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Möbel und Wohnaccessoires : Alle wollen Unikate – auch aus Müll

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Alles kann weiter verwendet werden – auch eine alte Waschtrommel. Sie ist nun rollbarer Tischersatz. Bild: Nathalie Schwartz

„So bunt wie unser Abfall“ und damit individuell: Immer mehr Designer und Heimwerker machen aus Müll Möbel und Wohnaccessoires. Steht die Nachhaltigkeit im Hintergrund, wird das zur Farce.

          Ein Hinterhof-Atelier im Frankfurter Osten. Drinnen stehen Fahrradfelgen neben der Werkbank, ein hölzerner verschrammter Geigenkoffer lehnt an einem Nachtkasten in Bauernoptik, und über dem Sammelsurium hängt eine Trockenhaube zweckentfremdet als Lampe an der Decke. Kreatives, aber notwendiges Chaos herrscht am Arbeitsplatz von Beatrice Anlauff. Die Künstlerin und Steinmetzin hat sich dem Upcycling verschrieben. Den alten Gegenständen in ihrem Atelier haucht sie neues Leben ein, indem sie diese verwandelt. Anlauff hat sich vor allem auf Möbel und Wohnaccessoires spezialisiert. „Inspirationen kommen mir auf dem Flohmarkt, beim Sperrmüll, oder sie fliegen mir einfach zu“, sagt die Künstlerin. Grenzen setzt beim Upcycling nur die eigene Kreativität – doch die ist bei Anlauff groß. So steht in ihrem Atelier eine Schreibtischlampe mit einem Fuß aus Spielzeugdinos und einem Schirm aus einer Konservendose, eine Uhr hat sie an einem Snowboard montiert und eine Wäschetrommel mit einer aufgesetzten und mit bunten Kronkorken verzierten Platte wird zum Tisch.

          Mit ihrer Arbeit ist Anlauff nicht allein, denn immer mehr Menschen erkennen den Reiz alter Dinge. War das vor einiger Zeit noch als nostalgische Schwärmerei oder ökologische Spinnerei verschrien, ist es heute Mode, Fundstücke aufzuwerten. Denn nichts anderes als Aufwerten bedeutet Upcycling im Englischen. Da gibt es etwa den Unternehmer, der Holzmöbel aus Weinkisten fertigt und mit den Genuss-Assoziationen seiner Kunden spielt, das junge Start-up, das alte Materialien mit minimalistischem Design verbindet, das an System-Möbel aus dem Katalog erinnert, oder den Heimwerker, der mit Einfallsreichtum und großem Fundus so manchen Schatz zutage fördert. Idee hinter den Upcycling-Projekten ist es, Dinge nicht wegzuwerfen, sondern durch kreative Umnutzung zurück in den Nutzungskreislauf zu bringen. Das soll Ressourcen schonen und der Umwelt helfen, nicht im Müll zu versinken. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes verursachten deutsche Haushalte im Jahr 2015 durchschnittlich 559 Kilogramm Müll, 101 Kilogramm mehr als 15 Jahre zuvor.

          Erbstücke dem eigenen Stil anpassen

          Dinge, die nicht so leichtfertig im Müll landen, sind Erbstücke. Verbinden deren Besitzer damit doch besonders viel, weiß Künstlerin Anlauff. „Viele meiner Kunden kommen mit einem Erbstück zu mir. Das Möbel passe nicht zu ihrem Einrichtungsstil. Ich mache daraus dann etwas Besonderes, das in der Wohnung heraussticht“, erzählt die Frankfurterin. Ihre Arbeiten sind Einzelstücke. Sie sind bunt. Sie sind schrill. Und sie wollen mit ihrer Ästhetik dominieren. „Upcycling-Werke muss man akzentuiert mit neuen Möbeln kombinieren, denn sie brauchen Raum zum Wirken. Nur Upcycling nebeneinander sieht selten gut aus“, sagt die Künstlerin.

          Beim „Upcycling“ werden ausrangierte Dinge zu neuen Einrichtungsgegenständen verwertet wie dieser Nierentisch und das Telefon - aus dem eine Lampe entsteht (Design Beatrice Anlauff). Bilderstrecke

          Ihre Stücke sollen Blickfang sein, der sowohl Design als auch Umweltbewusstsein verkörpert. Bei näherer Betrachtung wird deutlich: Diese Möbel bestehen ausschließlich aus Müll. Anlauff wählt das Material aus Überzeugung, will sie mit ihrer Arbeit doch ein Zeichen gegen Verschwendung setzen. Sie selbst begann mit der Upcycling-Arbeit während ihres Kunststudiums im australischen Melbourne. „Upcycling ist gerade in aller Munde. Daran merke ich, dass das Thema seine Zeit gebraucht hat. Heute sind Leute zum Beispiel von Dingen fasziniert, die ich schon früher gemacht habe“, sagt Anlauff.

          Den Trend bestätigt auch Michael Braun von der Bauhaus-Universität Weimar. „Wir Menschen suchen das Individuelle und das Besondere – auch im Design“, sagt Braun, der am Lehrstuhl für Theorie und Geschichte des Designs promoviert. Seinen Ursprung habe dieses Phänomen in der Industrialisierung, die durch Massenfertigung die Existenz des langweilenden Immergleichen zur Folge hatte. Der Bedarf nach individuellen Stücken entsteht da von selbst, und heute versprechen die Upcycling-Stücke, die durch die lange Geschichte ihrer Rohstoffe mit ihren Gebrauchsspuren allesamt Unikate sind, genau das. Der Aspekt der Nachhaltigkeit ist da wie die Kirsche auf dem Sahnehäubchen.

          Ob Weinkisten oder Anlauffs bunte Stücke, im großen Kramwarenladen des Upcyclings gibt es unendliche Beispiele, die das Bedürfnis der Menschen nach Unikaten mit dem Versprechen der Umweltverträglichkeit illustrieren. Auch das Berliner Start-up Kaffeeform reiht sich da ein. Nicht mit Möbeln, sondern mit Kaffeetassen verdient das 2015 gegründete Unternehmen sein Geld. Die Tassen werden aus unter Hitze gepresstem Kaffeesatz hergestellt, der mit weiteren biologischen Mitteln versetzt wird.

          Innovationen über das Material – nicht die Form

          Bruchsicher sind diese Trinkgefäße, sie riechen nach Kaffee – und sie variieren produktionsbedingt leicht in ihrem Aussehen. So innovativ das Konzept, so klassisch ist das Design der Tassen mit rundem Unterteller. „Die Innovation möchte ich über das Material und nicht über die Form kommunizieren“, erklärt Gründer und Erfinder Julian Lechner. Seit diesem Jahr hat Lechner drei Mitarbeiter und verkaufte in der ersten Hälfte dieses Jahres nach eigenen Angaben 30.000 Tassen. Der Erfolg spricht für seine Idee, und davon hat er noch mehr: „Ich möchte in den Bereich der Möbel gehen und einen Kaffeetisch aus meinem Stoff herstellen.“

          Individualität mit grünem Versprechen lässt sich jedoch nicht nur kaufen, sondern auch selbst machen. „Die Leute beobachten die Produktkultur und wollen selbst den Spaß des Upcyclings erleben“, sagt Design-Experte Braun. Eine einfache Möglichkeit bieten Europaletten, die Heimwerker mit wenigen Handgriffen in Eigenregie zu Bett oder Bank umfunktionieren können. „Gerade an den Paletten sieht man, dass Upcycling zum Trend geworden ist“, urteilt der Nachwuchswissenschaftler. Doch die Nachfrage nach den Platten ist mittlerweile so groß, dass manche Baumärkte schon gestrichene Paletten anbieten, damit die Kunden diese möglichst einfach zu Möbeln weiterverarbeiten können. „Dem eigentlichen Sinn des Upcyclings steht das völlig entgegen“, stellt Braun klar. Nur wenn die Palette schon mal fleißig Last auf ihren Brettern gespürt hat, es sich um Upcycling handele.

          War dessen ursprünglicher Sinn, Ressourcen zu schonen, geht es im Upcycling-Trend vielfach nur noch um die reine Ästhetik, die mit ihrem Versprechen des Aus-Alt-mach-Neu die so dringlich gewünschte Individualität verspricht. Denn was die verwandelten Objekte in ihrem Aussehen gemein haben, ist nur schwer zu bestimmen. „Zeit- und Designstile werden beim Upcycling vermischt, und so ist das Wesentliche dieser Ästhetik gerade, dass sie so bunt wie unser Abfall selbst ist“, erläutert Braun.

          Arbeiten wie die von Beatrice Anlauff oder das Berliner Start-up Kaffeeform seien Leuchtturmprojekte, die wichtige Impulse setzten, findet der Design-Fachmann. „Selbstverständlich ist Upcycling wichtig, und die Menschen sollen weitermachen, doch man muss es eben richtig durchdringen“, fordert der Weimarer Wissenschaftler. Die Gretchenfrage sei, ob der Heimwerker nur einem Trend nachgeht und sich individuell ausdrücken will oder ob er nachhaltig sein möchte, ob der Künstler neue Kunden gewinnen will oder mit seinen fast ironisch gebrochenen Stücken auch Werte vermitteln möchte. Beatrice Anlauff sitzt derweil in ihrem Atelier und erzählt von ihrer Stelle als Werkunterricht-Lehrerin in Frankfurt. Und von einem Nachbarsjungen, der für sie Kronkorken sammelt. „Wenn man sich erst einmal damit beschäftigt, lebt man bewusster“, sagt sie.

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