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Mein Lieblingsort (4) : Universitätsbibliothek Halle

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Dieser Ort steht unter göttlichem Schutz: Athene wacht über ihn und die Besucher, seit 200 Jahren schon. Es ist ein Tempel des Geistes.

          3 Min.

          Früher hat es gekratzt und geraschelt, heute wird viel geklickt und getippt. Die Computer schnurren vor sich hin. Auf den langen Holztischen stapeln sich Bücher, Folianten und Kataloge. Dicke und dünne, leichte und schwere, Lektüre in vielen Sprachen und zu vielen Themen: Medizinisches und Mathematisches, Astronomisches und Philosophisches. Die Werke von Generationen, versammelt, geordnet und katalogisiert.

          Das Kastenhaus, Hochschule Sankt Georgen Urgroßvaters Laube Kalker Stadtgarten Der Strand von Haifa Die Gruft der Wittelsbacher S&K Fittings in London Phoenix Tea - Salon de Thé in Frankfurt Berliner Philharmonie
          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die mehr als zweihundert Jahre alte Universitäts- und Landesbibliothek in Halle an der Saale besteht aus zwei hohen Häusern aus der Gründerzeit. Links von der Straße die Verwaltung im einstigen Gebäude des Oberbergamts; rechts der Magazinbau samt Lesesaal und Ausleihe. Ein Bitterfelder Backsteinbau aus der Feder des preußischen Baumeisters Ludwig von Tiedemann. Der sollte später Berlin und Potsdam mit seinen Kirchenbauten überziehen. Der Bibliotheksbau von Halle war sein erster großer Auftrag. Ein frühes Meisterwerk.

          Beide Häuser sind bis unter die Dächer vollgestopft mit Wissen. Die Bibliothek von Leipzig mag größer und die von Berlin repräsentativer sein. Doch Halle ist übersichtlich und sympathisch. Der alte Katalog wurde in deutscher Handschrift erstellt, findet sich in durchalphabetisierten Pappschubern wieder. Das über mehrere Etagen reichende Büchermagazin ähnelte einem riesigen überdachten Stahlregal. Der Lesesaal liegt unter einem hohen Gewölbe. Er ist die gute Stube der Literatur, ein Tempel des Geistes, ein Ort geschäftiger Ruhe.

          Dort hatte ich Ende der achtziger Jahre als Student der deutschen Literatur und Geschichte zum ersten Mal Schopenhauer und die Werke Wielands gelesen, die Bücher Anselma Heines, die Gedichte Benns und Rilkes und den zweiten, vierten sowie siebenten Band der Propyläen Weltgeschichte - von den antiken Hochkulturen bis zur Reformation. Heute etwas veraltet, doch noch immer ein Lektüregenuss. Die Prachtausgabe mit Ledereinband und Farbtafeln steht an ihrem alten Platz.

          Dort hatte ich Anfang der Neunziger den Großteil meiner Studienzeit verbracht, hatte jede Menge Haus-, Semester- und zwei Magisterarbeiten geschrieben, meine Bewerbungen für das Studium in London und das Volontariat in Frankfurt. Immer wenn ich heute in die Stadt meiner Kindheit und Jugend fahre, gehe ich für ein oder zwei Stunden in den alten Lesesaal. Zuletzt ließ ich mir nach einer monatelangen Reise zu den letzten italienischen Seidenwebereien die vielbändigen Werke Ferdinand von Richthofens kommen, einem deutschen China-Reisenden, der Ende des 19. Jahrhunderts das Riesenreich erkundet hatte und die Bezeichnung „Seidenstraße“ prägte. Halle hat, wie so oft, die erste Auflage seiner Werke. Mit handschriftlichen Anmerkungen im Sütterlin.

          Wächterin: Pallas Athene, Göttin der Künste
          Wächterin: Pallas Athene, Göttin der Künste : Bild: Stephan Finsterbusch

          Die Bibliothekare haben den Katalog inzwischen modernisiert und digitalisiert, das Magazin entstaubt und neu geordnet. Das Grau an den Wänden wich einem hellen Ocker; die alten Deckengemälde sind freigelegt und restauriert; über der langen Eingangstreppe wacht nach wie vor Athene - das Lieblingskind des Zeus, die Göttin des Krieges und der Weisheit. Geharnischt, bewaffnet und behelmt. Unten in der Eingangshalle stehen wie eh und je die Büsten von Luther und Melanchthon, der Namensgeber und der geistige Vater der Universität. Oben, vor der hohen Flügeltür zum Lesesaal, wachen die überlebensgroßen Abbilder von Goethe und Schiller. Der eine wie stets etwas zu arrogant, der andere wie so oft ein wenig zerknirscht. Klassiker und Ideale. Die Deutschen mochten es schon immer stolz und schwer. Drinnen im Saal lassen Lexika und Enzyklopädien, Wörterbücher und Nachschlagewerke aller Art die Bretter der neuen Holzregale sich langsam wieder nach unten biegen. Die alten ausgedienten Einrichtungen flogen vor zwanzig Jahren raus. Mit der Wende im Osten begann der große Kehraus. In den Bibliotheken und an den Universitäten. Das gab dem halleschen Lesesaal seine alte Pracht zurück, nur die alten Bakelit-Leselampen des Bauhaus-Designers Christian Dell gingen verloren. Sie landeten im Müll - leider.

          Damals wie heute wird in den hinteren Reihen des Lesesaals viel getuschelt und geflüstert; damals wie heute sind bei den Medizinern die Armlehnstühle immer gut besetzt. Wer einen freien Platz sucht, geht in die Ecke der Philosophen und Literaten. Dort findet man alles, was man zu Lesen braucht. Dort klickt und tippt man sich nicht nur über die Computertasten, dort raschelt man auch noch immer mit dem Papier.

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