https://www.faz.net/-hrx-98uig

New Yorker Graffiti-Sprüher : Leinwand statt U-Bahn

  • -Aktualisiert am

Künstler Dondi White 1982 in New York Bild: Redferns

Der jahrzehntelange Kampf der Behörden in New York gegen Sprayer hat den Siegeszug von Graffiti als Kunstgenre nicht aufhalten können. Werke der Sprayer der ersten Tage erzielen heute Rekordpreise.

          Es gibt Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis der Welt eingebrannt haben und ganze Epochen definieren. Dazu gehören New Yorker U-Bahnen, die mit Graffiti besprüht waren. In den späten siebziger Jahren ruckelten sie auf den Hochbahnstrecken der Bronx an verfallenen Häuserzeilen vorbei und boten einen farbenfrohen Kontrast zu der deprimierenden Kulisse.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Der damalige Bürgermeister Ed Koch und seine Nachfolger hielten das gleichwohl für einen Angriff auf die Lebensqualität. Sie bemühten chemische Reinigungsmittel sowie Stacheldraht und Wachhunde für die Subway-Depots, um den „Vandalismus“ zu beenden. Der Kampf der Behörden gegen die Sprayer hat den Siegeszug von Graffiti als Kunstgenre aber nicht aufhalten können. Zwar sind besprühte Subways in New York nicht mehr zu sehen; bemalte Züge werden aus dem Verkehr gezogen. In Kopenhagen, London oder Berlin jedoch hält der Trend an.

          Ausgerechnet in New York wurden Graffiti aber nun als schützenswerte Kunst anerkannt. Ein Bundesrichter in Brooklyn hat 21 Graffiti-Künstlern insgesamt 6,7 Millionen Dollar zugesprochen, weil ihre Arbeiten am 5 Pointz-Komplex im Stadtteil Queens vom Besitzer der Lagerhallen zerstört wurden. Gleichzeitig scheint das allgemeine Interesse an der frühen Graffiti-Kunst der siebziger und achtziger Jahre zu wachsen – einer Ära, in die auch die Geburtsstunde des Hip-Hop fällt, der ausgehend von der Bronx zu einem ähnlich globalen Phänomen wurde. Die Epoche wird in Serien und Seminaren thematisiert. Selbst in New Yorker Privatschulen beschäftigen sich Sechstklässler mit den Wurzeln des Hip-Hop.

          Die Kunst muss weg: Freiwillige reinigen U-Bahnen in New York

          Martha Cooper und Henry Chalfant, die als Fotografen die Anfänge der Graffiti-Bewegung dokumentierten, publizierten 1984 mit dem Fotoband „Subway Art“ die Bibel der Graffiti-Szene und trugen stark zur Verbreitung des Genres bei. 2017 hatten sie Ausstellungen in New Yorker Galerien, und Cooper hat dem neuen Berliner Graffiti-Museum Urban Nation einen Teil ihrer Privatsammlung überlassen; die Bibliothek ist nach ihr benannt.

          Auf dem Kunstmarkt erzielen Künstler aus der Ära Rekordpreise. Im vergangenen Jahr wurde ein Werk von Jean-Michel Basquiat aus dem Jahr 1982 bei Sotheby's für mehr als 110 Millionen Dollar versteigert. Das Interesse an den Wegbereitern der Subway-Graffiti wächst ebenfalls, auch wenn sie nicht so viel kosten wie Basquiat, der ebenfalls als Graffiti-Künstler angefangen hatte.

          Eine eigene Sprache New Yorker Jugendlicher

          Anfang des Jahres wurde das Gemälde „Solid Formation“ (1984) des Künstlers Dondi White auf einer Graffiti-Auktion des deutschen Online-Kunstunternehmens Artnet für die Rekordsumme von 240.000 Dollar versteigert – zum rund Vierfachen des Schätzwerts. Zwei weitere Arbeiten von Dondi (bürgerlich Donald Joseph White), dessen Werke bislang selten bei Auktionen angeboten wurden, waren davor in Frankreich zu Preisen von jeweils mehr als 100.000 Dollar versteigert worden. „Ich vermute, dass unsere Auktion nun Sammler anregen wird, Werke Dondis zu verkaufen“, meint Alicia Carbone, die bei Artnet das Auktionsgeschäft verantwortet.

          Auf dem Höhepunkt des Streits: 5Pointz-Wand Mitte November 2013

          Dondi White war eine der zentralen Figuren der frühen Subway-Sprayer. Von 1980 an malte er auch auf Leinwand. Die Sprayer bezeichneten sich selbst als „Writer“, als Schreiber, da das Motiv der Werke meist ihr eigener Name oder Künstlername war. Dondi arbeitete mit vielen Pseudonymen wie MR. WHITE, PRE oder BUS129.

          Weitere Themen

          Des Kochkaisers neue Kleider

          Restaurant „Überfahrt“ : Des Kochkaisers neue Kleider

          Christian Jürgens hat alles erreicht, was ein Chef erreichen kann – nur eines nicht: sich in seinem Restaurant „Überfahrt“ in Rottach-Egern damit zufriedengeben zu können. Die Kolumne Geschmackssache.

          Topmeldungen

          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.