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Neue Häuser : Von der Scheune zum Wohnhaus

Stattlich: Die Kubatur der einstigen Tabakscheune nimmt das neue Haus auf Bild: Kretzer, Michael

Eigentlich wollten Ute und Johann Henrich Delius einen Bungalow. Der gilt schließlich als perfekter Gebäudetyp, wenn man älter wird. Doch dann ist es anders gekommen.

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          „Am Anfang der Geschichte steht eine Tabakscheune, weit mehr als 100 Jahre alt, massig, dunkel, verschlossen, eine Trutzburg, ein - Monster.“ Johann Henrich Delius macht keinen Hehl daraus, wie wenig ihm der Bau gefallen hat, der bis vor zwei Jahren zum Hof seiner Schwiegereltern im Mannheimer Vorort Seckenheim gehörte. Fast 30 Jahre hat die Scheune leer gestanden, trotzdem aber Jahr um Jahr Geld gekostet. Zum Beispiel für Reparaturen, wenn der Sturm mal wieder lose Ziegel vom Dach gefegt hatte. Denn Johann Henrich und Ute Delius haben lange nicht gewusst, was sie mit der Scheune anfangen sollten.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ausbauen? Abreißen? Verkaufen? „Die Scheune gehört zur Familiengeschichte, so etwas gibt man nicht leicht auf“, sagt Ute Delius, eine zierliche, blonde Frau Ende fünfzig. Sie ist auf dem Hof aufgewachsen, im Haus neben der Scheune, das heute nur noch ihre Mutter bewohnt. Sie hat erlebt, wie der Vater sich in den sechziger Jahren, wie so viele andere Bauern auch, einen anderen Beruf suchte und die Landwirtschaft nur noch nebenher betrieb. Auch den Tabakanbau, der in der Gegend um Mannheim Tradition hat, seitdem sich niederländische Tabakbauern dort im frühen 17. Jahrhundert niedergelassen hatten.

          Als Jugendliche musste Ute Delius im Sommer mit Mutter und Großmutter Tabakblätter auffädeln, die dann in die Scheune zum Trocknen gehängt wurden. Eine scheußliche Arbeit für ein junges Mädchen, das die Zeit lieber mit Freundinnen im Schwimmbad verbracht hätte, statt mit vom Tabaksaft klebrigen Händen im Hof zu sitzen und zu schuften. „Aber das war halt so“, sagt Ute Delius.

          Wo einst die Hühner scharrten, liegt heute das Wohnzimmer. Der geschützten Lage wegen ist es trotz der großen Fenster für Fremde nicht einsehbar Bilderstrecke

          Sie wird in jenen Tagen nicht der einzige Teenager in Seckenheim gewesen sein, der das Auffädeln im Stillen verflucht hat. Denn im alten Ortskern gibt es bis heute eine ganze Reihe historischer Tabakscheunen. Diese Speicher sind oft höher als andere, zudem geben ihnen die auffälligen Lüftungsschlitze einen eigenen Charakter.

          In Seckenheim prägen die Scheunen das Bild so sehr, dass die Stadt Mannheim das gesamte alte Quartier unter Ensembleschutz gestellt hat, über den der Denkmalschutz wacht. Das habe die Entscheidung für sie nicht unbedingt leichter gemacht, sagt Johann Henrich Delius. Dazu kamen die gewaltigen Ausmaße der Scheune, die immerhin fast 13 Meter hoch war, eine Fläche von 14 mal 20 Meter einnahm und an drei Seiten Wände mit anderen Gebäuden teilte. „Das hat unseren Elan lange gebremst, uns selbst als Bauherren an diesem Ort zu versuchen“, erzählt Delius.

          Er und seine Frau hatten sich einige der ehemaligen Tabakscheunen angesehen, die sich in Mehrfamilienhäuser verwandelt hatten. Richtig gelungen fand das Ehepaar die Ergebnisse nicht. Zudem war die Bausubstanz ihrer eigenen Scheune schlecht und die Statik kompliziert. Dazu kam, dass die beiden, die über Jahrzehnte in einem alten Bauernhaus gelebt hatten, sich eine räumliche Veränderung zwar vorstellen konnten - in der alten Scheune aber nicht unbedingt die passenden Rahmenbedingungen für das sahen, was man mit zeitgemäßem und altengerechtem Wohnen verbindet.

          Das Thema wurde immer wieder neu aufgerollt

          Er schwärmte für einen modernen Neubau in der Tradition der Neuen Sachlichkeit. Sie wollte lieber ein Zuhause mit behaglicher Atmosphäre, aber lichtdurchflutet. Beide konnten sich einen Bungalow vorstellen. Den aber mussten sie sich aus dem Kopf schlagen. Denn der Denkmalschutz erlaubt einen Neubau an Stelle der Scheune nur, wenn dessen Kubatur dem Vorgängerbau weitgehend entspricht.

          Und so passiert lange nichts, bis das Ehepaar eines Tages auf den Architekten Mark Schütz aufmerksam wird. Der hatte ein vom Verfall bedrohtes Schulgebäude saniert und vor dem Abriss bewahrt. Schütz präsentiert eine erste Idee. Und obwohl er damit die Vorstellungen der Bauherren überhaupt nicht trifft, ist der Faden aufgenommen. Ute Delius und ihrem Mann erscheint mit einem Mal das Bauvorhaben „Scheune“ nicht mehr abwegig. Sie entscheiden, den Familienbesitz nicht zu verkaufen. Ihre eigenen drei Töchter sind aus dem Haus, die Mutter wird allmählich hilfsbedürftig. Was passt da besser, als künftig nebenan zu leben?

          Schütz’ Vorschläge werden mit den Denkmalschützern diskutiert. „Aber es war ein weiter Weg“, sagen die Bauherren im Rückblick. „Die beiden sind aber auch sehr anspruchsvoll“, sagt der Architekt.

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