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Mein Lieblingsort (12) : Die Yogamatte

Bild: Masterfile

Yoga ist mehr als Fitness und Lifestyle. Wer sich auf der Matte niederlässt, kann beeindruckende Dinge über den eigenen Körper erfahren - und über sich selbst.

          2 Min.

          Mein Lieblingsort ist gar nicht groß, nur etwas größer vielleicht als mein Schreibtisch. Ein Meter neunzig lang, sechzig Zentimeter breit, roll ich ihn wie eine Schlange vor mir aus und lass mich nieder auf der dünnen Kautschukmatte. Sie ist rutschfest und hat kleinen Noppen - doch nicht nur das gibt mir und meinen Händen Halt. Es ist ein Lieblingsort to go, überall auf der Welt kann er für mich sein - in Spanien oder in der Türkei, in Frankfurt-Bornheim und sogar in Offenbach.

          Anne-Christin Sievers
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Wenn ich hier bin, ist rundherum alles still, die Zeit hält an. Dabei tue ich auf der Matte gar nichts Großes oder Besonderes: Ich liege, ich sitze, ich atme, ich konzentriere und bewege mich. Und doch habe ich dort schon so Unglaubliches erfahren, so viel Schönes gesehen und gehört - und erlebt, dass mein Körper oft besser als ich selbst weiß, was zu tun ist: demütig und dankbar zu sein für jede Bewegung, die heute geht; Verbindung zu spüren und nicht nur die Muskeln immer wieder loszulassen; mit dem eigenen Atem auch sich selbst aus einer ganz anderen Perspektive zu beobachten; Grenzen des eigenen Körpers zu überwinden, sie aber auch zu erkennen - sie anzuerkennen.

          Bewegen, verbinden, loslassen: was mein Körper erfährt, vollzieht mein Geist nach, und es hinterlässt Spuren in ihm - die Spuren bleiben, und sie verändern, wer ich bin.

          Kein Allheilmittel, kein Freifahrtschein ins Glück

          Manchmal erscheinen Berichte über meinen Lieblingsort. Sie erzählen von geschmeidigen Gliedern in akrobatischen Posen, von Hype und Trend und Lifestyle, von gefährlichen Gurus und fremden Gesängen, von „Omm“ und „Shanti“ und Ringelpiez mit Anfassen. Ein bisschen albern ist das Ganze schon, diese kuriosen Verrenkungen einiger spirituell Verblendeter, scheint der Subtext manch eines Artikels zu sein. Manchmal sehe ich förmlich den Berichtenden vor mir, mit verschränkten Armen und amüsierter Visage, wie er von oben herab auf seinen Gegenstand blickt oder warnend mit dem erhobenen Zeigefinger wedelt. Doch all das hat nichts mit dem zu tun, was ich hier meine.

          Würde mich noch jemand ernst nehmen, wenn ich emphatisch aus dem Erleben heraus beschriebe, wie sehr ich an die Kraft meines Lieblingsortes glaube, was er mir bedeutet und was ich ihm zu verdanken habe? Und das heißt keinesfalls, er sei ein Allheilmittel, ein Freifahrtschein ins Glück. Er kann heilsam sein, und man kann sich an ihm verletzen. Er bewahrt vor keinem Schmerz, vor keiner Angst und keiner Enttäuschung. Aber vielleicht hilft dieser Ort, sich danach wieder anders aufzurichten, so wie die Wirbelsäule sich immer wieder aufrichtet in der Bergstellung, fest und standhaft wie ein Felsen, die Brust weit, die Füße fest im Boden verwurzelt.

          Jetzt werde ich pathetisch. Ich weiß, als Journalist macht man so etwas nicht, man muss objektiv sein oder zumindest den Anschein erwecken, abwägend und unberührt zu bleiben. Mit keiner Sache soll man sich gemein machen - auch nicht mit einer guten. Aber das ist mir an dieser Stelle einmal egal. Weil das hier ein Bekenntnis ist, ein Loblied, eine Hymne an meinen Lieblingsort. Manch einer mag das lächerlich finden. Sei’s drum. Mich fasziniert immer wieder, wie dieser Ort wirkt, nicht nur auf mich, sondern auf viele Menschen, denen ich dort schon begegnet bin.

          Ich suche noch nach einer Sprache, einer, die meinem Lieblingsort zugewandt ist, ohne in euphemistische Phrasen und Glückskeksweisheiten abzugleiten. Und nach einer, die ihn ernst nimmt, ohne in der kritisch-analytischen Distanz sein Wesen zu ersticken.

          Noch hab ich diese Sprache nicht gefunden. Vielleicht hört sie auch irgendwo auf. Anstatt zu urteilen, zu analysieren und von außen zu beschreiben, bleibt so lange wohl nur eine Möglichkeit, herauszufinden, was ich meine: sich darauf einzulassen und es selbst zu erfahren.

          Anne-Christin Sievers praktiziert seit vier Jahren Hatha- und Kundalini-Yoga. Als Wirtschaftsredakteurin betreut sie das Ressort Finanzen auf FAZ.NET.

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