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Natur auf dem Dach : Alles Grüne kommt von oben

  • -Aktualisiert am

Keine Phantasterei: Die Initiative „Hilldegarden“ will auf dem Dach eines ehemaligen Flakbunkers in St. Pauli einen Stadtpark errichten Bild: dpa

Immer mehr Menschen auf immer weniger Fläche: In den Städten wird der Platz knapp - auch für Parks. Hamburg holt jetzt die Natur aufs Dach.

          5 Min.

          Auch für Hamburger Verhältnisse ist das hier eine besonders „maritime“ Lage: Mitten in der Hafencity, Blick auf die historische Speicherstadt am Kai eines alten Hafenbeckens, also direkt am Wasser gelegen. Vor eineinhalb Jahren wurden die „Elbarkaden“ eröffnet, ein 200 Meter langes Gebäude, das mit seiner Architektur die Verbindung zwischen Alt und Neu in der Hafencity herstellt. Greenpeace hat hier seine Deutschland-Zentrale, dazu kommen Gewerbe, Gastronomie und Wohnungen. Markenzeichen und Namensgeber ist der Arkadengang, eine überdachte Promenade am Wasser. Spaziergängern und Restaurantgästen im Erdgeschoss bietet er Schutz - den Bewohnern darüber dient das Arkadendach als begrünte Terrasse mit privatem Zugang.

          „Gartenwohnen in der Hafencity, das gibt es nur hier“, preist Projektentwickler Georg Nunnemann von Garbe Immobilien das „Alleinstellungsmerkmal“ der Wohnungen. Nicht nur auf der Arkade, auch auf dem Flachdach des Siebengeschossers finden sich Grünflächen für die Bewohner. Überhaupt setzen Garbe und andere Projektentwickler oder Bauherren immer häufiger auf Gründächer - sei es aus Überzeugung, sei es, weil viele Bebauungspläne heute Gründächer für Neubauprojekte vorschreiben.

          „Gründächer sind richtige Alleskönner“, ist Hanna Bornholdt überzeugt. „An heißen Sommertagen kühlen sie die Umgebung ab, bei Regen entlasten sie die Kanalisation, und sie tragen zur Naturvielfalt und Biotopvernetzung bei“, listet die Landschaftsarchitektin die Vorteile auf. „Und nicht zuletzt sparen Gründächer Kosten im Unterhalt.“ Viele Städte fördern daher Gründächer. Auch Hamburg hat eine Gründachstrategie verabschiedet und ein Förderprogramm aufgelegt. Hanna Bornholdt ist Projektleiterin dieser Gründachstrategie beim Amt für Landschaftsplanung und Stadtgrün.

          Bis zu 60 Prozent der zusätzlichen Baukosten können Bauherren als Zuschuss beantragen. Gefördert werden Neu- und Umbauten, ob als begehbarer Dachgarten mit Rasen, Bäumchen und Sträuchern oder als einfaches, „extensiv“ mit Moosen und Mauerpfeffer bepflanztes Garagendach. Die Bandbreite ist groß und entsprechend verschieden sind Kosten, statische Belastung, Pflegeintensität und Energieersparnis.

          Massive Entlastung der Entwässerungssysteme

          Mit 17 Euro den Quadratmeter für die einfacheren Varianten rechnet Carsten Wiese, Geschäftsführer der Hamburger Gartenbaufirma Hartwig Zeidler, die das Gründach für die Elbarkaden beigesteuert hat. Bei der intensiven Variante eines begehbaren Dachgartens sind es schon 60 Euro je Quadratmeter. Hinzu kommen in dem Fall die höheren Baukosten eines entsprechend stabilen Betonunterbaus.

          Ob der Mehraufwand für Investoren lohnt, müssen diese entscheiden. Für das Klima vor Ort und die Umwelt ist der Nutzen in jedem Fall groß. Grundstückseigentümer sparen für ihre als „teilversiegelt“ klassifizierten Flächen die Hälfte der Abwassergebühr. Die Begrünung wirkt zudem dämmend und vermindert Witterungseinflüsse und UV-Strahlung - was sich günstig auf die Heizkosten und auf die Lebensdauer der Dächer auswirkt. In Frage kommen nicht nur Flachdächer auf Neubauten, sondern auch leicht geneigte Pult- und Satteldächer. Vielfach lassen sich auch Bestandsbauten nachrüsten und extensive Begrünung mit Photovoltaikanlagen kombinieren.

          Aus städtischer Sicht besonders interessant: Neue Gründächer können durchschnittlich 60 Prozent des Regenwassers zurückhalten und so die Entwässerungssysteme massiv entlasten. Schätzungen in Hamburg gehen von einem zweistelligen Milliardenbetrag aus, der nötig wäre, um die Kanalisation so umzubauen, dass sie mit „Starkregenereignissen“ fertig wird, die immer häufiger auftreten. Zuletzt standen Anfang Mai ganze Straßenzüge unter Wasser, weil die Kanalisation mit den Wassermassen nicht zurechtkam, die Orkantief „Zoran“ über Norddeutschland abregnete.

          In anderen Städten spielen andere Faktoren eine größere Rolle. Stuttgart etwa, das wegen seiner Kessellage oft unter einer Hitzeglocke liegt, setzt auf Gründächer zur Abkühlung des Mikroklimas. Auch in Hamburg gibt es „Wärmeinseln“, dicht bebaute Stadtteile, in denen sich Beton und Asphalt aufheizen und wie solare Kachelöfen wirken. Gerade innenstadtnahe Wohnviertel könnten von zusätzlichen Grünflächen profitieren. Realisieren lassen sich diese am ehesten auf Hausdächern. Das Vorbild Stuttgart gilt als deutsche „Gründachhauptstadt“: 10 Prozent der dortigen Dachflächen sind begrünt. Auch Berlin, Bremen, Hannover und andere Städte sind „oben rum“ grün. Hamburg hat da noch Nachholbedarf. Nur 0,8 der 65 Quadratkilometer Dachflächen sind derzeit Gründächer - nicht mal 1 Prozent.

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