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Moderne Hausgemeinschaften : Die Raumteiler

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Werden die Bewohner dieser in München geplanten Wohntürme Freunde, weil sie sich die Dachterrasse teilen? Die Projektentwickler jedenfalls haben das Vorhaben hoffnungsvoll „Friends“ genannt. Bild: Simulation Bauwerk Capital

Wohnanlagen mit Partyräumen, Lounge und Dachgärten für alle kommen in Mode. Das soll die Gemeinschaft fördern und entspricht dem gegenwärtigen Trend zur Sharing-Kultur. Doch brauchen wir das?

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          Wenn es nach Architekten und Bauträgern geht, leben wir demnächst so: Die separate Wohnküche hat ausgedient, im offenen Wohn/Essbereich schmiegt sich irgendwo nur eine Kochzeile in eine Ecke. Im Schlafzimmer ist Platz für ein Doppelbett, aber nicht für sehr viel mehr. Und das Bad käme beinahe in einer Telefonzelle unter. Damit passt das Privatleben auf 50, vielleicht auch 60 Quadratmeter. So soll das Wohnen auch in teuren Großstädten erschwinglich bleiben. Trotzdem hat jeder Bewohner reichlich Platz: Er lädt seine Freunde zum Kochabend einfach in eine stylische Loungeküche ein, die größer ist als seine gesamte Wohnung. Oder er trifft sich nach Feierabend mit den anderen Hausbewohnern auf der Dachterrasse. Die ist ein mehrere hundert Quadratmeter großer Traum - und längst noch nicht alles. Auch ein Fitnessstudio und eine Sauna stehen allen Bewohnern offen, und es gibt einen Putz- und Bügelservice, der ihnen lästige Arbeiten abnimmt. Die Sharing-Kultur, die Kultur des Teilens hat auch den Wohnungsmarkt erreicht.

          Ein Traum? Nein, in vielen Städten ist es längst Wirklichkeit: In Wien, Zürich, und Berlin gibt es bereits Wohnanlagen mit üppigen Gemeinschaftsflächen. Sie teilen sich Dachgärten, Schwimmbäder, Saunen, Bibliotheken, Versammlungsräume oder Fahrradgaragen. In München wird gerade der Komplex mit den Küchenlounges und der Dachterrasse gebaut. Solche Häuser bieten nicht mehr dem Einzelnen ein Maximum an Raum, sondern setzen auf Komfort für alle. Schließlich teilen wir uns auch Autos und Fahrräder über Rent-a-Car- oder Rent-a-Bike-Dienste. Wir leihen uns gegenseitig Werkzeuge, Gartengeräte oder Sportutensilien über Tauschplattformen und konsumieren Bücher, Kleidung oder Musik nicht mehr allein, sondern lassen sie im Freundeskreis rotieren. Es geht nicht mehr darum, dass jeder unbedingt alles besitzen muss, sagen Soziologen, vor allem keine Dinge, die man nicht permanent benötigt. Hauptsache ist, dass wir etwas nutzen können, wenn wir es wirklich brauchen. In Summe schafft die Share-Economy mit ihrem gemeinschaftlichen Konsum mehr Wohlstand für alle, so hat es Harvard-Ökonom Martin Weitzman formuliert.

          Kollektive Räume steigern das Wohlbefinden

          Warum also sollen wir nicht auch angesichts knapper Flächen in den Städten aufs Teilen setzen? Schließlich hat das „kollaborative Wohnen“ gleich zwei Effekte, sagen die Entwickler: Der Einzelne spart und kann sich so einen Lebensstandard leisten, der sonst nicht für ihn erschwinglich wäre. Allerdings: Die Wohnungen sind nicht gerade Schnäppchen. Die billigsten Eigentumswohnungen in den Münchener Wohntürmen kosten stattliche 6000 Euro pro Quadratmeter. Man kann dort auch mühelos eine halbe Million für 50 Quadratmeter ausgeben. Dafür lebt man mitten in der Stadt und bekommt ein Fitnessstudio frei Haus. Argument Nummer zwei: Keiner lebt anonym, sondern findet Anschluss an die Hausgemeinschaft. Nicht umsonst haben die Entwickler die Münchner Wohntürme „Friends“ genannt.

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