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Von Baum und Zeit

Text von PETER-PHILIPP SCHMITT
Fotos von Frank Röth

20. August 2020 · Vom Schlagen einer Eiche bis zum fertigen Tisch kann es bei der österreichischen Naturholzmöbelmarke Team 7 lange dauern. Wir zeigen die Produktion im Zeitraffer.

Am Anfang steht eine gut 150 Jahre alte Eiche  – gewachsen im eigenen, gut 74 Hektar großen Wald.
Am Anfang steht eine gut 150 Jahre alte Eiche – gewachsen im eigenen, gut 74 Hektar großen Wald.
Ob eine Eiche geschlagen wird, entscheidet der zuständige Mann im Forst, Johann Enzlmüller.
Ob eine Eiche geschlagen wird, entscheidet der zuständige Mann im Forst, Johann Enzlmüller.

Das Sägewerk

In dem Wald, der über Jahrhunderte den Augustiner-Chorherren des Stifts Reichersberg gehörte, bevor sie sich in der Finanzkrise vor gut zehn Jahren verspekulierten und ihn an den Naturholzmöbelhersteller Team 7 verkaufen mussten, wachsen nicht nur Eichen, sondern 16 weitere Laub- und Nadelhölzer. Doch für einen Echt.Zeit-Tisch, dessen Platte aus zwei naturbelassenen Brettern besteht, die in einem Stück aus einem Stamm geschnitten werden, kommt nur das Holz von Eiche und Nussbaum in Frage. Dem Wald im oberösterreichischen Innviertel haben Trockenheit, Borkenkäfer und Stürme zuletzt stark zugesetzt. Team 7 nutzte die Corona-Zeit, um einige Flächen wieder aufzuforsten. 

Zehntausende Bäume wurden in den vergangenen Monaten gepflanzt. Es gehört zur Philosophie des Hauses, für jeden gefällten Baum mindestens einen neuen zu pflanzen. Die mächtigen, oft mehr als 150 Jahre alten Eichenstämme, die nicht nur im kleinen Wald bei Ried im Innkreis, sondern auch im 135.000 Hektar großen Wienerwald westlich von Wien gefällt werden, kommen in das Sägewerk der Familie Hermandinger in Waldzell. 

Dort werden sie zunächst gelagert, bevor sie weiter verarbeitet werden. Das aber kann dauern. „Manche Bäume liegen drei bis vier Jahre bei uns“, sagt Junior-Chef Christian Hermandinger. An die 6000 Festmeter Holz  das entspricht 6000 Kubikmetern oder dem Ladevolumen Hunderter Lastwagen  stapeln sich hinter dem Sägewerk. Einige Hölzer, etwa Kirsche und Walnuss, werden an heißen Tagen mit Wasser berieselt. So werden sie konserviert. „Zeit ist wichtig“, sagt Hermandinger. „Je länger man Holz liegen lässt, desto besser wird es.“ Zunächst aber muss es geschnitten werden.


Das Zuschneiden

Seine Schwester, sagt Christian Hermandinger, sei die beste Zuschneiderin in der Familie. „Sie bringt eine Leistung zusammen wie sonst keiner.“ Er muss es wissen, denn auch er bedient den „Joystick“. Sonja Hermandinger aber habe ein besonderes Gefühl für Holz. „Man muss das Holz kennen, um es zerlegen zu können“, sagt sie. Die meterlangen und bis zu zwei Meter dicken Stämme werden „von Hand“ in einzelne Pfosten zersägt, so werden die geschnittenen Bretter in Österreich genannt. Laserstrahlen zeigen an, wo die Bandsäge am besten ansetzt, damit möglichst wenig Verschnitt entsteht. Was übrig bleibt, wird verbrannt und zum Heizen und Trocknen des Holzes verwendet. Das Holz selbst wird auf Auktionen ersteigert, ein Festmeter Eiche kann bis zu 1100 Euro kosten.


Das Einlagern

Nach dem Schneiden bleibt das Holz oft noch eine ganze Weile im Sägewerk. Darum auch wird jeder Pfosten vermessen, nummeriert und mit einem Datum versehen. Nur so lassen sich einzelne Bretter wiederfinden. Danach stapeln die Männer das Holz auf. Zwischen die Pfosten, deren Enden als Schutz vorm Reißen mit einer Schicht Wachs bestrichen werden, kommen Stapelleisten, damit das Holz nicht direkt aufeinanderliegt und es von allen Seiten trocknen kann. Denn das ist nun das Wichtigste: Die Feuchtigkeit muss aus dem Naturstoff entweichen. Da es bei Team 7 nur Maßanfertigung und keine Serienproduktion gibt (es wird also nur auf Bestellung gearbeitet), werden die zueinander passenden Pfosten für den Echt.Zeit-Tisch jeweils bei Bedarf eigens ausgewählt. Das übernimmt der Geschäftsführer von Team 7, Hermann Pretzl.


Die Trockenhalle

Holz muss trocknen, was auch mal zwei Jahre dauert. Es ist ein langwieriger Prozess, und das Holz wird währenddessen mehrfach umgelagert. Erst liegen die Pfosten im Freien, danach in Hallen, zuletzt in Trockenkammern. Die Feuchtigkeit im Holz beträgt anfangs 50, 60 Prozent, verarbeitet wird es bei acht Prozent. Um diesen Wert zu erreichen, kommen die Pfosten zu guter Letzt noch in sogenannte Klimahallen oder auch Vakuum-Trockenkammern. Damit sich das Schnittholz beim Trocknen nicht verbiegt, pressen Betonplatten die Stapel zusammen. Metallklammern an den Enden, Wellenbandeisen genannt, lassen das Holz nicht reißen, denn beim Trocknen schrumpft es. 

Riesige Ventilatoren blasen die Feuchtigkeit aus den an allen Seiten offenen Hallen, angetrieben werden sie über eine Photovoltaikanlage. Team 7 hat drei Schnittholzhallen, die größte hat eine Fläche von 18.000 Quadratmetern, die beiden kleineren sind 5000 und 1000 Quadratmeter groß. Es ist das größte Edelholzlager Europas. Verarbeitet werden jedes Jahr bis zu 22.000 Kubikmeter Schnittholz, das entspricht 1000 vollen Lastwagen. Am Rand der großen versiegelten Fläche befindet sich ein Regenrückhaltebecken, in dem Karpfen schwimmen. Daneben, auf einer Wiese, stehen einige Bienenstöcke. Team 7 produziert auch seinen eigenen Honig.


Die Hobler

Die schwerste Arbeit ist das Hobeln. Ein 3,75 Meter langer Eichenpfosten wiegt mindestens 65 Kilogramm. Oft aber auch noch viel mehr. So ein vorgeschnittenes Stück Holz ist nie gleich dick. Genau das aber soll es sein, es muss abgerichtet werden. Das übernimmt eine Maschine: Sie bringt den bis zu acht Zentimeter dicken Pfosten nach und nach auf eine Stärke von etwa 5,5 Zentimetern. Immer und immer wieder muss das Holz dafür über den Hobel geschoben und dabei mit aller Kraft nach unten gedrückt werden.

 Eine echte Maloche, die zur Zeit noch zwei Männer bewältigen müssen. Bald aber könnte den fast unmenschlichen Kraftakt eine zweite Maschine übernehmen. Die Holzreste, die beim Hobeln und auch sonst bei Team 7 anfallen, werden zur Wärmegewinnung genutzt. Die Standorte in Ried im Innkreis und im etwa zehn Kilometer entfernten Pram haben Verbrennungsanlagen, mit denen Büros, Produktionshallen und Trockenkammern geheizt werden. Das Unternehmen mit seinen gut 600 Mitarbeitern ist energieautark. Und da Holz Biomasse ist, wird bei der Verbrennung nicht mehr Kohlenstoffdioxid freigesetzt, als die Bäume der Atmosphäre während ihres Wachstums entzogen haben.


Der Designer

Gut 300 Kilogramm wiegt ein Echt.Zeit-Tisch von Team 7: Die Pfosten, die zusammen die Tischplatte ergeben, sind jeweils 100 Kilogramm schwer, die beiden Wangen aus Stahl, auf denen die Platte ruht, etwa 50. Trotzdem sollte es ein Tisch sein, der sich „leicht“ auf- und abbauen lässt, mit dem man mehrfach im Leben umziehen kann. Der Designer Sebastian Desch hat dafür eine Nut-Feder-Verbindung geschaffen, über die sich beide Teile der Platte zu einem stabilen Ganzen vereinen. 

Den verbindenden Abschluss bildet das Blatt aus dem Team-7-Logo. Zum Tisch gehört auch ein Topfuntersetzer aus Holz, der in seiner Form an ein Pluszeichen erinnert und sich entlang der Mittelfuge verschieben lässt  ohne seitliches Verrutschen. Desch, 1974 in Ried im Innkreis geboren, ist gelernter Tischler, so wie gut zwei Drittel der Mitarbeiter bei Team 7. Zum Unternehmen kam er schon vor 26 Jahren, seit 2009 ist er fürs Design mitverantwortlich, seit 2016 ist er Chef der Designabteilung. Für Desch muss Holz eine Geschichte erzählen. Darum auch sind ihm die Naturmerkmale des Materials so wichtig; Maserungen, Astlöcher, selbst Risse im Holz gehören für ihn dazu. Nur mit ihnen könne ein Tisch auch „lebendig“ sein.


Der Chef

Bäume haben im Leben von Georg Emprechtinger schon immer eine große Rolle gespielt: Er entstammt einer alten Innviertler „Sägler“-Familie  seine Vorfahren besaßen ein Sägewerk in Lohnsburg am Kobernaußerwald. Emprechtinger übernahm aber nicht den väterlichen Betrieb, er studierte Betriebswirtschaftslehre und Rechtswissenschaften in Linz und Salzburg. Zu Team 7 kam der promovierte Jurist erst Ende der neunziger Jahre und auch nur durch einen Zufall. Sein Nachbar in Ried, Erwin Berghammer, hatte 1959 eine kleine Tischlerei gegründet. 

Da er an Teamarbeit glaubt und mit vier Töchtern und einem Sohn eine Familie mit sieben Mitgliedern hat, nannte er seinen Betrieb Team 7. 1980 stellte er ganz auf Naturholz um. Ende der neunziger Jahre wollte Berghammer in Rente gehen, und da keines seiner Kinder Interesse an dem Unternehmen des Vaters hatte, wandte er sich an seinen Nachbarn. Georg Emprechtinger übernahm 2006 die Naturholzmarke komplett und führt sie seither als alleiniger Eigentümer. Inzwischen ist Emprechtinger 60. Er denkt zwar noch nicht ans Aufhören, aber sein Sohn Stefan, 32 Jahre jung und mit seinem MBA in Toronto beschäftigt, könnte ihm irgendwann nachfolgen.

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 20.08.2020 10:06 Uhr