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Am Ende

Von REINER BURGER, STEFAN LOCKE, BERND STEINLE, MATTHIAS WYSSUWA

25. März 2021 · Große Reisen sind in weiter Ferne. Da liegt es nahe, nach den fernsten Orten in Deutschland zu suchen.


NÖRDLICHSTER PUNKT Einsamer Strand

Foto: Matthias Wyssuwa

Am Ende stehen da nur noch die Schafe, die kauen und verdauen und sich sonst so gar nicht für den Besucher zu interessieren scheinen. Das ist ihr Gebiet, und sie wissen es. Der Sylter Ellenbogen, auf dem Weg zum nördlichsten Punkt Deutschlands. Dünen, Gras und dahinter irgendwo das Meer. Der Wind dröhnt und reißt dem Besucher die Autotür aus der Hand. Kein Mensch, nirgends, nur Fußspuren auf den sandigen Pfaden durch die Dünen und überall Schafsköttel. Das scharfe Dünengras klatscht im Takt des Windes an die Beine, immer tiefer hinein in die Dünen geht es. Langsam scheint sich leise das Rauschen des Meeres in das Dröhnen zu mischen. Es kann nicht mehr weit sein.

Dabei ist der Weg an den nördlichsten Punkt Deutschlands selbst dann noch recht weit, wenn man schon im Norden Deutschlands lebt. Oder zumindest recht umständlich. Von Hamburg aus fährt man gut zwei Stunden mit dem Auto, bis man kurz vor der dänischen Grenze in Niebüll landet und darauf wartet, auf den Autozug fahren zu dürfen. Nach Rom führen viele Wege, nach Sylt sind es nur sehr wenige, und weil in Corona-Zeiten die Fähre aus Dänemark praktisch nicht mehr zu nutzen ist für deutsche Besucher, bleibt der schmale Eisenbahndamm durch die Nordsee. Der wird Hindenburgdamm genannt, was immer mal wieder für Diskussionen sorgt, wegen Hindenburg und der Geschichte und so weiter. Steht das Auto auf dem Anhänger, kann man vom Fahrersitz aus beobachten, wie der Zug auf die Insel rollt. Eine Dreiviertelstunde etwa dauert die Überfahrt.

Sylt hat bei manchen einen zweifelhaften Ruf, als Gebräu aus Geschmacklosigkeiten und Geld. Verlässt man aber den Bahnhof in Westerland und fährt die paar Kilometer in den Norden der Insel, vergisst man das schnell. Der Ellenbogen heißt so, wie er auf der Karte aussieht: eine Halbinsel aus Dünen, mit ein paar Häusern, zwei Leuchttürmen und vielen Schafen. Hier ist nichts fancy, hier prickelt kein Champagner, hier darf man nicht einmal baden, weil die Strömungen gefährlich sind. Der Ellenbogen ist in Privatbesitz. Wer mit dem Auto kommt, muss an einem Kassenhäuschen sechs Euro zahlen.

Dann geht es hinein in die Corona-Winter-Leere, zu Schafen und Dünen. Irgendwann sieht man das Meer, das aufgeregt gekräuselt daliegt. Ein paar Minuten noch durch den feuchten, tiefen Sand, der Strand ist breit, auch hier ist kein Mensch zu sehen. Der Nieselregen kommt mal von vorne, mal von der Seite, langsam aber sicher durchnässt er die Klamotten. Am Horizont soll man irgendwo Dänemark sehen können, es ist nur vier Kilometer entfernt. Heute ist da aber nur ein dunkler Streifen, der noch mehr Regen ankündigt. Dann ist die Stelle erreicht. Ein Schild ist in den Sand gerammt: „Herzlich Willkommen am nördlichsten Punkt Deutschlands“ und die Koordinaten: „550 3' 30 Nord, 080 24' 55 Ost“. Noch ein wenig stehen, in die Leere starren. Und wieder zurück durch die Dünen, die Sachen sind schon nass. Am Ende stehen da wieder die Schafe, die tun, was sie immer getan haben und immer tun werden: kauen und verdauen. 

Matthias Wyssuwa

ÖSTLICHSTER PUNKT Weite Welt

Foto: Stefan Locke

Die Felder tragen eine Haube wie aus Puderzucker, den die noch kraftlosen Sonnenstrahlen ein wenig glasieren. Überraschend hat der Jahresbeginn mal wieder etwas Schnee in Deutschlands fernen Osten gebracht. Die einst zuverlässige „Russenpeitsche“, wie die Boulevardpresse die Kombination aus niedrigen Temperaturen und viel Schnee getauft hat – in den vergangenen Wintern war sie ausgeblieben. Endlich wieder ein richtiger Winter also?

Die Neiße, die von Görlitz aus, Deutschlands östlichster Stadt, in der Regel gemächlich gen Nordosten fließt, führte im Januar viel Wasser – der Schnee schmolz schnell. Nach etwa 20 Kilometern biegt der Fluss noch einmal kräftig nach Osten ab, bevor er dann Richtung Nord/Nordwest aus dem Blick verschwindet. So ist in der Nähe von Zentendorf eine Halbinsel entstanden, auf der Deutschlands östlichster Punkt liegt.

Von hier aus ist Moskau viel näher als Madrid. Und genau 961 Meter sind es, so steht es jedenfalls auf einem Wegweiser, die das Zentrum Zentendorfs vom östlichsten Punkt der Republik trennen. Glaubt man dem „Zipfelbuch„“, sind in diesem Jahr schon bis Mitte Januar gut ein Dutzend Besucher hier gewesen. Sie schwärmen in ihren Einträgen von rauhen Winden, klarer Luft und weiter Landschaft. 

Im Sommer sind freilich viel mehr Menschen unterwegs. Der Oder-Neiße-Radweg führt hier vorbei, und Kanu- und Schlauchbootfahrer lassen sich die Neiße hinabtreiben. Sie ist zwischen zehn und 20 Metern breit, aber nur selten tief. Es gibt ein paar Stromschnellen und Wehre, die Abenteuer versprechen, doch häufig muss man schon fleißig paddeln, um nennenswert voranzukommen. Eine Holztreppe führt das steile Ufer hinauf zu einem Rastplatz – drei Eichen, ein Findling, eine Bank, ein Tisch und eine Deutschlandfahne am Mast. Auf der anderen Seite schimmert der weiß-rote polnische Grenzpfosten durch das Gebüsch.

Am Ufer der Neiße in Zentendorf steht noch der Bogen einer Brücke, die Bauern einst zu ihren Feldern auf der anderen Seite brachte. Heute zählt die ehemals schlesische Gemeinde mit den Nachbarorten Deschka und Zodel zu den einzigen in Deutschland, die gerade noch so östlich des 15. Längengrads liegen, an dem sich die mitteleuropäische Zeit (MEZ) orientiert. Wenn es hier zwölf Uhr mittags schlägt, hat die Sonne also tatsächlich ihren Tageshöchststand erreicht. 

Seit jeher leben nur wenige Menschen in der Gegend, urbane Zentren wie Berlin, Breslau, Dresden und Prag sind mehr als 100 Kilometer weit weg. In Zentendorf waren Mitte vergangenen Jahres knapp 150 Menschen gemeldet, in der Gemeinde Neißeaue, der Zentendorf angegliedert ist, waren es gut 1700. Umso mehr Platz bleibt für die Natur. Seeadler und Fischotter haben sich längst wieder angesiedelt, und im Frühjahr und Sommer ist die Region Rastplatz für immer mehr Zugvogelarten, darunter Kraniche, die in der Region lange sehr selten waren. Sie finden hier Ruhe und Nahrung für ihre kräftezehrenden Wege in den warmen Süden und den hohen Norden. 

Stefan Locke

SÜDLICHSTER PUNKT Große Nummer

Foto: Bernd Steinle

Und dann steht da plötzlich: ein Hydrant. Glaubt man jedenfalls, wenn man endlich oben auf dem Bergsattel angekommen ist. Er thront auf einer kleinen Anhöhe, und stolpert man noch die wenigen Schritte über die scharfkantigen Felsrippen hinauf, dann zeigt sich: Der Hydrant ist ein Grenzstein, eine Säule aus Granit, deren vornehme, glatte, makellose Rundform sich leicht pikiert über die urwüchsige Naturlandschaft ringsum erhebt. Ordnungsgemäß trägt der Grenzstein auch eine Nummer, 147, und damit die Lage restlos geklärt ist, steht auf der einen Seite, in schnörkellosen dunkelgrauen Buchstaben, „Bundesrepublik Deutschland“ und darunter „Bayern“, auf der anderen Seite „Republik Österreich“ und darunter „Tirol“.

Der Grenzstein 147, errichtet im Jahr 2008, auch darüber informiert die Säule, steht auf 1900 Meter Höhe am Haldenwanger Eck im Oberallgäu. Er markiert den südlichsten Punkt Deutschlands, und wie es sich für einen Superlativ gehört, ist er nicht ganz einfach zu erreichen. Was die Sache nur noch reizvoller macht.

Die Annäherung beginnt in Oberstdorf: Kurort, Kneipport, Wintersportort und in zehn Tagen Schauplatz der Nordischen Ski-Weltmeisterschaften. Von der südlichsten Gemeinde Deutschlands aus führt der Weg in das Stillachtal, zunächst bis zum Skigebiet Fellhorn, von dessen Parkplatz an die Straße für Autos gesperrt ist. Dahinter kehrt schnell Ruhe ein: Rechts rauscht der Bach, links leuchten die Wiesen, darüber schießen beiderseits Bergflanken empor. Allgäu-Idylle. Heute zumindest. Vor acht Jahrzehnten herrschte hier der Schrecken.

Im Weiler Birgsau war von Juli 1943 an ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau untergebracht. Dessen Häftlinge mussten ein Ausbildungslager für Führer und Unterführer der Waffen-SS aufbauen und es bis April 1945 instand halten. Anfang Mai rückten französische Truppen kampflos in Oberstdorf ein, die Baracken des Ausbildungslagers wurden später abgerissen. Heute, zwischen freundlichen Ferienhäusern, stöckeschwingenden Wandergruppen und ehrgeizig bergauf strampelnden Mountainbikern wirkt die Vergangenheit wie eine ferne Phantasie.

Am südlichsten ständig bewohnten Ort Deutschlands vorbei, dem „Gasthof Einödsbach“, windet sich der schmale Asphaltweg hinauf ins langgestreckte Rappenalptal. An dessen Talschluss zweigt links der Weg zum 1688 Meter hohen Schrofenpass ab, ein alter Handels- und Schmugglerpfad nach Tirol, der im April 1945 von SS-Leuten teilweise gesprengt wurde und heute, längst wieder instand gesetzt, von Wanderern und Mountainbikern geschätzt wird, als abenteuerlicher Auftakt ihrer Alpenüberquerung, mit luftigen Schieb- und Tragepassagen.

Vergleichsweise wenig begangen wird dagegen der Pfad, der geradeaus weiter führt: hinauf zum Haldenwanger Eck, zum Grenzstein 147. Den hat man häufig ganz für sich, die Sonne im Gesicht, ganz Deutschland im Rücken. Und das ist auch gut so. Denn da oben stößt nicht nur die Republik an ihre Grenze. Sondern auch die eigene Puste. 

Bernd Steinle

WESTLICHSTER PUNKT Kleine Wiedervereinigung

Foto: Marcus Simaitis

Die letzten Meter zum westlichsten Punkt Deutschlands im kleinen Ort Isenbruch im Kreis Heinsberg führen über einen Steg aus Holz und Stahl. Nach einem Linksschwenk weitet sich der Steg zu einer kleinen Plattform. Ein roter Stab markiert dort über der Mitte des deutsch-niederländischen Grenzbächleins Rodebach jene Stelle, die so tief im Westen liegt wie kein anderer Punkt der Bundesrepublik. Bequem lässt sich auf einer Sitzbank zwischen Deutschland und den Niederlanden hin- und herrutschen.

Den „Erlebnisraum Westzipfel“ gibt es seit 2015, er soll ein „touristisches Highlight“, etwas Einmaliges sein, mit dem das Selfkant – wie die Gegend heißt – auf sich aufmerksam machen kann. Obwohl die Europäische Union den größten Teil der Baukosten beisteuerte, war das Projekt im Selfkant anfänglich umstritten. Im vereinten Europa spielten Grenzen doch gottlob keine Rolle mehr, fanden Kritiker. Warum also müsse man mit einer so aufwendigen Zipfel-Zielführung künstlich auf eine Grenze hinweisen?

Ohne den „Erlebnisraum Westzipfel“ wäre allerdings eines der kuriosesten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte weitgehend in Vergessenheit geraten: Die Bundesrepublik Deutschland entstand 1949 ohne ihren westlichsten Punkt. Denn beinahe vier Jahre nach der deutschen Kapitulation, 19 Tage nach der Gründung der Nato und einen Monat vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland annektierten die Niederlande am 23. April 1949 den Ort Elten am Niederrhein und mehrere Orte im Selfkant bei Aachen – als Faustpfand für Verhandlungen über Kriegsentschädigungszahlungen mit Deutschland. Eigentlich wollten die Niederlande einen breiten Streifen entlang der bestehenden Grenze bis hoch zur Nordsee haben. Doch bei Briten und Amerikanern kam das nicht gut an. Sie wollten zumindest die westlichen Besatzungszonen wegen der wachsenden Spannungen mit der Sowjetunion so rasch wie möglich stabilisieren.

Nach langen Verhandlungen bekamen die Niederlande von den zuletzt geforderten 1750 Quadratkilometern deutschen Bodens gerade einmal 69 zur sogenannten Auftragsverwaltung zugesprochen. In den Niederlanden mischte sich die Enttäuschung, kaum mehr als das „kleine Selfkäntchen“ bekommen zu haben, mit dem schlechten Gewissen: Zeitungskommentatoren wiesen darauf hin, dass jede Annexion ein Verstoß gegen das in der Atlantik-Charta verbriefte Recht auf Selbstbestimmung und die westeuropäische übernationale Solidarität sei.

Während die Bundesrepublik außenpolitisch zügig vorankam und Kanzler Konrad Adenauer die Westintegration zielstrebig betrieb, blieb der Konflikt um die kleinen niederländisch besetzten Gebiete lange ungelöst. Im Frühjahr 1960 gelang es den beiden Staaten endlich, einen Ausgleichsvertrag auszuhandeln – dessen Ratifizierung aber noch gut drei weitere Jahre auf sich warten ließ.

Am 1. August 1963, Punkt null Uhr, kam es schließlich zur kleinen Wiedervereinigung im Westen. Mit 14 Jahren Verspätung kam die Bundesrepublik Deutschland zu ihrem westlichsten Punkt. 

Reiner Burger


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Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 25.03.2021 13:00 Uhr