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Mein Lieblingsort (7) : Der Strand von Haifa

  • -Aktualisiert am

Ach Strand: Ein Blick von der Terrasse, dann ging es ab ins Auto. Bild: Friederike Haupt

Wer glaubt, ein Besuch am Strand sei im Israelurlaub ein alltägliches Vergnügen, hat die Rechnung ohne die Großfamilie gemacht. Dank eines lückenlosen Programms und Mahlzeiten-Marathons scheint ein Tag am Meer unmöglich. Doch dann kommt es anders.

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          Als ich das letzte Mal in Israel war, fuhr ich auch für drei Tage nach Haifa. Dort lebt ein Onkel von mir. Ich hatte ihn zwar seit Jahren nicht gesehen, aber meine Mutter gab mir vor der Reise seine Mailadresse, und als ich ihm schrieb, ob ich bei ihm übernachten dürfe, stimmte er sofort zu. Ich wusste, dass es noch zwei Tanten in Haifa gibt, und als der Onkel mailte, er plane dann schon mal ein Abendessen für die ganze Familie, nahm ich an, er meinte damit neben seiner Frau und den Söhnen eben diese beiden Tanten.

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          Zu dem Essen erschienen ungefähr zwanzig Personen. In welchem verwandtschaftlichen Verhältnis sie zu mir standen, war schwer zu durchdringen, anscheinend waren Cousinen, Cousins, Nichten und Neffen meines Onkels und der Tanten darunter. Sie überreichten mir Goldschmuck und Zuckermandeln und strahlten, als würde ich uns nun alle erretten. Aber in der Küche hörte ich sie streiten: darum, wer mich in den nächsten Tagen wann bewirten durfte. Es wurde ein Zeitplan erstellt, der pro Tag fünf Mahlzeiten vorsah. Die Zeit dazwischen sollte für Transporte von einem Haus zum anderen genutzt werden.

          I miss you, I love you, I want to come to Israel again

          Am nächsten Morgen trödelte ich herum. Ich hoffte, dadurch einen erholungsbedürftigen Eindruck zu machen und zum Spaziergang entlassen zu werden. Von der Terrasse sah ich den Berg Karmel hinunter aufs leuchtend blaue Meer. Doch mein Onkel interpretierte den ziellosen Blick in die Ferne als Zeichen von Langeweile, und alsbald blies er zum Aufbruch. Zuerst ging es zu einer der Tanten. Sie hatte einen riesigen Balkon, bestand aber darauf, dass alle im klimatisierten Wohnzimmer saßen. Kühle war ein Statussymbol. Zu essen gab es Nudeln mit Fleischklößen - so stellte sich meine Tante die Lieblingsmahlzeit einer Deutschen vor. Das Gespräch bestand hauptsächlich darin, dass ich mein Leben erzählte und Fragen danach beantwortete, wie es als Tochter einer Israelin in Deutschland sei und ob mir Israel gefalle, ich komme ja nicht so oft zu Besuch. Ein fünfzehnjähriger Cousin sagte ernst und traurig, ich sollte nun endlich Hebräisch lernen. Er sprach mir die seiner Meinung nach wichtigsten Sätze ins iPhone, dazu die englische Übersetzung. Ich sollte sie abhören und pauken. I miss you. I love you. I want to come to Israel again.

          So ging es immer weiter, auch am nächsten Tag. Bis die Frau meines Onkels mich zwischendurch im Auto fragte, ob ich eigentlich irgendetwas in Haifa besichtigen wollte. Ich war müde und sagte nein. Lieber sitzen und reden als noch irgendwelche Kirchen durchschreiten und reden. Nur an den Strand, sagte ich, das wäre schön. Die Tante war überrascht. Keiner aus der Familie interessierte sich für den Strand. Dort war es heiß, und das Salzwasser verklebte das Haar. Die Tante fragte, ob es für mich in Ordnung sei, allein baden zu gehen. Ich sagte sofort ja.

          Es war, als wäre ich lange weg gewesen

          So wurde der Strand von Haifa mein Lieblingsort. Es ist wunderbar ruhig dort. Ein paar Holzbuden haben Eis und Bier, und sonst gibt es nur Sand und das warme Meer. Es bricht sich in ziemlich hohen Wellen am Strand, aber das stört keinen, nur manchmal kreischt irgendein Mädchen seinem Bikini-Top hinterher. Dann kommt ein Junge und bringt es wieder, und zum Dank kriegt er ein Eis oder auch nichts. Ich lag in der Sonne und dachte nicht weiter als bis zu den Möwen über mir.

          Am Abend holte mein Onkel mich ab. Er berichtete stolz, dass es ihm ohne Streit mit den anderen gelungen sei, die ausgefallenen Essen zu einem großen Treffen am Abend zu bündeln. Seltsamerweise freute ich mich darauf. Es war, als wäre ich lange weg gewesen und hätte viel erlebt. Und Hunger hatte ich auch.

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