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Mein Lieblingsort (6) : Die Shell-Tankstelle in Erlenbach

  • -Aktualisiert am

Shell-Tankstelle in Erlenbach: Eine von 14.000 in Deutschland und doch besonders Bild: Wolfgang Peters

Es riecht nach Benzin und Kaffee, und das Licht ist immer neongrell. Hier kann man nur das Auto auftanken? Nein, hier kann man viel über Menschen und Fahrzeuge lernen!

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          Es ist 6 Uhr und mein Lieblingsort erwacht. Auf einen Schlag ist die Shell-Tankstelle am Ortsrand von Erlenbach am Main in das grelle Licht aus Leuchtstoffröhren getaucht. Die Umgebung ist noch dunkel. Und es ist keine Villengegend. Aber man kann sich heimisch fühlen. Ein Laden für türkische Kleidung, eine Döner-Theke, eine Gaststätte für scharfe Feuerhähnchen, ein Geschäft, das mit allem handelt, was irgendwie mit Elektronik zu tun hat und mit elektrischem Strom betrieben wird. Zwei Häuschen, umzingelt von Gebrauchtwagen, alle sauber poliert. Dann eine freie Werkstatt mit einem philosophierenden Besitzer, in der alles für alle repariert wird, was sich noch auf vier Rädern halten kann. Insgesamt keine Ecke, in der man sich mit seinem Mädchen für das erste Mal verabreden würde.

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          Aber es bleibt auf dem Gelände der Tankstelle nach dem einfachen Umlegen eines Schalters im hellweißen Licht keine dunkle Nische. Es ist alles prima ausgeleuchtet, die Markenzeichen des Mineralölunternehmens sind die Leuchtzeichen der mobilen Gesellschaft. Romantisch ist das nicht, aber notwendig. Nur wer gesehen wird, wird zum Ziel des Einkaufs.

          In den frühen Stunden des neuen Tages sind ohnehin fast nur Stammgäste unterwegs. Sie holen sich alles für den Start in den Tag. Die Zeitung mit den großen Buchstaben, den Becher Kaffee (der Pott für 1,70 und der Tee für einen Euro) und den Sprit für das Auto. Eben ist Fatma gekommen, hinter ihr zwei Handwerker in ihren mit Farbe bekleckerten Overalls, sie füllt jeden Morgen drei Becher Kaffee für das Büro, und wir reden über ihren alten Dreier von BMW, der fast perfekt ist, wenn da nicht sein hoher Verbrauch wäre, und dann die Kosten. Diese Sorgen haben alle.

          Andreas N. ist der Tankstellenpächter und ein nicht eben schmaler Mann in den besten Jahren, mit einem guten Gefühl für die Innereien eines Autos und für die Gemütslage seiner Kunden. Er könnte auch eine gemütliche Kneipe mit Zapfhähnen für Pils betreiben. Damit hätte er wohl ähnlichen Erfolg. Er hat die mit vier großen Mehrfach-Zapfsäulen und allen gängigen Benzin- und Dieselsorten operierende Tankstelle vor gut 13 Jahren übernommen und ist alles in einer Person: trotz Selbstbedienung ein Tankwart der alten Schule. Mit properem Waschwasser-Eimer, Papiertüchern, Luftdruck-Schlauch und zwei Staubsaugern, er ist der Kassenwart und Regalauffüller, Gesprächspartner und spontaner Helfer, hinter den Kulissen noch Buchhalter und Arbeitgeber.

          Die Kühlwände schnurren ihre vertrauten Lieder

          An der Kasse wechselt sich Andreas N. mit seiner Frau und zwei, drei Angestellten ab. Wenn er nicht gerade mit Laika, einer bedächtigen Retriever-Hündin, unterwegs ist. Heute ruft Ramona, eine quirlige Einundvierzigjährige, schon am frühen Tag ihr sehr wach klingendes „Guten Morgen“ durch den Raum: „Ich liebe meine Arbeit“, sagt sie und bricht energisch eine Rolle Kleingeld in die Kasse. Es sind etwa 75 Quadratmeter Fläche für den Raum mit dem Sortiment eines kompakten Supermarkts, viel freien Platz gibt es nicht mehr, eine Tankstelle wie 14 000 andere in Deutschland, aber eine mit der Atmosphäre von Menschen, die unter dem kalten Licht einen guttuenden Hauch von Wärme bereithalten.

          Hinten links, vor einer der flächendeckenden Regalwände, sind zwei Stehtische. Hier gibt es Kaffee und kalte Getränke, die Kühlwände schnurren ihre vertrauten Lieder, und eine Familie von Plüschtieren wartet geduldig. Wenn der morgendliche Andrang vorüber ist, stehen meist ältere Männer an den beiden Café-Tischen, sie rühren in ihren Kaffeebechern und beobachten Vorgänge, wie sie seit vielen Jahren immer wieder ablaufen. Auch heute wird es keine Überraschungen geben. Es ist eine kleine Welt aus Müßiggang und rascher Pause, aus Gesprächen mit bekannten Pointen und einem dünnen Duft aus Benzin und Kaffee. Man kann an diesem Lieblingsort viel über Menschen und Autos lernen.

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