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© Michael Kretzer

Verwandelt, aber nicht fremd

Von BIRGIT OCHS, Fotos MICHAEL KRETZER

04.10.2016 · Wer ein Baudenkmal saniert, geht Risiken ein. Ein Ärztepaar hat diese Herausforderung angenommen und eine historische Hofreite in Rheinhessen zu neuem Leben erweckt.

Ein altes Gehöft unter Denkmalschutz, vom Sockel bis zum Dachstuhl ein einziger Sanierungsfall, verkörpert für viele Bauherren den Albtraum schlechthin. Da hilft im Zweifelsfall auch die schönste Historie nichts. Denn solche Gebäude bergen Ungewissheit: baulich, zeitlich, finanziell. Es ist also gut möglich, dass auch Robert Kelm und Melanie Brückner lieber noch ein bisschen weitergesucht und die mitten in einem rheinhessischen Örtchen gelegene Hofreite weiter ihrem Schicksal überlassen hätten. Aber das Paar ahnte nicht, wie es um die Bausubstanz des irgendwann im Laufe des 15. Jahrhunderts entstandenen Fachwerkhauses bestellt war, das ursprünglich zu einer landwirtschaftlichen Niederlassung des Klosters Eberbach auf der anderen Rheinseite gehörte. Womöglich hätten die beiden sich trotz besseren Wissens nicht abhalten lassen. Als Mediziner sind sie darauf spezialisiert zu heilen, und manchmal erzählen Baugeschichten im Grunde von nichts anderem als einem Heilungsprozess.

© Michael Kretzer Das „Kelterhaus“, gegkleidet in Faserzementplatten, zeigt neben dem Denkmal Format.

So aber sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen, als sie das erste Mal im Hof des Ensembles standen, erzählt Kelm. Er und seine Lebensgefährtin waren damals schon längere Zeit auf der Suche nach einem historischen Gebäude. Auf die Hofreite stießen sie im Internet, doch so richtig verlockend sah das Anwesen auf den Fotos nicht aus. Was auch am „absurd hohen Preis“ lag, für den es zunächst im Angebot war. Doch der sank irgendwann, weil sich keine Käufer fanden. So kam es, dass Melanie Brückner und Robert Kelm sich eines Tages doch im Hof des ehemaligen Weinguts wiederfanden – und zugriffen.

Zusammen mit dem einer Wohnburg gleichenden Fachwerkhaus, dem Herzstück der Anlage, erwarben sie einen in den siebziger Jahren entstandenen Anbau – das Kelterhaus. An diesen schließt sich eine große Scheune an. Stallungen ergänzen die Hofreite. Damit nicht genug, durchzieht ein ausgedehntes Tunnel- und Kellersystem das Grundstück – wie auch weite Teile des Ortskerns.

© Michael Kretzer Die Küche schafft Verbindung: Hier treffen Alt- und Neubau aufeinander.

Besonders schön sei das Ganze eigentlich nicht gewesen, gestehen die heutigen Besitzer. Vor allem der Anbau trübte das Bild. Und auch die irgendwann in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts frontal auf die Haustür zulaufende Treppe passte nicht. Sie ließ zudem das ohnehin hohe und auf abschüssigem Gelände stehende Wohnhaus noch mächtiger und dadurch unvorteilhaft wirken.

„Doch das Potential das Ensembles war gut zu erkennen“, sagt Daniel Morber. Der Mainzer Architekt hat das Vorhaben von Anfang an begleitet und auch die Bauleitung übernommen. Für ihn wie die Bauherren ging es darum, das historische Ensemble so weit wie möglich zu erhalten und unter zeitgemäßen Gesichtspunkten zu sanieren. „Unser Motto lautete: Retten, was zu retten ist, aber das, was neu ist, soll auch als neu zu erkennen sein“, beschreibt Robert Kelm die Haltung, mit der sich die drei an das Projekt machten.

© Michael Kretzer Vom Esstisch aus kann der Blick schweifen.

Das betrifft sowohl die architektonische Formsprache für alle neuen Bauteile wie auch die Materialwahl. Zu den entscheidenden Maßnahmen seines Entwurfs gehörte es, Fachwerk- und Kelterhaus optisch wieder stärker zu trennen. Der Verbindungsgang zwischen beiden Gebäuden wich, das Obergeschoss des Kelterhauses erhielt einen neuen Dachstuhl, der sich nun in Höhe und Form an den Nebengebäuden orientiert. Ein verglaster Zwischenbau verbindet nun das historische Gebäude mit dem aus den Siebzigern. Der Anbau wirkt nun nicht mehr wie der missratene Appendix des Haupthauses, sondern zeigt sich nach Umbau und Sanierung von ganz eigenem, allerdings harmonischem, Format.

Mit seiner grauen Faserzementfassade springt der Trakt den Besuchern sofort ins Auge. Dort, wo einst ein großes Tor Einfahrt ins Kelterhaus bot, schließt jetzt eine Glasfront die Öffnung. Im Erdgeschoss wurde der Hallencharakter bewahrt, das durch die Hanglage deutlich tiefer liegt als die gleiche Etage des Fachwerkhauses und des Glasanbaus. Man erreicht diesen Teil, über eine große, breite Holztreppe. Das obere Geschoss des Kelterhauses beherbergt einen kleinen Wohntrakt, den Robert Kelms Sohn weitgehend in Beschlag genommen hat. Der Jugendliche sollte eigentlich ein Zimmer im Haupthaus beziehen. „Aber die Bauzeit hat dann ja doch so lange gedauert, dass er dem ursprünglich geplanten Kinderzimmer in unserer Nähe entwachsen ist“, erzählt der Vater.

© Michael Kretzer Details, wie Mauer- und Türelemente wurden bewahrt.

Denn der Umbau des Kelterhauses war der deutlich unaufwendigere Part des gesamten Vorhabens. Als die Arbeiten an dem mehrere hundert Jahre alten Haupthaus begannen, wurde den Beteiligten erst klar, was da auf sie zu kam. Der Bau wies solche starken Schäden auf, dass er komplett abgebaut werden musste, um die Einzelteile zu sanieren. „Da gab es schon Horrormomente“, gesteht Architekt Morber. Ihn hat beeindruckt, welche Entschlossenheit die Bauherren an den Tag legten. Das Paar hat das Vorhaben nicht nur als Zuschauer begleitet, sondern teils selbst mit angepackt.

Ohne fachkundige Gewerke allerdings wäre das Vorhaben nicht zu stemmen gewesen. Durch den vollständigen Rückbau bot sich die Chance, eine neue Bodenplatte einzuziehen und im Erdgeschoss alle Räume auf ein Höhenniveau zu bringen. Wer die neuen Bewohner besucht, fällt hier sprichwörtlich mit der Tür ins Haus: unmittelbar an den Eingang schließt sich links die große offene Küche an, hinter der sich der im Glasanbau gelegene Essplatz befindet. Gleich auf den ersten Blick sieht man, wie hier Alt und Neu zusammenfinden: freigelegte Bruchsteinmauern, Holzbalken und Lehmputz treffen auf moderne Einbauten, Glas, Stahl und Beton.

© Michael Kretzer Eine Glasplatte verbindet das unterirdische Tunnelsystem optisch mit dem Wohnhaus.

Welche Dimension das Projekt hatte, lässt ein Blick in die Tiefe ahnen. Gleich hinter dem Eingang ist eine Glasplatte in den Boden eingelassen, die Einblick in den beleuchteten Gewölbekeller gewährt. Hinauf in den ersten Stock und unters Dach führt eine imposante Stahltreppe, die die alte steile Stiege ersetzt.

Das große Dachgeschoss ist der Lieblingsort der Bewohner. Hier beeindruckt der alte Dachstuhl. Sämtliche „liegenden“ Balken sind erhalten, nur die Sparren wurden erneuert. „Lesen, Musik hören oder ein bisschen Sport machen – wir nutzen den Raum vielfältig“, erzählt Melanie Brückner. An heißen Tagen schützt die Dachdämmung davor, dass sich der Raum unerträglich aufheizt und spezielle Fenster mit integriertem Sonnenschutz halten die Strahlen ebenfalls ab.

© Michael Kretzer Blick in den Wohnraum mit Kamin, Küche und Bad

„Wir wollten, dass das Haus auch energetisch so weit wie möglich auf der Höhe der Zeit ist“, sagt Robert Kelm. Ihn reizte es, das Baudenkmal den heutigen Erfordernissen anzupassen. Beheizt wird das Gebäude, für das die Bauherren eine Förderung über das Programm KfW-Effizienzhaus Denkmal erhielten, über eine Pelletheizung. Im Erdgeschoss des Altbaus gibt es zudem einen Grundofen. Sämtliche Räume verfügen über eine Fußbodenheizung. Die gesamte Haustechnik ist auf dem Stand eines Neubaus – und weitgehend unsichtbar. „Der Aufwand war schon extrem hoch“, stellt Daniel Morber klar.

„Er hat sich gelohnt“, sagen die Bauherren. Wenn man über die Dörfer fahre, könne man ja sehen, wie viel alte Bausubstanz kaputt- und damit verlorengehe, bedauert Kelm den Verfall vieler historischer Höfe. Sein eigenes Anwesen hatte er am diesjährigen Tag der Architektur für Besucher geöffnet. Das war auch Gelegenheit für die Nachbarn, einen Blick hinter die hohen Mauern zu werfen, die das Ensemble zur Hofseite hin umgeben. Während der Bauphase hatte es einige Unruhe im Dorf gegeben, was mit dem Denkmal passiere. Nun sei das Staunen groß gewesen, wie sich das alte Weingut verwandelt habe, ohne fremd zu wirken.

© Michael Krentzer Der Architekt Daniel Morber (links) und die Bauherren Melanie Brückner und Robert Kelm

Das Haus kurz und knapp Baujahr 15. Jahrhundert/2015
Bauweise Haupthaus Fachwerkbau, Kelterhaus: Massivbauweise
Energiekonzept Pelletheizung; der Bau entspricht den Standards für die Förderung KfW-Effizienzhaus Dankmal
Wohnfläche 360 Quadratmeter
Standort Saulheim

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 04.10.2016 14:42 Uhr