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Mountainbiking im Hochtaunus : Mit Gittern gegen wilde Radler

Es geht bergab: mit dem Mountainbike durch den Taunus Bild: Cornelia Sick

Viele Mountainbiker sind im Hochtaunuskreis jenseits erlaubter Strecken unterwegs. Das hat mit der Corona-Pandemie zu tun.

          3 Min.

          Den Tipp hat Förster Philipp Gerhardt von Spaziergängern bekommen. „Aber ich wäre bald auch selbst darauf gestoßen.“ Mit aufgesprühten roten Pfeilen und grüner Schrift haben Unbekannte deutlich sichtbar gemacht, wo es unterhalb des Bad Homburger Herzbergturms zum „Racetrail“ geht. Mitten durch den Wald hat jemand eine Mountainbike-Strecke angelegt. Der Name ist offenbar Programm. „Der Trail kreuzt zwei Mal einen Waldweg und die Fahrer sind mit hoher Geschwindigkeit unterwegs“, sagt Gerhardt. „Das ist gefährlich.“

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Erst Mitte April hat der Leiter des Reviers Friedrichsdorf seine neue Stelle angetreten. Gleich in der ersten Woche bekam er es mit einem seit langem im Taunus bekannten Phänomen zu tun. Freizeitsportler suchen die Herausforderung, und nicht alle halten sich an die Regeln. In diesem Fall waren sie ebenso rücksichtslos wie hartnäckig. „Der Trail führt durch Jungbestände, die nach den Sturmschäden wieder wachsen sollen, und direkt an zwei Hügeln der streng geschützten Roten Waldameise vorbei“, berichtet der Förster. Er übersprühte die Hinweise mit brauner und schwarzer Farbe. „Nach einem halben Tag waren sie wieder da, alle in derselben Schrift.“ Nach Gerhardts Einschätzung versucht eine kleine Gruppe, die Strecke an dieser Stelle zu etablieren.

          Ausgang ungewiss

          Herausreden gilt nicht. Schilder weisen darauf hin, dass dort das Mountainbike-Fahren nicht erlaubt ist. Ein sogenanntes Hordengitter soll seit Mittwoch die Sportler aufhalten. Ausgang ungewiss, wie Hubertus Behler-Sander aus Erfahrung ahnt. „Früher haben wir illegale Trails mit Baumstämmen und Ästen blockiert“, sagt der stellvertretende Leiter des Forstamts Königstein. „Die haben damit dann neue Schanzen gebaut.“

          Eigentlich war es weitgehend ruhig um das Thema unzulässiger Mountainbike-Routen geworden. Denn organisierte Sportler, Forstamt und Naturpark hatten gemeinsam nach Lösungen gesucht. Die Vereine Gravity Pilots und die Deutsche Initiative Mountainbike setzten sich für den 2018 am Großen Feldberg eröffneten Flowtrail ein, der bis zur Hohemark in Oberursel führt. Durch erhöhte Kurvenränder und Wellen ist er darauf ausgelegt, auch von weniger Geübten zügig durchfahren werden zu können. Steilere Downhill-Abschnitte für rasante Abfahrten und Sprünge bietet der Bike-Park am Nordhang des Großen Feldbergs, betreut vom Verein Wheels Over Frankfurt Radsport. Derzeit scheint der Konflikt neu aufzubrechen, und das hat nach Einschätzung aller Seiten mit der Corona-Pandemie zu tun.

          Keine juristischen Winkelzüge

          Der Flowtrail ist aus diesem Grund derzeit gesperrt. „Anfangs, als das Gesundheitssystem überlastet zu werden drohte, haben wir das freiwillig gemacht“, sagt Oliver Strack, Vorsitzender der für die Strecke zuständigen „Gravity Pilots“. Gestürzte Mountainbiker sollten nicht unnötig die für Corona-Patienten freigehaltenen Krankenhäuser beschäftigen. Kurz darauf wurde der Flowtrail wie alle anderen Sportanlagen von Amts wegen geschlossen. Anders sieht es beim Bike-Park aus. „Unsere Downhill-Strecken gelten offiziell als Weg und nicht als Sportstätte“, sagt Johannes Weinkauf, Vorsitzender von Wheels Over Frankfurt. Hinter der Einschätzung stecken keine juristischen Winkelzüge. „Das spielte schon beim Genehmigungsverfahren eine große Rolle.“

          Dennoch sind auch die „Wheels“ von den Einschränkungen betroffen. „Wir konnten unseren Bike-Park nicht wie geplant mit einer Veranstaltung nach dem Winter auf Vordermann bringen und die Strecke pflegen“, sagt Weinkauf. An die Mountainbiker hat der Verein appelliert, ebenfalls mit Rücksicht auf die medizinische Versorgung vorsichtig zu fahren. Den Park freiwillig zu sperren, hält der Vorsitzende für unrealistisch. „Die Leute suchen ein Ventil.“ Das ist auch der Grund, weshalb Weinkauf die Zunahme der illegalen Trails nicht wundert. „Die Leute haben wegen Corona gerade sehr viel Zeit, und noch dazu sind legale Strecken wie der Flowtrail nicht nutzbar.“ Schon in normalen Zeiten sei die Nachfrage deutlich größer als das Angebot.

          Mit dieser Einschätzung ist Weinkauf nicht allein. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt der stellvertretende Forstamtsleiter Behler-Sander. „Wir finden im Moment illegale Strecken in fast jedem Wald, ob in Königstein-Mammolshain, Sulzbach oder Eppstein.“ Das Phänomen scheine nicht auf den Taunus beschränkt. „Wir haben solche Meldungen auch von der Hessen-Forst-Zentrale in Kassel bekommen.“ Der Forstoberamtsrat versteht den Wunsch der Mountainbiker nach Abwechslung. Aber das Beispiel am Herzberg zeige, „was gar nicht geht“. Manche schnitten Schneisen in Dickungen, also den dichten, heranwachsenden Wald, in dem sich das Wild mit dem Nachwuchs versteckt. Selbst die Zertifizierung des Waldes für die Forstsiegel FSC und PEFC sei durch illegale Trails in Gefahr.

          Auffällig ist für Forst wie Vereine der Unterschied zu den Zeiten vor Corona. Zwar gab es gerade im Taunus mit seinem dichtbesiedelten Einzugsgebiet immer illegale Trails. „Aber mit der Eröffnung des Flowtrails hatte es deutlich nachgelassen“, sagt Gravity-Vorsitzender Strack. Einen weiteren hat der Verein am Schläferskopf in Wiesbaden angelegt. „Dort sind seither alle illegalen Strecken weg.“ Mehr legale Angebote würde sich auch der „Wheels“-Vorsitzende Weinkauf wünschen. „Aber das Genehmigungsverfahren ist ein riesiger Verwaltungsakt.“ Ein positives Signal sei daher die Schaffung der beiden Mountainbike-Trails am Winterstein durch den Naturpark Taunus selbst gewesen. Dessen stellvertretende Geschäftsführerin Carolin Pfaff kündigt weitere Wege um den Winterstein an. Aber sie kennt auch die Grenzen. Dort, wo der Druck am größten sei, gebe es kaum Möglichkeiten. „Der Altkönig zum Beispiel ist Naturschutzgebiet und Naturdenkmal.“ Unterdessen wartet Strack auf die Freigabe der Sportstätten durch die Politik. „Dann machen wir den Flowtrail sofort wieder auf.“

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