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Natur als Kunst

Von ROSE-MARIA GROPP
Illustration: Olaf Hajek

27.07.2018 · Olaf Hajek lässt seine Bilder im Sound des Sommers summen und zirpen. Seine Ideen aus Flora und Fauna beflügeln die Vorstellungskraft.

E s kann fast nicht sein, dass man noch nie einer Illustration von ihm begegnet ist. Seine Bilder sind auf der ganzen Welt zu sehen, in Zeitungen und Zeitschriften, in Magazinen und in Büchern, auf Ankündigungen, in internationalen Anzeigenkampagnen und auf großen Plakaten für Modehäuser, Kosmetikmarken oder Restaurants. Seine Gestaltungskraft ist überall begehrt. So hat er einmal für eine Firma, die edle Gläser herstellt, auf einem Whiskey-Tumbler einen schlanken Zaubervogel fliegen lassen, das Gefieder aus Getreideähren. Für das Goethe-Institut in Wien hat er jüngst eine charmante Assemblage zusammengebaut aus lauter typischen Motiven, die er in seinen Stil übersetzt hat, um zu Sommerkursen in Deutsch zu verlocken. Und gerade arbeitet er an den Entwürfen für die Tapeten-Kollektion eines renommierten Herstellers.

Olaf Hajek, Illustrator und Künstler, in seinem Atelier in Berlin-Mitte. Foto: Andreas Pein

Olaf Hajek ist stark gefragt und drängt sich trotzdem nie in den Vordergrund. Er ist einer der international bekanntesten Illustratoren, vielfach ausgezeichnet für seine Auftragsarbeiten. Und er ist einer, der seine Ideen auf wunderschönen Bildern bannt. Wir haben ihn für das sommerliche Thema Natur und Gärten gewonnen. Was sich da alles öffnet und spreizt und fiedert, in voller Pracht der Verschwendung!

Es ist die Natur, es ist der Mensch in ihr, es sind Flora und Fauna, die Olaf Hajek immer wieder beschäftigen – und seine künstlerischen Einfälle befeuern. Er stellt die Natur still in den Stadien des Übergangs. Die Blüten sind weit geöffnet, im Zustand äußerster Entfaltung, bald werden sie welken. Die Früchte stehen in ihrer hohen Reife, wie die Zitronen, die ihren Saft schon verströmen. Das Getier dazwischen bedient sich dieses Überflusses, kleine Vögel saugen daraus Seim, Schmetterlinge taumeln einen kurzen Sommer lang. Die Menschen sind Nutznießer, sie erscheinen zum Zweck der Zierde, oder sie stehen klein und demütig unter einem Baum der Erkenntnis.

Wie macht er das? Olaf Hajek wurde am 12. Dezember 1965 in Rendsburg geboren, studierte in Düsseldorf und verbrachte frühe Jahre in Amsterdam als freier Illustrator. Damals kam seine Karriere in Fahrt. Schon lange lebt und arbeitet er nun in Berlin, hat sein Studio im Bezirk Mitte. Wie also bekommt einer diese enorme Produktivität in den Griff? „Ich bin ein Morgenmensch und brauche meine Routine", sagt er. „Tief in mir schlummert eine protestantische Herkunft und kämpft mit meinem Freigeist." Doch: „Die Kombination ist hilfreich, daher gehe ich morgens gegen neun Uhr ins Atelier und beginne mit der Arbeit." Er sammelt zeitgenössische Kunst, die ihn anspricht, und natürlich liest er, geht ins Kino. Inspiration kann er aber überall finden, Ideen kommen spontan: „Die Kombination der Bilder entsteht dann im Kopf." Und auf seinen vielen Reisen hält er die Augen offen – für die Schönheit und für ihre Zerbrechlichkeit.

Freier Künstler: Olaf Hajek übermalt die Grenzen zwischen Illustration und Schöpfertum. Illustration: Olaf Hajek
„Hawaii's Bees“ Illustration: Olaf Hajek

Denn die gehören für ihn untrennbar zusammen. Als er jung war, sagt Hajek, waren Egon Schiele und Gustav Klimt seine Lieblingskünstler. „Die imperfekte Schönheit hat mich schon damals in ihren Bann gezogen." An Frida Kahlo hat ihn früh „das Dunkle" fasziniert, und die Renaissance findet er „aufregend wegen der realistischen Darstellung der Objekte und der Personen, im Gegensatz zum Fehlen der Perspektive". Seine größte Liebe gilt der Folk Art, dem Art Brut und der primitiven Kunst, „mit ihrer archaischen und einfachen Kraft". Und wirklich tauchen all diese Vorbilder in seinen Arbeiten auf – aber erklären können sie deren ganz eigenen Reiz nicht.

Die Anziehungskraft seiner Kunst, sagen wir ruhig die Magie, liegt in der Kombination der so unterschiedlichen Elemente. Und vor allem in deren Transformation. Sie macht seinen unverkennbaren Stil aus. Dieses Momentum schenkt Hajeks Bild-Welt ihre universelle Lesbarkeit. Es ist das charakteristische Crossover aller zentralen Motive, das sie durchzieht und unmittelbar verständlich macht. Die Botschaften kommen an, sie nehmen die Direttissima in die Seele der Betrachter.

  • „Big Yellow Orchid“ Illustration: Olaf Hajek
  • „Eden Projects“ Illustration: Olaf Hajek
  • „Oranges are not the only Fruit“ Illustration: Olaf Hajek
  • „Holding Flowers“ Illustration: Olaf Hajek
  • „Gärtnerin“ Illustration: Olaf Hajek

Dafür gibt es herrliche Beispiele: Einmal hat er auf einer seiner Illustrationen aus dem geöffneten Kopf von Sigmund Freud einen Springquell von Assoziationen zum Weiblichen entsteigen lassen, weil es in einem brasilianischen Journal um die Frage ging, was Frauen denn wollen. Es ist ein bisschen wie die Geburt der Pallas Athene aus dem Haupt des Zeus, bloß in allerlei Symbolen, von der züngelnden Schlange über glitzernde Edelsteine bis zum Granatapfel in einer Frauenhand, aus dem blutrote Tropfen fallen, hinunter in Freuds Gehirn, gleichsam verwandelt in funkelnde Gedanken. Oder er bettete für ein Musiklabel den melancholischen Kopf von Frédéric Chopin in einen Kreislauf von Metaphern des Werdens und Vergehens, der sich im dunklen Herzen des Komponisten schließt. Und dann gibt es den Entwurf für eine Briefmarke der britischen Royal Mail, „Hyena in London": Dort steht eine Hyäne, die, ihrer Figur nach zu schließen, gerade satt ist, beinahe gleich hoch neben einer Straßenlaterne, die aus einem Gemälde von René Magritte stammen könnte; denn die Laterne leuchtet, der typische Londoner Straßenzug dahinter ist aber taghell. So berichtet das verdutzt blickende Tier der Steppe von der Fremdheit eines jeden Lebewesens, des Menschen zumal, im Eigenen.

Bei Hajek gab es keine familiäre künstlerische Vorgeschichte, und ein Erweckungserlebnis kennt er auch nicht. Es war, sagt er, schlicht seine Lust aufs Zeichnen und Malen. Aber das wollte er nie mit dem Rechner machen. Dabei ist es geblieben, außer dass das Digitale nun sein Hilfsmittel ist, um seine Arbeiten in die ganze Welt zu Auftraggebern zu versenden. Alles davor entsteht mit der Hand im Atelier. Er malt mit Acryl auf Holzplatten und braucht „viel Struktur", wie er sagt, die er zum Teil mit Messern und Schleifpapier erzielt, weshalb das Material robust sein muss; denn diese spezielle Oberfläche soll auch auf den gedruckten Illustrationen sichtbar bleiben. Solche Vorlagen, die dann mit dem Computer als Scans verschickt werden, sind nicht viel größer als 40 oder 50 Zentimeter und entstehen meist in einem Zug. Anders ist das bei der freien Malerei, die er in Ausstellungen zeigt, wie zuletzt in der Southern Guild Gallery in Kapstadt.

„Gärtnerinnen“ Illustration: Olaf Hajek

Diese Bilder können bis zu 200 Zentimeter messen. „Bei den Gemälden kann es dazu kommen, dass ich Details oder das ganze Bild übermale. Doch ich habe gelernt, dass nichts umsonst war." Eine Struktur, die durch eine Übermalung entsteht, oder eine konkrete Form, die auf einmal wieder abstrakt wird, ist für ihn das Spannende an der Malerei: „Dabei vertraue ich oft der Intuition."

Seine Illustrationen sind Auftragsarbeiten und entstehen im Zusammenspiel mit den Auftraggebern, die freilich wissen, wen sie sich da ausgesucht haben. Sie wollen die Unverkennbarkeit von Hajeks Hand, seinen enormen Wiedererkennungswert. In den Originalen seiner Malerei aber, die zunehmend an Bedeutung für ihn gewinnt, kann er dem ewig unlösbaren Rätsel des Stirb und Werde seine eigene Gestalt verleihen. Diese Bilder erzählen Geschichten. Er ist ein Erzähler-Maler, dem das Futter nicht ausgeht, weil er es versteht, die Vorbilder seiner Inspiration nicht zu instrumentalisieren, sondern sie sich kraftvoll anzuverwandeln, in seinen eigenen Stil zu überführen: Er erschafft Neues. Olaf Hajek hebt die überkommene Grenze zwischen kommerzieller Illustration und freiem Schöpfertum auf – als der Künstler, der er ist.

Quelle: F.A.Z.-Magazin

Veröffentlicht: 19.07.2018 17:49 Uhr