dass es noch ein großes Ganzes gibt und Dinge, die sich dem Verstand entziehen. Ganz ohne Guru-Gedöns. Jede Jahreszeit hat ihren Reiz: der Winter seine karge Melancholie, das Frühjahr seine überbordende Zuversicht, der Sommer seine mediterrane Leichtigkeit, der Herbst seine wehmütige Vorahnung. Zu sehen, wie Eichhörnchen ihre Nuss-Verstecke aufsuchen, Amseln die Meisenringe plündern, wie aus braunen Brocken über Nacht Tulpenstengel wachsen, in lauen Nächten Zirpereien zu lauschen, Zwiebeln an entlegenen Plätzen zu versenken in Vorfreude darauf, wo im Frühling Farbtupfer aufleuchten werden - all das hat was. „Der Garten ist ein eigener Himmel“, besagt ein persisches Sprichwort. Die Mischung aus wohltuendem Wechsel und Vertrautheit tut der Seele gut. Und morgen ist ein neuer, ersprießlicher Tag.

          Einfach mal was ausprobieren

          Ursula Kals
          (uka), Beruf & Chance, Wirtschaft

          Den Alltag drangsalieren Zwänge und Vorschriften. Im Garten herrscht Anarchie, hier darf gestaltet und ausprobiert werden. Soll der Teich unter die Birke oder näher an die Terrasse? Hoffentlich lockt der keine Frösche an, die mit ihrem Gequake samtene Sommernächte verderben. Also testen wir das mit einer Zinkwanne voll Wasser, Schilf im Nostalgiebottich sieht auch gut aus. Reicht ein Pfad aus Rindenmulch? Wollen wir kühlen Kies und pflegeleichten Kirschlorbeer oder das pralle Vita-Sackville-West-Programm mit nostalgischen Gartenräumen, opulenten Duftrosen und verträumtem Efeuwinkel? Wie halten wir es mit dem Sitzplatz an der Sonne? Anders als beim Hausbau, der bei Bauherrn leicht zur Zerreißprobe wird, ist ein Garten weitaus harmloser: Hohe Wände reißt man nicht so schnell wieder ein, ein missglücktes Mäuerchen schon. Sieht der Winkel doof aus, wird neu gemauert und aus eigener Kraft etwas ganz Persönliches geschaffen. Und nebenbei der schönste Essplatz der Welt: Draußen zu essen krönt jeden öden Bürotag und fühlt sich wie ein Kurzurlaub an. Hunderttausende Griller können nicht irren.

          Beliebte Frühlingsboten: Tulpen machen Lust auf Draußen
          Beliebte Frühlingsboten: Tulpen machen Lust auf Draußen : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Scheitern macht schlauer

          Manchmal klappt das mit der Kreativität nicht. Das völlig verschattete Stückchen Vorgarten eine gestalterische Herausforderung zu nennen wäre noch untertrieben: Der Boden karg, die Thujenhecke steril - leider aber Spießerstolz des Vermieters -, der mickrige Rasen vermoost. Etwas Blühendes muss her, eine Hortensie und Allzweck-Erika in schrillem Pink, dazu Kieselsteine vor die Buchsbaumhecke. Die Hortensie kränkelt und ist dem eisigen bayrischen Winter kaum gewachsen, dafür grellt die Erika, künstlich wie eine Jahrmarktplastikblume. Der Buchs sieht nicht nach Bauerngarten aus, sondern erinnert an ein Grab. Nicht nur die Nachbarn lästern übers triste Friedhofseck. Einer fragt feixend, ob da der Hund begraben liegt. Das war wohl nix, also umgestalten, besser machen, recherchieren, was Gartenarchitekten für tote Winkel vorschlagen. Übrigens folgte nach der Grabstelle der zweite gescheiterte Versuch, inspiriert durch einen Prachtbildband übers gartenverrückte Großbritannien: eine künstliche Ruine soll her, so ein bukolisches Mäuerchen mit Sprossenfenster-Fake, das Herrenhausromantik beschwört. Das Ensemble ging voll daneben, sah nach halbfertigem Gemäuer und sinnbefreitem Schmuddeleck aus. Das einzig Erbauliche: Die derben Witze von Männern, für die Rosamunde-Pilcher-Träume eskapistischer Humbug Minderbemittelter sind. Amüsiert nehmen sie die gescheiterte Gärtnerin auf die Schippe: Hockst du dich jetzt auf die Trümmer, um von seiner Lordschaft zu träumen? Ist heute schon ein Landedelmann vorbeigaloppiert? Macht das Spaß, Adel mit Abrissbirne zu spielen?

          Lästern über Scheußlichkeiten

          Lästern lässt sich über vieles, vor allem, wenn das Grün üppig und mit Dekor überschwemmt wird, nämlich mit Heerscharen von Gipsbuddhas, blechernen Rehen, Igeln, Elchen, einem verblassten Schneewittchen mit Zwergengefolge, die hinterm Laubhaufen aufmarschieren, vorbei an Vogeltränken mit fetten Knubbeln, die als selbstgetöpferte Spatzendarsteller eine Fehlbesetzung sind. Zeige mir deinen Garten und ich weiß, welcher Geist da waltet. Gar nicht zu reden von den missionsfreudigen Ökos, die im Vorgarten drei (!) Kompostkörbe als Mahnmal gegen die Wegwerfer positioniert haben. Diese unansehnlichen Drahtgestelle verteidigen sie beinhart gegen die Betonfraktion in ihrer Neubausiedlung, die wiederum ihre Vorgärten mit Koniferen totsaniert oder gleich zupflastert.

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