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© Daniel Pilar

Palastwache

Von PETER-PHILIPP SCHMITT mit Fotos von DANIEL PILAR

18.11.2016 · Sie tragen einen großen Namen und ein großes Erbe. Darum muss die junge Generation der einstigen Fürstenhäuser auch neue Wege gehen.

Ein Volkswirt auf der Marienburg Die Welfen zählen ohne Zweifel zum europäischen Hochadel. Der ältere Herr auf dem Gemälde, Georg I., führte das Geschlecht sogar zu Weltgeltung. Im Jahr 1714 bestieg der protestantische Kurfürst aus Hannover den britischen Thron und begründete dort eine 187 Jahre währende Königsdynastie des Hauses Hannover. Offiziell steht dem Haus Hannover bis heute Prinz Ernst August vor, Ehemann der monegassischen Prinzessin Caroline. Die Geschäfte des Hauses hat jedoch weitgehend sein Sohn übernommen, der 33 Jahre alte Erbprinz Ernst August.

Er ist zum Stammsitz der Welfen gekommen, der Marienburg südlich von Hannover. „Lächeln oder nicht lächeln?“, fragt der Erbprinz, bevor er sich fotografieren lässt. „Nicht lächeln wäre einfacher“, meint er noch. Dem in London aufgewachsenen Volkswirt gelingt es immer besser, seinen britischen Humor auch im Deutschen zur Geltung zu bringen.

© Daniel Pilar Wie eine Ritterburg aus dem Mittelalter: Das Schloss der Welfen ließ Georg V. von Hannover für seine Frau Marie errichten. Heute verschlingt der Unterhalt der nach ihr benannten Marienburg Unsummen.

Für die Aufnahmen hat der Erbprinz den Kamin in einem einstigen Empfangssaal ausgesucht. Ursprünglich ist der Saal mit Motiven aus dem thüringischen Sagenkreis ausgemalt gewesen, zum Beispiel dem schlafenden Kaiser Barbarossa im Kyffhäusergebirge. Doch wurden die großen Gemälde nach dem Zweiten Weltkrieg lieblos übertapeziert. Die Schlossverwalter haben versucht, an einzelnen Stellen den alten Wandschmuck freizulegen, und sind überrascht, in welch gutem Zustand die Bemalung noch ist. Eine vollständige Restaurierung würde allerdings viel Geld kosten - wie auch sonst der Unterhalt des weitläufigen und von Baumängeln nicht ganz freien Schlosses Unsummen verschlingt, wie die Welfen zu klagen nicht müde werden.

Die Pflege der Marienburg, die König Georg V. von Hannover von 1858 an als Sommerresidenz und Jagdschloss erbauen ließ, ist auch sonst aufwendig. Die Festung, die mit ihren Mauern, Türmen und Zinnen an eine mittelalterliche Wehranlage erinnert, hat 135 Räume. Georg V. ließ sie für seine Frau Marie von Sachsen-Altenburg erbauen. Nach ihr ist die Burg benannt. Bei der Erhaltung dieses Kulturguts sind die Welfen auf Partner angewiesen. Die Verhandlungen darüber mit dem Land Niedersachsen sind zur Zeit in einer entscheidenden Phase.

Da passt es gut, dass die Welfen zuletzt nach längerer Zeit mit positiven Schlagzeilen von sich reden machen: Erbprinz Ernst August will im kommenden Sommer seine langjährige Lebensgefährtin Ekaterina Malysheva heiraten. Die 30 Jahre alte gebürtige Russin hat sich in London als Designerin trendiger Catsuits einen Namen gemacht, die sie unter dem Label Ekat vertreibt. Um ihre Hand hat der Erbprinz auf einer griechischen Insel angehalten. Die Hochzeit soll allerdings im niedersächsischen Stammland der Welfen gefeiert werden, vermutlich auf der Marienburg, wo auch schon sein Vater geheiratet hat.

© Daniel Pilar Zu Besuch: Ernst August Prinz von Hannover pflegt das Erbe meist von London aus.

Auf die Frage, ob das Paar danach auch seinen Lebensmittelpunkt dorthin verlegt, antwortet der Erbprinz ausweichend. Allenfalls könne er sich „langfristig“ vorstellen, „irgendwo in die Gegend zu ziehen“. Die Marienburg selbst hält der Erbprinz als Wohnsitz hingegen für ungeeignet. Er habe dort bisher nicht ein einziges Mal übernachtet. Überhaupt stand die Burg lange so gut wie leer: Nachdem Marie, die letzte Königin von Hannover, von den Preußen 1867 ins österreichische Exil gezwungen worden war, wohnte 80 Jahre lang nur ein Hausmeister in dem riesigen Bau.

Der junge Ernst August erregte im Jahr 2005 schon einmal mit der Marienburg gewaltiges Aufsehen, als er mit seinem Bruder Christian Teile des Inventars durch das Auktionshaus Sotheby's versteigern ließ. An die 20.000 Kunstgegenstände wechselten damals innerhalb von wenigen Tagen den Besitzer. Ernst August senior, damals offiziell noch der Schlossherr, nahm 44 Millionen Euro ein und gründete damit eine Stiftung, die auch dem Erhalt der Marienburg dient.

Trotzdem zieht es jedes Jahr noch um die 200.000 Besucher hierher. In der Marienburg lassen sich auch die Räume besichtigen, die Königin Marie einst mit ihrer Tochter bewohnte. Auf alten Fotografien aus ihrer Zeit lässt sich erahnen, wie prachtvoll die königlichen Zimmer ausgestattet waren, bevor die Nachkommen die Einrichtung versteigern lassen mussten. Nur einige der alten Möbel sind geblieben.

So fällt es auch schwer, von der spärlichen Einrichtung vieler Zimmer der Marienburg auf den Stil des jungen Welfen zu schließen. „Sehr normal, sehr modern“, umreißt Ernst August junior seine Auffassung zum Thema Wohnen. Der Erbprinz, der sich eher für Bücher und die Niederlagen seines geliebten Vereins FC Fulham interessiert, genießt den Luxus, solche Fragen der Designerin an seiner Seite überlassen zu dürfen. Reinhard Bingener

Die Schweden auf der Blumeninsel Wer zum Schloss will, kommt an der „Schwedenschenke“ vorbei. Kein Wunder, die Insel gehört Schweden - zumindest haben alle deutschen Bernadottes auch einen schwedischen Pass. Und sie pflegen die Bräuche ihrer zweiten Heimat: „midsommar“, das Mittsommer-Fest, wird auf der Mainau genauso gefeiert wie „kräftskiva“, das Krebsfest im Spätsommer, und „julbord“, das Essen an Weihnachten.

Auf der Insel Mainau, der „Blumeninsel im Bodensee“, herrschen die Bernadottes seit dem Jahr 1930. Geschäftsführer der Mainau GmbH sind Bettina Gräfin Bernadotte af Wisborg und ihr jüngerer Bruder Björn Graf Bernadotte af Wisborg. Sie sind, wie der Familienname schon sagt, mit dem schwedischen Königshaus Bernadotte eng verwandt: Der Großvater von König Carl XVI. Gustaf und der Großvater von Gräfin Bettina und Graf Björn waren Brüder. Der ältere wurde als Gustav V. schwedischer König, der jüngere Wilhelm bekam von seiner Mutter, einer Prinzessin aus dem Hause Baden, die Insel im Bodensee vererbt. Doch erst Wilhelms einziger Sohn Lennart machte das 45 Hektar große Eiland zur Touristenattraktion.

© Daniel Pilar Das Schloss auf der Insel Mainau ist nicht nur Wohnort von Björn Graf von Bernaditte af Wisborg und seiner Frau Sandra, sondern auch ein Standesamt.

Von Graf Lennart ist ein Bonmot überliefert, das er, wie seine älteste Tochter sagt, „immer mit einem Augenzwinkern über sein geliebtes Zuhause“ zum Besten gab: „Wen Gott strafen will, dem schenkt er ein Schloss.“ Das sogenannte Deutschordensschloss der Familie ist allerdings ein prachtvoller Bau, an dem Hunderte Besucher täglich vorbeikommen. In der dreiflügeligen Barockanlage aus dem 18. Jahrhundert, die in Teilen besichtigt werden kann, wuchsen die fünf Kinder von Lennart Bernadotte und seiner Frau Sonja auf. „Es war ein Abenteuerspielplatz für uns“, sagt Graf Björn. So wie die ganze Insel. Früh schon halfen die Kinder aber auch mit: verkauften Eis an die Besucher oder pikierten Sämlinge in den Gewächshäusern.

Heute lebt nur noch Graf Björn mit seiner Frau Sandra im Schloss. Es sei eine bewusste Entscheidung gewesen, sagt seine ältere Schwester, die lieber etwas Abstand zu ihrem Arbeitsplatz hat und täglich mit dem Fahrrad aus Konstanz kommt. Der älteste Sohn des Hauses übernahm gerne die Verantwortung und wurde Schlossherr, auch wenn alle vier Geschwister und zum Teil auch ihre Ehepartner für und auf der Mainau arbeiten.

© Daniel Pilar Im Grünen Salon: Bettina Gräfin Bernadotte af Wisborg und ihr jüngerer Bruder, Graf Björn

Gräfin Bettina, Jahrgang 1974, hat Betriebswirtschaft und Tourismus studiert und kümmert sich besonders um die Belange der Besucher, die Gastronomie, den Park und die Gärten. Sie ist zudem seit 2008 Präsidentin des Kuratoriums für die Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau. Ihr Mann Philipp, der vom Weingut Haug in Lindau stammt, ist für den Weinberg auf der Insel zuständig. Graf Björn, 1975 geboren, ist gelernter Kaufmann und hat Sozialpädagogik in der Schweiz studiert. Er verantwortet unter anderem die 450 Hektar Wald, die sich nicht nur auf der Mainau befinden, die Jagd und Fischerei. Seine zwei Jahre jüngere Frau Sandra, eine Österreicherin, arbeitet seit 2006 bei dem Projekt „Gärtnern für alle“, mit dem lernschwache Jugendliche auf einen Einstieg ins Berufsleben vorbereitet werden. Die gleichaltrige Gräfin Catherina absolvierte ein Studium der Landschaftsarchitektur an der Fachhochschule Weihenstephan. Ihr Bruder Christian, wie sein Vater ein begeisterter Fotograf und Filmer, hat das Unternehmen Artfilm von Lennart Bernadotte übernommen; die Artfilm hatte 1951 den Dokumentarfilm über Thor Heyerdahls Pazifik-Überquerung mit dem Floß „Kon-Tiki“ gedreht, der zwei Oscars bekam. Die Jüngste in der Familie, Diana, geboren 1982, ist gelernte Modistin und betreibt ihr eigenes Hut-Atelier im Schloss.

Alle Mainau-Bernadottes haben also am Erbe ihren Anteil. Und es ist für alle auch eine große Verpflichtung, wie Gräfin Bettina sagt. Weit mehr als 1,5 Millionen Besucher zieht es alljährlich auf die Insel. Im Sommer beschäftigt die Mainau gut 300 Mitarbeiter, im Winter sind es immerhin noch 150. Der Jahresumsatz liegt bei 27 Millionen Euro. Gemeinsam haben die beiden Geschäftsführer auch die größte Investition in der vierzigjährigen Geschichte der Lennart-Bernadotte-Stiftung in die Wege geleitet. Das Hafenareal neben der Comturey wurde neu gestaltet. 16 Architekturbüros hatten sich um den Auftrag in Höhe von sieben Millionen Euro beworben. Der moderne Bau für Tagungen und Feiern - im Schloss kann standesamtlich geheiratet werden - wurde am 40. Geburtstag von Gräfin Bettina eröffnet.

Die Lennart-Bernadotte-Stiftung, alleiniger Gesellschafter der Mainau GmbH, sorgt übrigens auch dafür, dass die Insel nicht an Schweden zurückfällt, sollten dereinst die deutschen Bernadottes aussterben. Doch damit ist vorläufig nicht zu rechnen: Die nächste Generation wächst schon heran.

Die Banker aus dem Hause Castell Vor ein paar Wochen gab es einen Auflauf vor dem Schloss. Vor den Mauern rotteten sich junge Leute zusammen. Das war ungewöhnlich in der 800-Seelen-Gemeinde Castell mit ihrem viel zu großen Fürstensitz und der viel zu großen Kirche. Gewöhnlich schauen nur Wanderer vorbei, die auch mal versuchen, einen Blick ins Schloss zu erhaschen. Oder sie gehen ins Restaurant „Weinstall“ nebenan und probieren einen am Schlossberg angebauten Silvaner. Doch diese Besucher waren anders. „Wie sich herausstellte, gab es hier besondere Pokémons, auf die Jagd gemacht wurde“, erzählt Otto Fürst zu Castell-Rüdenhausen. Nach kurzer Zeit allerdings war der Spuk um den „Hotspot“ schon wieder vorbei und in dem unterfränkischen Ort kehrte Ruhe ein.

Das Schloss in Castell, im 17. Jahrhundert als barocke Dreiflügelanlage von Peter Sommer errichtet, ist der Familiensitz von Ferdinand Erbgraf zu CastellCastell. Er wohnt hier mit seiner Frau Gabrielle, einer geborenen Gräfin von Degenfeld-Schönburg, und ihren gemeinsamen fünf Kindern: Carl, Benedicta, Leontina, Floriana und dem fünfjährigen Johannes. Nicht zu vergessen die drei Deutsch-Langhaar-Hunde Alwin, Vasco und Choco. Otto Fürst zu Castell-Rüdenhausen wohnt im Nachbarort Rüdenhausen. Der Stammsitz der Familie, das Fürstlich Castellsche Schloss, ist eine Wasserschlossanlage aus dem Mittelalter - aber schon länger ohne Wasser.

© Daniel Pilar Nicht zu besichtigen: Im Schloss in Castell wohnt die Familie des Fürsten zu Castell-Castell.

Auch wenn der 31 Jahre alte Otto zu dem 20 Jahre älteren Ferdinand Onkel sagt, so sind die beiden doch nur weitläufig miteinander verwandt. Das fränkische Adelsgeschlecht Castell, das urkundlich erstmals 1057 erwähnt wird, teilte sich im Laufe seiner Geschichte mehrmals auf, bis schließlich zwei Brüder zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Linien Castell-Castell mit Stammsitz in Castell und Castell-Rüdenhausen mit Stammsitz im drei Kilometer nördlich gelegenen Rüdenhausen begründeten. Erbgraf Ferdinand und Fürst Otto aber sind familiär trotzdem eng verbunden, und nicht nur weil der Ältere der Patenonkel des Jüngeren und der Jüngere der Patenonkel von Erbgraf Ferdinands Ältestem ist: Gemeinsam sind die beiden auch Eigentümer aller Castellschen Unternehmen.

© Daniel Pilar Blauer Salon: Otto Fürst zu Castell-Rüdenhausen und Ferdinand Erbgraf zu Castell-Castell

„Am Schlossberg wurde 1659 der erste deutsche Silvaner gepflanzt“, erzählt der Einundfünfzigjährige. Damals hieß die Rebsorte noch Österreicher, nach ihrem Ursprungsland. Heute ist die Domäne in Castell das älteste und größte Silvaner Weingut Deutschlands, wahrscheinlich der ganzen Welt. Allerdings sind die Weiß- und Rotweinlagen rund ums Schloss viel älter. Schon vor 800 Jahren wurde Wein in dem Ort angebaut, der 1200 Jahre alt ist. Die größte Sorge bereitet dem Erbgrafen die Klimaveränderung, die dazu führt, dass die Lese immer früher beginnen muss und die Weine durch die heißen Sommer immer alkoholreicher werden. Der Schlossberg wird vom Verband Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter (VDP) als „Große Lage“ geführt.

Auch im Schloss in Castell lagern Raritäten: etwa ein Fotoalbum, das Gustav Graf zu Castell-Castell einst für seine Dienste als Obersthofmeister von König Ludwig II. zu seinem Geburtstag bekam. An den Wänden hat die Schlossherrin Gemälde der Familie aufgehängt. Familie, sagt Fürst Otto, ist wichtig. In dem Bewusstsein sei er schon aufgewachsen.

Ob sich die Frage überhaupt stellte, nicht ins Castellsche Familienunternehmen einzutreten? „Eigentlich nicht“, sagt der studierte Mathematiker und Informatiker, dessen Vater überraschend vor zwei Jahren starb. Es sei ihm eine Ehre - und Verpflichtung. Denn, so sagt er: Man möchte nicht derjenige sein, der es nach 26 Generationen vergeigt.

Ein Historiker für Schloss Salem Großherzog Karl Friedrich steht seit einem Jahr mitten im Zimmer. Die Marmorbüste, die sein Nachfahre erworben hat, lässt sich nicht einmal von zwei Leuten anheben. „Ich bin noch unschlüssig, was ich mit ihr machen soll“, sagt Bernhard Prinz von Baden. So schaut der Vorfahre dem Erbprinzen von Baden bei der Arbeit zu, wenn er am Schreibtisch sitzt oder sich mit Archivfunden beschäftigt. „Die letzte Inventarisierung fand im 19. Jahrhundert statt“, sagt Prinz Bernhard. Höchste Zeit also zu schauen, was noch im Besitz einer der einst mächtigsten und reichsten Dynastien Europas ist.

Seit gut 20 Jahren ist Bernhard Oberhaupt der Familie. Seither versucht er, das Haus Baden vor dem Ruin zu retten. Zwei Schlösser hat er verkauft, der größte Teil von Schloss Salem gehört inzwischen dem Land Baden-Württemberg. Nur die Burg Staufenberg hat er ganz behalten. Sein Büro aber befindet sich in einem seiner Familie gehörenden Salemer Seitentrakt unweit des Bodensees. Das Schloss, das wesentlich größer ist als der Buckingham-Palast, hätte er allein nie halten können. Dafür reichen die Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft sowie Weinbau nicht aus, auch wenn das Weingut Markgraf von Baden mit seinen 135 Hektar zu den größten und besten Gütern in Deutschland gehört.

© Daniel Pilar Größer als jedes andere Schloss in Deutschland: Die einstige Reichsabtei Salem gehört heute größtenteils dem Land Baden-Württemberg. Auf dem Gelände aber lebt auch noch der Erbprinz von Baden.

Inzwischen hat der Erbprinz, der mit seiner Frau Stephanie und seinen drei Söhnen in Salem lebt, die Finanzen halbwegs geordnet und kann sich vermehrt auch seinen Leidenschaften widmen. „Manchmal denke ich, ich hätte gerne Geschichte studiert“, sagt er. „Doch im Herzen bin ich Unternehmer.“ Das BWL- und Jurastudium musste der älteste Sohn von Maximilian von Baden abbrechen. Sein Vater nahm ihn mit Mitte 20 in die Verantwortung und bestellte ihn mit 28 Jahren zum Generalbevollmächtigten. Prinz Bernhard, der eine kaufmännische Ausbildung absolviert und ein Jahr für eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gearbeitet hat, ist aber nicht nur Unternehmer, sondern auch der Geschichte Badens verpflichtet. Und das macht ihn fast schon zum Historiker.

© Daniel Pilar Karl Friedrich schaut auch von oben herab: Bernhard Prinz von Baden in seinem Arbeitszimmer

„Ich will Altes bewahren und mich zugleich neuen Realitäten stellen“, sagt er. Das gilt besonders für Schloss Salem. Die Büros seiner Mitarbeiter hat er zum Beispiel in die alte Küche der einstigen Reichsabtei integriert, die Schreibtische stehen nun neben einem Backofen von anno dazumal. In seinem Arbeitszimmer beugt er sich über alte Bilder, mindestens eine Ausstellung ist fast immer in Vorbereitung. „Diese Zeichnung habe ich erst kürzlich entdeckt“, sagt Prinz Bernhard. Sie stammt von einem gewissen Theodor Heuss, der 1917 einen Teil des Schlosses zeichnete und das Bild dem Großvater des Erbprinzen schenkte. Berthold Markgraf von Baden war mit Theodora von Griechenland verheiratet, einer Schwester von Prinz Philip. Der Erbprinz von Baden ist damit ein Großcousin des künftigen britischen Königs William.

Prinz Philip, der Mann von Königin Elisabeth II., ging in Salem zur Schule. Das Internat hatte Max von Baden, der letzte Reichskanzler des Kaiserreichs, 1920 gegründet, auch um das riesige Schloss gewinnbringend zu nutzen. Und noch heute bringt die Schule mit ihren 650 Schülern dem Erbprinzen Geld ein.

Der Informatiker von Schloss Nymphenburg Im Regal geht es fast nur um Bayern. Und die Wittelsbacher. „Ein ewig Rätsel bleiben will ich ...“ handelt natürlich vom Märchenkönig Ludwig II. Direkt daneben steht die Biographie „Ludwig I. von Bayern“. Von ihm, dem Onkel der berühmten Sisi, stammen alle Wittelsbacher ab - der Ludwig, der 1982 in Landsberg am Lech geboren wurde und irgendwann Chef des Hauses Bayern sein könnte, genauso wie das derzeitige Oberhaupt der Familie, Herzog Franz.

Der Dreiundachtzigjährige, Enkel des letzten Kronprinzen von Bayern, ist seit 20 Jahren die Nummer eins der Wittelsbacher. Der kinderlose Junggeselle wohnt in einem Seitenflügel von Schloss Nymphenburg in München. Ganz anders sein womöglich künftiger Erbe: Ludwig Prinz von Bayern lebt die meiste Zeit des Jahres in Kenia, wo er versucht, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Am Morgen erst ist er nach München zurückgekehrt. Der Prinz war im Silicon Valley, um Sponsoren für sein neuestes Projekt zu gewinnen. Jetzt sitzt er unter dem fast lebensgroßen Porträt von Marie Gabriele, der letzten Kronprinzessin Bayerns, das Friedrich August von Kaulbach 1906 gemalt hat. Prinz Ludwig ist ein Nachkomme von Gabrieles Schwiegervater, dem letzten bayerischen König Ludwig III. Allerdings entstammt der heutige Ludwig nicht der Linie des ältesten Sohns des Königs wie der derzeitige Herzog Franz, dessen Familienzweig im Aussterben begriffen ist: Da nur noch weibliche Nachkommen vorhanden sind, wird die Nachfolge auf eine Linie übertragen, die auf einen jüngeren Sohn des Königs zurückgeht.

© Daniel Pilar Die einstige Sommerresidenz der Wittelsbacher: Schloss Nymphenburg ist heute Sitz der Bayerischen Schlösserverwaltung. In einem Seitentrakt lebt der 83 Jahre alte Herzog Franz.

Prinz Ludwig ist ein Ururenkel von Ludwig III. Der Vierunddreißigjährige wuchs auf Schloss Kaltenberg in der Nähe des Ammersees auf. Schon in der Schule, im Internat der Erzabtei Sankt Ottilien, begann er Internetseiten zu programmieren und gründete auch ein Software-Unternehmen. Nach dem Abitur studierte er Politik und Jura in Göttingen und war Mitinitiator eines viel beachteten rechtswissenschaftlichen Online-Fachmagazins: „Goettingen Journal of International Law“.

Zugleich nahm Herzog Franz den Prinzen schon unter seine Fittiche, um die Nummer drei in der Erbfolge des Hauses Wittelsbach auf seine künftigen Aufgaben vorzubereiten. Was auf ihn zukommen könnte, sei ihm schon im Grundschulalter bewusst geworden. "Schon als Kind nahm mich mein Vater oft auf Volksfesteröffnungen mit, wo wir mit Bürgermeistern und anderen Würdenträgern am Tisch saßen.“ Mit 15 Jahre habe er den Vater dann das erste Mal selbständig vertreten. Mit einer baldigen Rückbeorderung nach Bayern rechnet Ludwig sowieso nicht. Die Familie ist mit guten Genen ausgestattet. „Wenn ich an Herzog Albrecht oder meinen Großvater denke, waren beide mit 90 noch unglaublich fit.“ Und sein Vater, der wie der Bruder von Herzog Franz in der Rangordnung noch vor ihm steht, ist auch gerade erst 65 geworden. So kann er sich ganz auf seine Arbeit für den Hilfsverein Nymphenburg konzentrieren, der 1964 mit Hilfe seiner Familie und des Bayerischen Roten Kreuzes gegründet wurde.

Der Verein engagiert sich traditionell in Osteuropa, vor allem für Kinder in Albanien sowie Roma in Rumänien. Ludwig, der seit 2010 dem Vorstand angehört und 2013 den Vorsitz übernahm, richtete das Augenmerk auch auf Kenia, auf ein Gebiet, in dem der Vetter seines Vaters, Franz-Joseph Prinz von Bayern, als Missionsbenediktiner tätig ist. In der Wüstenregion Turkana hat der Hilfsverein in Lodwar eine Schule mit Internat gebaut, wo Kinder miteinander verfeindeter Nomadenstämme nun friedlich zusammen leben und lernen. „Doch uns stellte sich schnell die Frage, was danach kommt“, sagt Prinz Ludwig. In der Gegend gebe es keine Arbeit für junge Menschen. Darum kam er auf die Idee, ihnen Computerskills beizubringen, damit sie über Plattformen im Internet Geld verdienen können. Indem sie zum Beispiel Internetseiten entwerfen, sie also die kreative Arbeit für Menschen auf der ganzen Welt übernehmen, die sich nicht mit Grafik-Programmen wie Photoshop auskennen.

© Daniel Pilar Stippvisite im Schloss: Ludwig Prinz von Bayern lebt die meiste Zeit des Jahres in Kenia.

Ludwig spricht von Micro-Startups. Sein Verein sorgt für Laptop und Internetzugriff auf dem Campus, den er errichtet hat, zudem bekommen die jungen Leute ein kleines Grundkapital und Hilfe bei ihrem Business-Plan. Die ersten Kurse mit 30 Teilnehmern haben begonnen.

Im Silicon Valley hat er für seine Idee mit dem Namen „Startup Lions“ geworben. Nun sucht er nach Mentoren, die sich mit Computern auskennen und bereit sind, für drei oder mehr Monate nach Kenia zu kommen, um ihr Wissen weiterzugeben. „Wir bieten Kost und Logis - und Lebenserfahrung.“ Er selbst muss wohl noch eine ganze Weile Vollzeit in Kenia bleiben, um sein Projekt ins Laufen zu bringen. In München ist er nur auf Stippvisite, wie sein voller Schreibtisch in Nymphenburg zeigt. Ob er selbst einmal im Seitentrakt der einstigen Sommerresidenz der Wittelsbacher wohnen wird, kann er noch nicht sagen. Ein Muss wäre es nicht. Er hat zu dem Schloss auch keine so enge Beziehung wie Herzog Franz, der 1933 hier schon zur Welt kam.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 18.11.2016 14:30 Uhr