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Aus dem achten Jahrhundert : Ein Muster an Tradition

Die Muster ahmen Teppiche nach: Das Mosaik in dem Badehaus stammt aus dem siebten Jahrhundert. Bild: AP

Frühislamische Kunst und Architektur: In Khirbet al-Mafdschar können Besucher ein besonderes Mosaik besichtigen. Es stammt aus dem achten Jahrhundert und war lange nur teilweise freigelegt. Nun kann man es ganz bewundern.

          3 Min.

          Wäre die Geschichte der Restauration des Bodenmosaiks von Jericho eine alte arabische Fabel, so könnte sie vielleicht „Die Geschichte von den Vögeln und den drei Füchsen“ heißen. Sie lautete in etwa so: Fast ein Jahrhundert nach ihrer Entdeckung sollen die spektakulären Bodenmosaike in einem Badehaus aus dem achten Jahrhundert endlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Palästinensische und japanische Archäologen entwerfen einen ausgefeilten Plan für ein riesiges Kuppeldach aus Metall, das über das Gebäude gespannt wird, um die frei­gelegten Überreste vor Hitze und Feuchtigkeit zu schützen. Nach fünf Jahren Bauzeit ist alles bereit, da bemerken die Archäologen ein Problem, mit dem sie nicht gerechnet hatten: Vögel, die durch die Metallgitter an den Seiten der Schutzhülle schlüpfen, könnten durch ihre Hinterlassenschaften die Mosaike schädigen. Und auch drei Füchse haben es schon in den Innenraum geschafft.

          Christian Meier
          Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

          Die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt, ihre Moral (in etwa womöglich: „Wie technologiegläubige Menschen von der Natur überlistet werden“) noch ungewiss. Denn eine Lösung für dieses Problem sei noch immer nicht gefunden, berichtet Mansour Karaja.

          Der Palästinenser gehört zu dem Team von Archäologen, das sich um den Komplex von Khirbat al-Maf­dschar kümmert, der auch unter dem Namen „Palast des Hischam“ bekannt ist. Die rund 60 Hektar große Anlage zählt zu den sogenannten Wüstenschlössern der Umayyaden, der ersten Kalifen­dynastie. Hischam regierte von 724 bis 743 nach Christus – oder, in seinem Kontext bedeutender: ein Jahrhundert nach dem Tod des Propheten Mohammed. Khirbat al-Mafdschar wurde Mitte der 740er Jahre errichtet – als Winterresidenz entweder für den Kalifen Hischam selbst oder für seinen Neffen und Nachfolger al-Walid II. Die alte Oasenstadt Jericho, nördlich des Toten Meeres im Jordantal gelegen, bot ein verträgliches Klima.

          Der Höhepunkt der Dekorationskunst

          Allerdings ist ungewiss, ob der Kalif jemals in dem Palast lebte. Denn schon 749 zerstörte ein Erdbeben Khirbat al-Mafdschar, und kurz darauf wurden die in Damaskus residierenden Umayyaden von den Abbasiden entthront, und das Zentrum des Reiches verschob sich nach Osten. Karaja ist aber überzeugt, dass viele der umayyadischen Prinzen sich hier aufhielten. „Sie wurden in den Palästen der jordanischen Wüste gemäß den Idealen der Beduinen er­zogen“, erzählt der 29 Jahre alte Archäologe. Darüber hinaus waren die Wüstenschlösser Orte der Erholung und der Vergnügung, etwa der Jagd, sie dienten aber auch der Kontrolle wichtiger Handelsrouten. Nicht zuletzt sollten sie wohl Reisende und Nomaden beeindrucken: durch eine aufwendige Ausstattung der Innenräume.

          Aus diesem Grund sind die Wüstenschlösser herausragende Beispiele für frühislamische Kunst und Architektur. Die Paläste und weitere Gebäude der Anlagen waren im Innern mit Reliefs, Malereien und Mosaiken verziert. In Khirbat al-Mafdschar kann man einen der Höhepunkte dieser Dekorationskunst jetzt zum ersten Mal komplett bewundern: Vor wenigen Tagen wurde das Bodenmosaik des Badehauses – Vögeln und Füchsen zum Trotz – für Besucher geöffnet. Auch für ausländische, denn seit Montag dürfen erstmals seit dem Beginn der Corona-Pandemie wieder Touristen nach Israel einreisen – und damit auch nach Khirbat al-Mafdschar fahren, das im palästinensischen Westjordanland liegt.

          Nachhaltige Gestaltung

          Dort bekommen sie eines der größten zusammenhängenden Mosaike der Welt zu sehen. Das 38 Einzelmosaike umfassende Ensemble besteht aus etwa sechs Millionen Teilen. Es erstreckt sich über fast die gesamte Fläche des Badehauses, das mit mehr als 820 Quadratmetern vergleichsweise groß war und unter anderem dem Empfang von Besuchern diente.

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          Das Mosaik wurde in den dreißiger Jahren wiederentdeckt, war bislang aber nur teilweise zugänglich gewesen. Unter dem weißen Kuppeldach wurde nun auf den Säulen der Badehaus-Ruine ein Gehweg errichtet. Über ihn läuft man in mehreren Metern Höhe über die Mosaike hinweg. Dabei hätten die beteiligten Architekten, Archäologen und Konservierungsspezialisten darauf geachtet, dass alles ohne Schwierigkeiten rückbaubar sei, sagt Mansour Karaja. „Für den Fall, dass die Menschheit in 100 Jahren bessere Konservierungstechniken hat als wir heute.“

          Ein fast vollkommenes Werk

          Von oben lassen sich die Mosaike in all ihrer Pracht in Ruhe studieren. Ihre Muster ahmen Teppiche nach: Es dominieren erdige Töne und geometrische und florale Strukturen. In den halbkreisförmigen Nischen des Badehauses ähnelt das Design fast moderner Optical Art: Gezackte Farbbänder in Blau, Rot und Gelb ziehen sich über den Boden.

          In der Mitte des Badehauses, wohl direkt unter der Hauptkuppel, befindet sich wiederum ein großes Medaillon, das aus Tausenden dreieckigen Steinen in unterschiedlichen Farben und Größen besteht. Sie bilden stern- und mandelförmige Muster, die sich zu einer scheinbar ins Unendliche reichenden Spirale verbinden. Einen der kleinen Steine habe der Künstler falsch herum eingesetzt, sagt Karaja. Denn ansonsten wäre sein Werk perfekt gewesen – aber nur Gott ist vollkommen.

          Die für die islamische Kunst typischen abstrakten Muster werden nur an einer Stelle durchbrochen: dem Diwan, einem privaten Empfangsraum. Am Kopfende, wo der Kalif saß, befindet sich eine Darstellung eines Lebensbaums. Unter ihm ist auf einer Seite ein Löwe zu sehen, der eine Gazelle reißt; auf der anderen Seite weiden zwei Gazellen friedlich. Möglicherweise standen die Motive für Krieg und Frieden und für die Macht des Kalifen darüber.

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