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Möbel und Wohnaccessoires : Alle wollen Unikate – auch aus Müll

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Ob Weinkisten oder Anlauffs bunte Stücke, im großen Kramwarenladen des Upcyclings gibt es unendliche Beispiele, die das Bedürfnis der Menschen nach Unikaten mit dem Versprechen der Umweltverträglichkeit illustrieren. Auch das Berliner Start-up Kaffeeform reiht sich da ein. Nicht mit Möbeln, sondern mit Kaffeetassen verdient das 2015 gegründete Unternehmen sein Geld. Die Tassen werden aus unter Hitze gepresstem Kaffeesatz hergestellt, der mit weiteren biologischen Mitteln versetzt wird.

Innovationen über das Material – nicht die Form

Bruchsicher sind diese Trinkgefäße, sie riechen nach Kaffee – und sie variieren produktionsbedingt leicht in ihrem Aussehen. So innovativ das Konzept, so klassisch ist das Design der Tassen mit rundem Unterteller. „Die Innovation möchte ich über das Material und nicht über die Form kommunizieren“, erklärt Gründer und Erfinder Julian Lechner. Seit diesem Jahr hat Lechner drei Mitarbeiter und verkaufte in der ersten Hälfte dieses Jahres nach eigenen Angaben 30.000 Tassen. Der Erfolg spricht für seine Idee, und davon hat er noch mehr: „Ich möchte in den Bereich der Möbel gehen und einen Kaffeetisch aus meinem Stoff herstellen.“

Individualität mit grünem Versprechen lässt sich jedoch nicht nur kaufen, sondern auch selbst machen. „Die Leute beobachten die Produktkultur und wollen selbst den Spaß des Upcyclings erleben“, sagt Design-Experte Braun. Eine einfache Möglichkeit bieten Europaletten, die Heimwerker mit wenigen Handgriffen in Eigenregie zu Bett oder Bank umfunktionieren können. „Gerade an den Paletten sieht man, dass Upcycling zum Trend geworden ist“, urteilt der Nachwuchswissenschaftler. Doch die Nachfrage nach den Platten ist mittlerweile so groß, dass manche Baumärkte schon gestrichene Paletten anbieten, damit die Kunden diese möglichst einfach zu Möbeln weiterverarbeiten können. „Dem eigentlichen Sinn des Upcyclings steht das völlig entgegen“, stellt Braun klar. Nur wenn die Palette schon mal fleißig Last auf ihren Brettern gespürt hat, es sich um Upcycling handele.

War dessen ursprünglicher Sinn, Ressourcen zu schonen, geht es im Upcycling-Trend vielfach nur noch um die reine Ästhetik, die mit ihrem Versprechen des Aus-Alt-mach-Neu die so dringlich gewünschte Individualität verspricht. Denn was die verwandelten Objekte in ihrem Aussehen gemein haben, ist nur schwer zu bestimmen. „Zeit- und Designstile werden beim Upcycling vermischt, und so ist das Wesentliche dieser Ästhetik gerade, dass sie so bunt wie unser Abfall selbst ist“, erläutert Braun.

Arbeiten wie die von Beatrice Anlauff oder das Berliner Start-up Kaffeeform seien Leuchtturmprojekte, die wichtige Impulse setzten, findet der Design-Fachmann. „Selbstverständlich ist Upcycling wichtig, und die Menschen sollen weitermachen, doch man muss es eben richtig durchdringen“, fordert der Weimarer Wissenschaftler. Die Gretchenfrage sei, ob der Heimwerker nur einem Trend nachgeht und sich individuell ausdrücken will oder ob er nachhaltig sein möchte, ob der Künstler neue Kunden gewinnen will oder mit seinen fast ironisch gebrochenen Stücken auch Werte vermitteln möchte. Beatrice Anlauff sitzt derweil in ihrem Atelier und erzählt von ihrer Stelle als Werkunterricht-Lehrerin in Frankfurt. Und von einem Nachbarsjungen, der für sie Kronkorken sammelt. „Wenn man sich erst einmal damit beschäftigt, lebt man bewusster“, sagt sie.

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