https://www.faz.net/-hrx-8j05m
© Hersteller

Koch, komm raus!

Von JÖRG ZIMMERMANN

06.07.2016 · Outdoor-Küchen sind in Mode, und im Garten herrschen zunehmend häusliche Verhältnisse. Dabei mischt sich Glamour mit Lagerfeuerromantik.

Sommer, Sonne, blauer Himmel. Auch wenn das Wetter bisher so gar nicht unseren Vorstellungen von dieser Jahreszeit entspricht, drängt in den Monaten zwischen April und September alles nach draußen. Dann hat die häusliche Abgeschlossenheit ein Ende, und Kinder, Studierende, junge Familien, Junggebliebene und Rentner, kurz, alle Altersklassen und Schichten genießen Freizeit jenseits der eigenen vier Wände. Balkon, Terrasse und Garten werden zum offenen Zimmer ohne Grenzen, der öffentliche Park für eine Zeit zum teilprivatisierten Wohnraum. Die saisonale Raumflucht gleicht einer umfassenden Befreiungsaktion. Unter freiem Himmel verwischen gesellschaftliche Ordnungen. Auf den ersten Blick sind dort nur das gesellige Beisammensein, das gemeinsame Essen und Trinken von Belang.

Doch welch Trugschluss! Denn auch die Freiluftsaison kennt die Distinktion. Der Umgang mit den Themen Kochen und Essen ist ein Indikator dafür. Wo in den Gärten bisher noch der simple Grill zum Brutzeln von Würstchen und Garen von Gemüse reichte, werden immer öfter höherwertige Alternativen in Stellung gebracht. Zwar bleibt der Grill in allerlei Ausführungen eine bewährte Lösung für jedermann, doch erst die Küchenvollausstattung verspricht einen veritablen Statusgewinn. Mit wetterfesten Küchenzeilen werden auf den Terrassen aufsehenerregende Wohnungsergänzungsszenarien geschaffen, die Prestige und Funktionen gekonnt von innen nach außen spiegeln. Selbst und bewusst kochen ist Trend, Outdoor ist Trend, da bringt die Überlagerung der beiden Bewegungen eine besondere Dynamik, auch in den Markt.

© Hersteller Outdoor-Küche der schwedischen Marke Röshults

So bieten längst viele deutsche Produzenten von Outdoor-Möbeln auch Küchen mit an, und die Grillgeräte-Hersteller haben ihr Repertoire entsprechend erweitert, auf dass die Feuerstellen um Ablageflächen, Stauraum und Überdachung ergänzt werden können. Aus gutem Grund. Nach einer Branchenstudie des Kölner Marktforschungsinstituts IFH für das Jahr 2015 wächst der „Gesellschaftstrend Grillen“ zwar noch, doch „sprechen abnehmende Wachstumsraten für eine sich abzeichnende Marktsättigung“.

Die Hoffnung der Branche geht nun in Richtung „Glamping“. Die glamouröse Luxus-Variante für das Outdoor-Leben verspricht neue wirtschaftliche Impulse. Frauen rücken ins Visier der Marktbeobachter, die mit der Aufmerksamkeit für die weiblichen Protagonisten vermutlich eher die Hoffnung auf den erweiterten Absatz von Tischdekorationen und Accessoires verknüpfen als einen dauerhaften Wechsel an der Grillzange im Sinne haben.

Wie dem auch sei, Gärten, Terrassen und deren Besitzer scheinen offen und bereit für eine nächste Evolutionsstufe, die wegführt von der rustikalen Grillkultur hin zu einer stylischen Küchenwelt unter freiem Himmel. Wem als Wohnungsmieter ein Garten oder Hof fehlt, dem bleibt für das Open-Air-Koch-Vergnügen weiterhin nur das Grillen im Park. Besonders an den Wochenenden geben die dichtbelegten Wiesen der städtischen Grünanlagen Zeugnis davon. Wie einst das Lagerfeuer markiert der transportable Grill das Zentrum. So ist es gemütlich und praktisch, nur von Glamour keine Spur.

© Proks, Hersteller Einfach: mobile Grillstationen

Terrassen- und Gartenbesitzer sind da besser dran. Hecke und Zaun sorgen für klare Grenzen, und auch das leidige Schleppen von Tellern und Besteck fällt dank der Freiluftküche für sie immer öfter aus. Was deren Ausstattung angeht, ist viel möglich. Die Varianten reichen von kleinen Lösungen, mit integriertem Grill und kleiner Ablage, bis hin zu ganzen Küchenzeilen mit Kühlschrank und Spülbecken. Das Know-how und die funktionalen Konzepte für den Innenbereich finden sich in weiten Teilen auch in den Freiluftmodellen wieder. Aufbewahren, Säubern, Vorbereiten, Kochen - die Grundanforderungen an Küche sind außen und innen gleich.

Das Repertoire aus der häuslichen Einbauküche ist die Basis für den Speiseplan der Outdoor-Küche. Abspecken bei der Speisefolge oder eine einfachere Zubereitung sind tabu. Das Würstchen macht der raffiniert marinierten Keule Platz, die Bauchspeckstreifen müssen der mit Kräutern gefüllten Dorade weichen. Neben den kulinarischen Ansprüchen geht es jedoch um mehr. Draußen kochen ist ein Stück Abenteuer und Ursprünglichkeit. Ein Hauch halbwilder Romantik, im Rauch der edlen Grillstation vorübergehend konserviert. Doch nun erfolgt die Invasion der Küchentechnik, es übernimmt die moderne Zivilisation. Während dem Grillen immer auch der Nimbus der fortlaufenden Improvisation anhaftet, hat der Zufall in der voll ausgestatteten Outdoor-Küche kaum eine Chance.

© Röshults Ausbaufähig: einbauküchenähnliche Zeile

Im Mittelpunkt des Interesses steht weiterhin die Kochstelle. Außen wird sie vielfach mit Kohle und Holz befeuert, denn vor allem die Glut und das Knistern und Knacken des Brennmaterials vermitteln Ursprünglichkeit und rustikale Atmosphäre. Unter diesen Voraussetzungen ist der besondere Geschmack garantiert. Die Assoziation mit dem Lagerfeuer bleibt, nur bei Bedarf wird das Equipment wegen Bequemlichkeit getauscht. Denn wer es lieber weniger archaisch mag, setzt auf Gasbetrieb oder auf Ergänzung durch elektrische Modelle mit Induktionsfeldern.

Eine Anmerkung zu Auftritt und Aussehen der Outdoor-Küchen: Die Küchenhersteller schicken bisher eine solide Ausrüstung vor die Tür, gestalterische Angebote auf Gourmet-Niveau sind (noch) rar gesät. Zu oft wird lediglich die vorhandene Grilltechnik umbaut, statt nach einer eigenständigen Lösung zu suchen. Hinsichtlich der Details, die wesentlich zur Qualität von Einbauküchen beitragen, wünscht man sich bei den Outdoor-Küchen noch mehr Engagement.

Bei den Materialien prägen Holz, Edelstahl, Aluminium und auch Stein- und Betonoberflächen das Bild. Das Ausstattungsprogramm für die Outdoor-Küche reicht von robusten Werkbankvariationen bis zu gradlinigen Funktionsmodulen. Manche drängen sich mit technischen Details optisch in den Vordergrund. Der rheinische Hersteller Porks beispielsweise setzt auf eine variable Rahmenkonstruktion aus Aluminiumprofilen. Beim Label OCQ vermitteln die Module eine Leichtigkeit im Aufbau, nur das vielfach aufgebrachte Logo trübt das klare Bild. Andere Modelle betreiben mit natürlichen Materialien oder spiegelnden Oberflächen geschickte Camouflage. So reflektiert das Edelstahlfinish der „Kitchen Island“ der schwedischen Marke Röshults sanft das Blau des Pools und das grüne Umfeld.

© Hersteller „Kitchen Island“ von Röshults

Mit einer klaren Linienführung und einer reduzierte Formensprache beziehen einige Outdoor-Küchen sich auf Gestaltungsprinzipien von Bauhaus und Moderne. Die monolithische „Rock Air“, ein Gemeinschaftsentwurf von Martin Steininger und Alberto Minotti, nimmt das Kunstwerk „Minimal Myth“ von Donald Judd als Referenz. Mit rustikalen Elementen und robusten Details kommt bei einigen Anbietern die Landhaus-Optik ins Spiel.

Auch ästhetische Anleihen aus anderen Lebensbereichen tauchen auf. Wie angeschnittene Weinfässer kommen die Küchenelemente des italienischen Produzenten Minacciolo daher. Aus Eichenholz und schwarz lackierten Stahlbändern wird der Grundbehälter für „Tinozza“ gefertigt, der nach Bedarf mit Kochstelle, Spüle oder Ablagefläche bestückt wird und frei positioniert werden kann. Hier kommen sich Essen und Trinken auf einer gestalterischen Ebene ganz nah. Andere Anbieter wagen formale Experimente und funktionale Fingerübungen, die in einer Reihe stehen mit von Hand gemauerten oder selbstgezimmerten Konstruktionen.

  • © Minacciolo Fassküche „Tinozza“
  • © Minacciolo Für Weinliebhaber
  • © Minacciolo
  • © Minacciolo

Was in den heimischen Garten oder auf die Terrasse passt, hängt letztlich immer von den örtlichen Gegebenheiten ab, die Angebote in Modulbauweise kommen vielen Interessenten deshalb gerade recht. Module sind flexibel und lassen sich bei Bedarf erweitern. Wie bei der Ausstattung im Haus setzen verfügbare Fläche und das individuelle Budget den Wünschen Grenzen. Schnäppchen auf Discount-Niveau findet man im noch kleinen Marktsegment der Outdoor-Küchen bisher nicht. Mit der Investition eines mittleren vierstelligen Betrags bekommt man kleinere Lösungen, die einen ausgewachsenen Grill mit einer soliden Arbeitsfläche und wetterfestem Stauraum kombinieren. Für ganze Küchenzeilen, die mehrere individuelle Module für Zubereitung und Aufbewahrung mit einer Spüle, einer Kühleinheit und verschiedenen Kochstellen wie Grill und Gasbrenner verbinden, klettert der Preis schnell in Größenordnungen, in der auch der Preis eines Mittelklasse-SUV angesiedelt ist.

Vielleicht aber sind die Outdoor-Küchen ohnehin nur eine Episode, ein Zwischenspiel im Umgang mit der häuslichen Umgebung und der Natur. Wer weiß, ob das Wetter in Zukunft oft genug mitspielt? Und in Trend-Blogs wird derzeit die Rückkehr ans authentisch ungezügelte Lagerfeuer beschworen. Das Stockbrot haltend und im Gespräch verbunden, sitzt die Gemeinschaft im Kreis um die Flammen. Zurück zu den Wurzeln - wie ethnologische Studien belegen, war ein solches Szenario grundsätzlich für die Entwicklung unserer Gesellschaft und unserer Kultur.

Gut geplante Freiluftküche Ob variabel oder fest montiert: Auf den richtigen Standort kommt es an.

Wer sich eine Outdoor-Küche anschaffen will, sollte vorher sorgfältig planen. Die Hersteller kennen die besonderen Anforderungen unter freiem Himmel und beraten ausführlich zur individuellen Situation. Viele bieten neben dem Katalogprogramm die Möglichkeit, eine individuell zugeschnittene Lösung zu entwickeln. Die persönlichen Vorlieben beim Grillen und Kochen spielen dabei genauso eine Rolle wie die Frage nach einem geeigneten Standort. Denn während ein solitärer Grill sich je nach Situation und Wetterlage leicht verschieben lässt, bekommt die Outdoor-Küche mit der Montage einen dauerhaften Platz im Garten oder auf der Terrasse zugewiesen. Dem Verlust an Flexibilität stehen dann jedoch umfangreiche Möglichkeiten und reichlich Komfort gegenüber.

Neben einem ausreichenden Platzangebot für die Küchenelemente sind auch der Bewegungsraum der Akteure und deren typische Arbeitsabläufe in der Planung zu berücksichtigen. Bei der Standortwahl hilft es, den Lauf der Sonne und die lokalen Windverhältnisse zu kennen. Auch der Blick auf den Abstand zum eigenen Haus und zu den Fenstern sowie zur umliegenden Bebauung gehört in der Planungsphase dazu. Obwohl nur Nordrhein-Westfalen und Brandenburg im Landesimmissionsschutzgesetz gesetzliche Regeln zum Grillen im Garten aufgestellt haben, werden die Nachbarn einen rücksichtsvollen Weitblick bei der Standortwahl zu schätzen wissen.

Je nach Ausstattung der Outdoor-Küche sind einige Installationsarbeiten erforderlich. Für den Betrieb eines Kühlschranks und einer elektrischen Kochstelle bedarf es unterschiedlicher Stromanschlüsse. Nicht fehlen sollten zudem Anschlussmöglichkeiten für eine elektrische Beleuchtung der Arbeitsflächen in der Dämmerung.

Kochstellen mit Gasbrenner werden meistens mit Flaschen versorgt. Wer seine Grillstelle gelegentlich auch mit Holz befeuern möchte, braucht reichlich Platz zum Lagern beziehungsweise Zwischenlagern der Holzscheite. Für eine Spüle sind ein Wasseranschluss und ein Abfluss notwendig. Schon aus Sicherheitsgründen sollten alle technischen Anschlüsse fest installiert und wetterfest, auch für die Wintermonate, ausgeführt werden. Wer selbst nicht über besonderes handwerkliches Geschick und solide Kenntnisse in der Haustechnik verfügt, ist hierfür auf professionelle Handwerker oder den Service der Hersteller angewiesen.

Bei der Wahl der Ausstattung und des verbauten Equipments entscheiden die persönlichen Vorlieben - und das vorhandene Budget. Alle Geräte sollten über eine entsprechende Outdoor-Zertifizierung verfügen, normale Haushaltsgeräte sind in der Regel nicht geeignet. Neben der optischen Gesamtwirkung der Freiluft-Küchenzeile sind bei der Materialwahl auch Haltbarkeit, Pflege- und Reparaturmöglichkeiten wichtige Entscheidungskriterien. Bei Holzoberflächen lassen sich mechanische Beschädigungen leichter beseitigen als bei glänzenden Metallfronten, Arbeitsplatten aus Stein reagieren anders auf Lebensmittel und Wettereinflüsse als Oberflächen aus einem Kunststofflaminat.

© Flora Press

Ob eine Außenküche Marke Eigenbau oder eine Modulserie vom Möbelhersteller, ein bisschen Sonnenschein und warme Temperaturen gehören einfach zum Kochen im Freien.

Inhalte werden geladen.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 06.07.2016 12:53 Uhr